MEGA-Blackout am 15. Januar!

MEGA-Blackout am 15. Januar! – Was ist da dran? (Faktencheck)

Von | 10. Januar 2020, 14:28

Nur noch wenige Tage, bis wir alle im Dunkeln sitzen und das Leben, so wie wir es kennen, enden wird!

Denn am 15. Januar ist es soweit: Deutschland produziert weniger Strom als verbraucht wird, es wird einen Blackout geben. Die Folgen: Überall wird der Strom ausfallen, es wird Anarchie herrschen, Familien und Freunde werden übereinander herfallen, Kannibalismus wird an der Tagesordnung sein, auf Facebook wird es still werden!

Klingt apokalyptisch, oder? Wir wetten, ihr habt auch schon Gänsehaut! Es gibt nur ein Problem:

Es ist absoluter Humbug!

Das hindert aber nicht diverse Youtuber, seit Dezember 2019 vermehrt Panikvideos über einen drohenden Blackout zu produzieren, denn mit Angst kann man bekanntlich immer gute Klicks abräumen. da helfen auch Beschreibungen wie „Mega BLACKOUT und CHAOS in DEUTSCHLAND (2 wochenlang) 🇩🇪 am 15. Januar 2020 – WARNUNG„.

Auch die Anfragen zu solchen Videos und Statusbeiträgen häufen sich bei uns:

„Also jetzt muss ich auch mal reinfragen:
Was zum Geier hat es mit dieser „Blackoutwarnung für Deutschland“ am 15.1. um 19 Uhr auf sich?
Die Menschen werden dazu angehalten, sich Vorräte, Heizöfen, Decken, Lichtquellen etc. anzuschaffen für 14-22 Tage bis bla etc.
Hat schon jemand etwas dazu gelesen?“

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz soll sogar dazu aufgerufen haben, Notfallmaßnahmen zu ergreifen, wird zumindest in einem Video behauptet (allerdings finden sich auf den Seiten des BBK nur allgemeine Ratschläge für einen Blackout, keine Warnungen vor dem Datum).
Wenn also „alle“ davon schreiben und reden, muss da doch was dran sein, oder? Schauen wir uns mal die Fakten an!

Wenn die Quelle nicht frei zugänglich ist

Sämtliche Warnungen dieser Art haben zumindest einen wahren Kern: den 15. Januar 2020, 19 Uhr. Denn dieser Zeitpunkt ist statistisch gesehen tatsächlich signifikant, was wir im Folgenden genauer erklären möchten.

Viele Seiten und Videos stützen sich auf einen Artikel der „Welt„, welcher am 23. Januar 2018 erschien und die Überschrift „Am 15. Januar 2020 droht Deutschland der Strom auszugehen“ trägt. Da der Artikel hinter einer Paywall liegt, werden viele Nutzer ihn nicht lesen können, aber wir können euch sagen, dass darin auch jene Uhrzeit, nämlich 19 Uhr erwähnt wird.

Und gerade weil der Artikel eben nicht für alle lesbar ist, die Fakten somit nicht für jeden überprüfbar sind, können sich nun diverse Seiten und Youtuber die schönsten Szenarien über einen Blackout zusammenreimen und dem Leser und Zuschauer auftischen! Denn überprüfen werden es die Wenigsten, und diese Wenigen wissen, dass in den Artikeln und Videos einfach nur Panik gemacht wird, im Gegensatz zu dem sachlichen Artikel der „Welt“.

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Wo kommt denn nun das Datum her?

Wie schon oben erwähnt, wurde der Artikel der „Welt“ am 23. Januar 2018 veröffentlicht. Das ist wichtig, zu wissen, denn dadurch weiß man, auf welcher Grundlage jenes Datum genau genannt wurde: Nämlich aus dem „Bericht der deutschen Übertragungsnetzbetreiber zur Leistungsbilanz 2016-2020“ mit dem Stand vom 31.10.2017.

In diesem Dokument findet sich an mehreren Stellen das Datum, unter anderem in dieser Formulierung:

„Für die Prognose der Jahre 2018–2020 ist der zu erwartende kritischste Zeitpunkt in Deutschland ausgewählt worden. Dieser liegt erwartungsgemäß in den Abendstunden eines Wochentages im Januar. In Anlehnung an die bei ENTSO-E übliche Darstellung wird der 3. Mittwoch im Januar um 19:00 Uhr betrachtet.“

Für die Jahre 2018 – 2020 wurde also immer der dritte Mittwoch im Januar, 19 Uhr als Referenztag genommen, 2020 ist dies der 15. Januar.

Was ist denn das Besondere am 15. Januar 2020?

Dazu werfen wir wieder einen Blick in den Bericht der Übertragungsnetzbetreiber:

Bericht zur Leistungsbilanz, Quelle: Netztransparenz.de

Bericht zur Leistungsbilanz, Quelle: Netztransparenz.de

Dort fällt auf, dass in der Prognose für 2020 die verbleibende Leistung inkl. Reserve bei -0,5 Gigawatt liegt, durch Berücksichtigung von Kraftwerken im Ausland kommt man nur auf einen 0,0 Gigawatt-Ausgleich. Tatsächlich könnte es also eng werden, wenn man rein von diesen Zahlen ausgeht.

Schlussfolgerung einiger Seiten und Videos: Es gibt am Referenztag um exakt 19 Uhr keinen Strom mehr.

Der aktuelle Bericht

Den aktuellsten Bericht über die Leistungsbilanz zu diesem Zeitpunkt stammt vom 23. Januar 2019. Auch diese Zahlen und Prognosen schauen wir uns jetzt an:

Aktueller Bericht zur Leistungsbilanz, Quelle: Netztransparenz.de

Aktueller Bericht zur Leistungsbilanz, Quelle: Netztransparenz.de

Hier sehen wir nun für 2020 (zweite Spalte von rechts), dass es gar keinen direkten Tag und Uhrzeit mehr gibt, nur noch „Kalenderwoche 3“. Auch wird in dem Bericht auf die Negativprognose des letzten Berichtes für 2020 eingegangen:

„Im Leistungsbilanzbericht 2017 wurde erstmals eine geringe negative verbleibende Leistung ausgewiesen. Unter den oben beschriebenen Bedingungen hätte sich mit den damals den ÜNB vorliegenden Informationen und getroffenen Annahmen ein Importbedarf von 0,5 GW für den Referenztag 2020 ergeben. Durch die stetige Aktualisierung der Datengrundlage und Berücksichtigung der aktuellen Informationen zum Kraftwerkspark in Deutschland ergibt sich im vorliegenden Leistungsbilanzbericht für Januar 2020 eine positive verbleibende Leistung von ca. 1 GW.“

Kurz gesagt: Die Prognose wurde, wie es bei Prognosen üblich ist, auf aktuelle Werte korrigiert, und das schon im Januar 2019.
Nun dürfen sich Youtuber und diverse Seiten eigentlich auf 2021 stürzen, denn schließlich steht da nun auch ein negativer Wert… sollten aber vielleicht lieber abwarten, bis ein noch aktuellerer Leistungsbilanzbericht veröffentlicht wird.

Prognosen

Im Prinzip kann man jedes Jahr Panik vor einem Blackout kriegen, da in den Prognosen nur von aktuellen Werten ausgegangen werden kann. Diese frühzeitigen Prognosen, gerade wenn es Negativwerte sind, helfen aber bei der Planung neuer Infrastrukturen für Strom.

So war zum Zeitpunkt, als 2017 der Leistungsbilanzbericht und 2018 der Artikel der „Welt“ erschien, die Situation tatsächlich unklar, und natürlich wurde dann auch diskutiert, wie man das Negativ ausgleicht und was es für Folgen haben könnte.

Die Bundesnetzagentur meinte auf Anfrage der „Welt“ zu dem damals prognostizierten Negativwert:

„Die von den Übertragungsnetzbetreibern im Rahmen der Leistungsbilanz ermittelte Unterdeckung ist theoretischer Natur und geht von einer Gleichzeitigkeit von Ereignissen aus, die mit größter Wahrscheinlichkeit am 15. Januar 2020 um 19 Uhr so nicht gegeben ist.
Nur wenn das Dargebot der Erneuerbaren Erzeugung auf dem angenommenen extrem niedrigen Niveau, die Ausfälle der konventionellen Kraftwerke auf dem angenommenen sehr hohen Niveau und zeitgleich die Jahresspitzenlast einträten, käme es zu diesem Wert von -0,5 Gigawatt.“

So selten seien die „Dargebote der Erneuerbaren Erzeugung“ allerdings nicht, hält die „Welt“ dagegen, gerade wenn abends die Photovotaikanlagen nicht mehr gehen und durch ein Hochdruckgebiet auch die Windanlagen kaum laufen, könnte es wirklich eng werden.

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Fazit

Die Panikmache um den 15. Januar, 19 Uhr beruht auf eine Prognose von 2017, die mittlerweile veraltet ist. Die Schlussfolgerungen und Behauptungen („zwei Wochen kein Strom“, „offizielle Aufrufe“) sind vollkommen aus der Luft gegriffen und zudem falsch!

Artikelbild: Shutterstock / Von David Jancik

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