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Eine kleine Anfrage der AfD im Bundestag, zur demographischen Entwicklung von Menschen mit besonderem Förderbedarf, wird derzeit stark auf Facebook verteilt.

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In sozialen Foren kursieren derzeit Screenshots und *.pdf-Dokumente zu einer kleinen Anfrage der Alternative für Deutschland (AfD), in welcher sie durch die Bundestagsverwaltung beantwortet wissen möchten, wie sich die Anzahl der Menschen mit besonderem Förderbedarf (Behinderungen) entwickelt hat. Zumindest erweckt es den Anschein, als ginge es um rein demographische (also Bevölkerungsentwicklung) Daten, die angefragt werden.

Screenshot: kleine Anfrage der AfD im Bundestag
Screenshot: kleine Anfrage der AfD im Bundestag

Vorab: die Anfrage ist tatsächlich so eingereicht worden und auf den Servern der Bundesregierung unter folgendem Link zu finden: Bundestag

Inhaltliche Einordnung

Der erste Teil der Anfrage ist eine rein statistische, die sie mit Hilfe des Bundesamtes für Statistik auch selbst hätten beantworten können. Die Daten sind für alle frei zugänglich in der Datenbank DeStatis und das haben sie in der Einleitung ja auch selbst festgestellt. Frage 1 wäre somit obsolet, soll aber die Grundlage für die nachfolgenden Fragen bilden. In den Folgefragen geht es um die Ursachen für die Behinderungen (genetisch, durch Unfall, Behandlungsfehler etc.). Vor allem aber, wie sich die Ursachen im Langzeitverlauf verändert haben.

Die Ursachen für Behinderungen sind so vielfältig wie die gesamte Bevölkerung auch. Im Falle von Unfällen müsste man dezidiert jeden einzelnen Fall untersuchen und Vorkehrungen treffen, damit diese Unfälle nicht mehr geschehen können. Damit ginge jedoch eine Einschränkung der Freiheiten eines jeden einzelnen Menschen einher. Arbeitsunfälle werden grundsätzlich von der Gemeindeunfallversicherung und deren Mitarbeitern untersucht und geeignete Maßnahmen zur künftigen Vermeidung ebendieser Unfallursachen eingeleitet.

Genveränderungen lassen sich in Teilen medizinisch vorhersagen, die Entscheidung, ob ein Kind auf die Welt kommt, hat jedoch nicht die Politik zu treffen, sondern ausschließlich die werdenden Eltern.

Zurück zur kleinen Anfrage:

Die vierte Frage möchte explizit Beeinträchtigungen durch Inzest in Erfahrung bringen, Frage 5 differenziert dann noch stärker und möchte die Zahl der Inzestfälle in Familien mit Migrationserfahrung wissen. Hier wird in Punkt 5 gezielt um die Antwort gebeten, wie hoch der Anteil von inzestbedingten Behinderungen in Migrantenfamilien ist.

Die sechste Frage möchte dann eine Gegenüberstellung in Erfahrung bringen, wie viele Menschen mit besonderem Förderbedarf über Migrationserfahrung verfügen.

Einordnung aus sozialwissenschaftlicher Sicht

Die statistischen Daten sind erst einmal nur quantitative Ergebnisse, über die qualitative Aussagekraft sagt die Anzahl von Menschen mit besonderem Förderbedarf nichts aus. Es gibt die Möglichkeit, dass es

a) mehr Menschen mit besonderem Förderbedarf als früher gibt, da die Unterstützungs- und Inklusionsmöglichkeiten in den letzten Jahren auch in ländlichen Regionen ausgeweitet wurden,
b) weniger Menschen mit besonderem Förderbedarf als früher gibt, da die Diagnosemöglichkeiten besser wurden und die werdenden Eltern sich eher für Abbrüche entschieden,
c) mehr Menschen mit besonderem Förderbedarf als früher gibt, da die Diagnosemöglichkeiten besser wurden und die werdenden Eltern wussten, was auf sie zukommt,
d) die Anzahl von Menschen mit besonderem Förderbedarf anstieg, da sich die Haltung und Wertevorstellungen der Menschen verändert haben,
e) insgesamt ein Anstieg von Menschen mit besonderem Förderbedarf zu verzeichnen ist, da sich auch die Bevölkerungsentwicklung positiv nach oben hin verändert hat und es sich somit um einen gleichmäßigen Anstieg handelt.

Inwiefern diese Anfrage einen gesellschaftlichen Mehrwert darstellt, lässt sich an dieser Stelle nicht sagen. Die Forschung in der Medizin läuft auch unabhängig von der Anfrage auf Hochtouren und der medizinische Fortschritt lässt sich auch nicht durch einen politischen Antrag im Bundestag verändern.

Perspektivisch bleibt zu hoffen, dass sich aus dieser Anfrage zu Behinderungen und Inzest nicht Folgefragen in Bezug auf Rasse und (Eu-)Genetik aufwerfen, sondern Menschen weiterhin das bleiben dürfen, was sie sind: Menschen. Egal mit welcher Hautfarbe, welchem Geschlecht, welcher Herkunft oder oder oder.

Artikel: Gordana Rammert

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