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Eine Meinung zu haben, ist eine Sache. Diese Meinung bei jeder Gelegenheit herauszuposaunen, eine ganz andere. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Menschen ihr Recht auf Meinungsfreiheit mit einer Pflicht zur Meinungsäußerung verwechseln. Eine Veganerin fordert, ein Lied aus einem Glockenspiel zu nehmen, weil es Gewalt gegen Tiere verherrlicht? Die Hetzjagd kann losgehen. Dabei ist es irrelevant, um was es genau ging. Überschriften zu lesen reicht ja.

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Wer diese These empirisch bestätigt sehen möchte, schaue sich einfach nur in den Kommentarspalten der Zeitungen oder in den sozialen Netzwerken um. Ob Gender, Veganismus, Islam oder Flüchtende – Kommentarspalten zu den genannten Themen sind binnen Minuten gefüllt. In Norwegen führte ein Medienunternehmen kürzlich folgendes ein: User*Innen dürfen nur kommentieren, wenn sie drei Fragen zum betreffenden Artikel beantworten können. Ob diese Idee Erfolge zeitigen wird, wird sich erst noch zeigen müssen. Allerdings handelt es sich dabei nur um Symptombekämpfung.

Warum müssen wir zu allem unseren Senf dazu geben?

Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, müssen wir zwei Frage stellen: Woher kommt der Drang zur Meinungsäußerung und in welchem Verhältnis steht er zur Komplexität der Welt? Ein einfacher Erklärungsansatz besteht darin, dass es immer einfacher ist, sich Gehör zu verschaffen. Durch das Internet findet noch jede Meinung ihre Zuhörer*innen, ebenso wie jedes Medium seine Kommentator*innen findet. Das alleine reicht aber nicht aus. Die These ist, dass es immer mehr darum geht, die eigene Meinung bei jedem x-beliebigen Thema zu äußern. Das beschränkt sich nicht nur auf das Internet, sondern wird auch am „Stammtisch“ und in persönlichen Gesprächen deutlich. Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und eine möglichst deutliche Sprache zu wählen: Der Grund dafür ist die Vereinsamung der Individuen und ihre (gefühlte oder reale) Machtlosigkeit, die wiederum ihren Grund in dem vorherrschenden Konkurrenzprinzip und der ihr entsprechenden kapitalistisch-demokratischen Gesellschaftsform besitzt. Nicht der Kapitalismus ist schuld, nein, aber eine Denkweise, bei der Menschen andere Menschen als Konkurrenten und Wertobjekte betrachten, und bei der Menschen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht einverstanden sind.

Wir sind eine Gesellschaft voller Egoist*innen.

Eine Gesellschaft jammernder Egoist*innen, die denken, sie seien zu kurz gekommen und müssten sich nun ihren Anteil am allgemeinen Reichtum sichern, zumindest aber einen Anteil am Gejammere darüber, wie schlecht es einem persönlich geht und wie schwer man es doch hat. Der erste Impuls der Egoist*innen bei einem Gespräch ist: Was bedeutet das für mich? Was hat das mit mir zu tun? Welchen Vorteil kann ich daraus ziehen? Man trifft sie ständig. Sie fragen nicht, wie es einem geht. Und wenn, dann nur, um sogleich jede Äußerung mit dem eigenen Leben zu vergleichen. Wie vielen Menschen begegnet man dagegen noch, die noch zuhören? Trifft man nicht viel eher Menschen, die nur darauf warten, die von den eigenen Befindlichkeiten zu erzählen? Wer ist noch wirklich an einem ernsthaften Diskurs interessiert, bei dem das Ergebnis nicht schon feststeht oder zumindest vernünftige Gründe anerkannt werden?




In diesem Sinne aber wird der Geltungsdrang der Menschen zu einer Sozialkritik: Die gesellschaftlichen Verhältnisse entfremden die Menschen zunehmend voneinander, vereinzeln sie, degradieren sie zu einfachen Subjekten (im Gegensatz zu Individuen). Wo die Menschen kein Gehör mehr finden, verschaffen sie sich Gehör.[3] Das ist das positive Moment der dargelegten Charakterisierung, weil so die Möglichkeit zu einer Verbesserung besteht (aber auch zu einer Verschlechterung, die aktuell in zunehmendem nationalistischen, konservativen, menschenfeindlichen Denken zu beobachten ist). „Im Anfang ist der Schrei“, schreibt John Holloway.[4] Wir erleben tausende und millionen Schreie täglich. Sie sind nicht immer schön, ja in der Überzahl wie oben charakterisiert, aber machen deutlich, dass sich die Gesellschaft verändern muss. Die Gesellschaft muss solidarischer werden, sie muss das Konkurrenzprinzip als leitendes Prinzip überwinden. Das ist keine naive Sozialromantik. Schon aus egoistischer Sicht sollte man daran interessiert sein, dass es anderen gut geht. Aber uns liegt vielmehr daran, dass es anderen noch schlechter geht als uns. „Was fällt, das soll man auch noch stoßen!”[5] lautet das zynische Motto aller zu kurz gekommenen, die die Sintflut kommen sehen, aber hoffen, dass sie nicht erwischt werden, auch wenn sie schuld an der Entstehung der Sintflut haben. Schlimmer noch: Durch das Genörgel und den Egoismus werden jene Verhältnisse (re-)produziert, die man abschaffen muss.

Wird die Welt komplexer und wie gehen wir damit um?

Die zweite Frage besteht darin, wie sich die Meinungsäußerung zur Komplexität der Welt verhält. Ob die Welt immer komplexer wird, das ist nebensächlich. Fakt ist, dass die Welt komplex ist und durch die Vielzahl an Nachrichtenkanälen zumindest das Bild einer gesteigerten Komplexität vermittelt wird. Wie geht man mit Komplexität um? Man reduziert sie. Man findet einfache Lösungen auf komplizierte Fragen. Man tut so, als kenne man sich aus, um Sicherheit zu gewinnen. Flüchtende, ökologische Krise, Donald Trump, Veggie-Day, Syrienkonflikt, Kopftuchverbot, Gleichstellung von Mann und Frau, … man hat vor allen Dingen eines: Eine Meinung zu diesem Thema. Und man begnügt sich nicht damit, diese Meinung zu haben. Man muss sie auch noch mitteilen.

Politiker*innen verkörpern dieses Phänomen, sich bei allem auszukennen, perfekt. Man muss sich nur die Talkshows anschauen, und man findet immer dieselben Leute, die scheinbar zu allem etwas zu sagen haben. Politiker*innen sind der Antitypus zu Menschen, die Dinge noch durchdringen und reflektieren, die nicht zu jedem Thema eine Meinung haben. Diese Art von Menschen ist selten. Ob nun Politiker*in oder nicht – man muss wieder schweigen können. Man muss den Mut haben, nichts zu sagen. Man muss es sich erlauben können, keine Meinung zu haben.

Und wie ändern wir das?

Der Artikel wird jene nicht erreichen, die zu erreichen nötig wäre. Das macht nichts. Auch in aufgeklärten, progressiven und linken Kreisen herrscht dieses Phänomen vor. Dabei wäre es Zeit, sich zu besinnen:

„Die Dringlichkeit der Lage ist keine Ausrede. Gerade wenn die Zeit drängt, muss man nachdenken. Wir sollten keine Angst haben, uns auf Marx zu besinnen: Bisher wollten wir unsere Welt zu schnell verändern. Nun ist die Zeit gekommen, sie selbstkritisch neu zu interpretieren und das linke Selbstverständnis zu hinterfragen“ (Slavoj Zizek).

Wer die Welt verändern will, muss sie zuerst einmal interpretieren. Man schimpft über Menschen, die scheinbar nur quatschen und keinen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen. Die Rede eines Mehrwerts hat dabei selbst einen ökonomistischen Imperativ. Das Denken wird nicht mehr geschätzt, weil es keinen Nutzen hat, weil es keine Veränderungen zeitigt. „Theorie ist überflüssig! Die Welt geht zu Grunde, wir müssen was verändern!“ Aber reden so nicht auch jene, die antiemanzipatorisch und rückständig sind? Die von der “Genderideologie” faseln und ihre eigenen ideologischen Grundlagen verkennen? Heißt zu denken nicht bereits, die Welt zu verändern? Ist die Gegenüberstellung von Theorie und Praxis am Ende nicht vielleicht sogar – ideologisch? Man kann es drehen und wenden, wie man will: Man wird weder aus der Ideologie herauskommen noch wird man es schaffen, die Theorie gegen die Praxis auszuspielen.[6]


[1] Ich ignoriere den Unterschied zwischen einer Meinung und einer Überzeugung. Eine Meinung ist etwa: „Das rote Auto gefällt mir“. Eine Überzeugung dagegen: „Autos sollen rot sein!“. Meinungen beruhen eher auf Empfindungen und weniger auf Gründen als Überzeugungen, auch wenn natürlich die wenigsten Menschen durch rationale Gründe zu ihren Überzeugungen gekommen sind. Allerdings kann man durch Gründe von Überzeugungen abrücken, von Meinungen eher weniger. Andererseits sind Meinungen (das z.B. dieses oder jenes Essen gut schmeckt oder diese oder jene Kleidung gut aussieht) durchaus auch nicht nur individuell, sondern sozial erworben (Vgl. Pierre Bourdieus “Die feinen Unterschiede”).
[2] Wer nicht glaubt, dass Veganer*innen von Hasskommentaren betroffen sind, der lese jeden beliebigen Kommentarstrang zu den Themen Veganismus oder Tierrechte. Merke: Es ist missionarisch und ideologisch, die Haltung und Nutzung von Tieren auch nur zu hinterfragen, aber es ist vollkommen in Ordnung, Veganer*innen als “Veganazis” oder “Dinkelsalafisten” zu bezeichnen und auf eine Stufe mit Terrorist*innen, Nazis oder Faschist*innen zu stellen. Dabei beruht die Idee des Veganismus auf gelebter Freiheit und Toleranz.
[3] Es gibt ein Äquivalent des Dranges zur Meinungsdarstellung in der Wissenschaft. An den Universitäten geht Quantität mittlerweile über Qualität. Es zählt, dass man veröffentlicht und weniger was. Freilich handelt es sich dabei nicht um einen Darstellungsdrang einzelner, sondern um eine systemische Entwicklung der Wissenschaft selbst.
[4] Holloway, John: Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen. 5. Auflage. Münster: Westfälisches Dampfboot 2016, S. 10.
[5] Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. In: KSA 4, S. 261.
[6] Da gerne konkrete Tipps verlangt werden: Lest Bücher. Lest Zeitungen, die eure Ansichten nicht nur bestätigen. Organisiert Lesegruppen und diskutiert einen Text gemeinsam. Denkt nach, bevor ihr euch empört und vor lauter Schnappatmung keine Luft mehr bekommt. Ihr könnt euch gerne organisieren und aktiv werden, aber vergesst darüber das Denken nicht. Redet mit Menschen, die eurer Ansicht diametral entgegengesetzt sind. Denkt an Nietzsche, der meinte, man solle wenigstens ein Mal am Tag einen Gedanken gegen sich selbst denken. Betrachtet das nicht nur als leere Worthülse, um am Ende doch nur die eigene Ansicht zu bestätigen. Denkt dran, dass es keine Schande ist, eine Meinung auch mal zu ändern.
Tobias Rein, Autor Volksverpetzer Tobias interessiert sich berufsbedingt und auch so für philosophische und soziologische Themen. Er schreibt unter anderem für BLAUFUX und The Vactory. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.