“Mein Name ist Andre Wolf und ich arbeite für einen kleinen Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch. Der Verein wurde im Jahr 2011 unter dem Namen “Mimikama” von Tom Wannenmacher gegründet.”

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(Titelbild by Johannes-Maria Schlorke)

Mit diesen Worten beginne ich fast jeden meiner Auftritte oder Workshops. Damit weiß dann jeder, wie ich heiße und wo ich arbeite. Danach erkläre ich, was wir so machen, wie wir arbeiten und was wir den lieben langen Tag so machen. Im Anschluss an diese kleine Vorstellrunde beginne ich meist über den Charakter von Falschmeldungen zu erzählen, wie sich dieser in den letzten 6 Jahren so verändert hat. Denn dieser hat sich verändert.

Leider sind wir heutzutage nicht mehr bei den harmlosen urbanen Legenden, so wie man sie 2011 noch verbreitet hat. Ach wie sehr wünsche ich mir die Zeiten zurück, in denen man vor Giftspinnen in Palmen gewarnt hat, in Kinosesseln angeblich infizierte Nadeln versteckt seien oder Marcel Hohmann noch als Virus Festplatten zerstört hat. Was waren das für schöne Zeiten. Doch es sind vergangene Zeiten, die Falschmeldungen haben sich geändert, mein Job hat sich geändert. Es ist war früher viel einfacher, viel humorvoller, man konnte noch mit einem großen Augenzwinkern einen Fake zur Schau stellen.

Und alle konnten lachen. Man konnte mitlachen, man konnte auch gerne mal freundlich über andere lachen und so manche konnten am Ende auch über sich selbst lachen, was dem Idealfall einer Fake-Debunking-Geschichte entsprach. Selbsterkenntnis und aus der Situation lernen, sollte man eine Falschmeldung geteilt haben.

Mein Job macht mir so langsam Angst

Jedoch hat sich so vieles geändert. Der Humor ist weg, die Themen, welche in Fakes behandelt werden, sind keine Kuscheltiere mehr, sondern unlängst zu echten Monstern geworden. Und inmitten dieser Monstermaschine liegt mein Aufgabenbereich. Irgendwo zwischen Menschen, die Wut säen, Hass ernten, alternative Welten beschreiben und dabei Fakten benennen, welche nicht nachvollziehbar sind.

Im Grunde sollte das problemlos sein – mag man denken. Das Problem ist jedoch: was ist, wenn es Menschen nicht mehr interessiert, ob die verbreiteten Informationen zutreffend sind oder nicht. Was ist, wenn diese Menschen nicht einfach nur irgendwelche bierberauschten Stammtischler sind, sondern gar mächtige Positionen innehaben?

Was wäre, wenn es gar der mächtigste Mensch der Welt ist, der einen völligen Unsinn von sich gibt?

Leider keine Utopie!

Vor wenigen Jahren hätten kleine Fakejäger wie ich über diese Art von Gedankengang nur gelacht. Unvorstellbar, dass irgendwelche unnachweislichen Behauptungen auf einmal salonfähig werden würden und auf höchster Ebene vertrieben werden.

Früher waren wir ja auch nur kleine Fakejäger, die lediglich vor den Gefahren der Falschmeldungen warnten. Doch das alles ist heute anders, die Falschmeldungen und großspurigen Behauptungen sind alltäglich geworden, sie sind stark geworden und von mächtigen Männern verbreitet.

Das neueste Beispiel zeigt, wie sehr eine haltlose Absurdität durch Macht kompensiert wird. Denn je mehr Macht man hat, desto absurder darf augenscheinlich die Behauptung sein! Und was Donald Trump da am gestrigen Abend (18. Februar 2017) in Melbourne (Florida) vor seinen Anhängern von sich gab, ist fernab der Realität.

 

Nach alternativen Fakten, Spendenaufrufen zur Einschränkung der Medienfreiheit glänzt der Präsident der Vereinigten Staaten nun mit einer nicht haltbaren Aussage über grauenvolle Zustände in Schweden.

Das ist nicht neu!

Jetzt kommt der kleine Fakejäger ins Spiel,  denn das Schwedenbashing durch populistische und konservative Kräfte ist nicht neu!

Ach, verdammt, reden wir einfach mal Klartext und lassen diese beschönigenden Worte wie “populistisch und konservativ” beiseite und benennen es, wie es ist: seit Jahren schon wird die Migrationspolitik Schwedens durch rechtspolitische Agitationen mit obskuren Meldungen torpediert. Trump ist da bestimmt nicht der Erste, aber der bisher Bekannteste Vertreter.

So wurde beispielsweise durch eine Veröffentlichung mit dem Titel “Schweden: Tausende Migranten legen Brände in Hauptstadt” Schweden in einen Bürgerkrieg geschrieben. Eine Webseite mit dem Namen “de.europenews.dk” schrieb im Oktober 2015:

  • Die Unruhen, die länger andauerten als die Unruhen in England im Sommer 2011, begannen letzte Woche, […]

Soso, letzte Woche. Grammatikalisch machte man keinen Hehl daraus, dass es eine akut gefährliche Situation in Schweden gäbe. Doch alles Bullshit, man bediente sich zwar hier nicht einem alternativen Fakt, sondern eher einer alternativen Zeitlinie, denn die Meldung um Unruhen in Schweden stammt aus der zweiten Monatshälfte Mai 2013  (siehe [1] [2] [3] oder [4]).

Das alles interessierte die Rechtspopulisten nicht, auch in Deutschland wurde auf vielen Facebookseiten diese Info geteilt und Schweden in schwere Unruhen versetzt. Zumindest virtuell.

 

Oder auch der Netzplanet

Und kann sich noch jemand an den “Netzplanet” erinnern? Dieser recht erfolgreiche far-right Webblog, der gerne mal Gerüchte oder unprüfbare Behauptungen lieferte, welche quer durch den deutschsprachigen Raum bei Facebook geteilt wurden? Auch dort bediente man sich dem Schwedenbashing. Im Januar 2016 erschien diese irre Behauptung:

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Blöd nur, wenn es eben diese kleinen Fakejäger gibt, die nach dem Bild suchen und bemerken: ups, die Dame kommt ja gar nicht aus Schweden, sondern aus Südafrika und das Bild wurde bereits im Jahr 2014 aufgenommen. Nicht so schön ist daran, dass sie tatsächlich überfallen wurde, jedoch eben weder vergewaltigt, noch in Schweden.

Aber egal, denn es geht letztendlich ja darum, die schwedische Integrationspolitik in Grund und Boden zu schreiben. Natürlich ist in Schweden nicht alles goldig, wer das behauptet, wäre ein unhaltbarer Sozialromantiker. Doch man kann vermuten, dass es den Gegenkräften nicht genug plakative Skandale gibt, mit der man Schweden endgültig verwüsten kann.

Daher müsste im Oktober 2016 diese unsinnige Behauptung erneut für ein Schwedenbashing herhalten. Moslems zerstören im multikulturellen Schweden einen Jesus?

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Auch hier ist die Behauptung nicht nur über das Ziel, sondern auch weit neben das Ziel geschossen. Es handelt sich hierbei um Aufnahmen aus Chile. Am Donnerstag, den 09. Juni 2016, fand in der Hauptstadt Santiago de Chile ein Studentenmarsch statt, welcher zu Unruhen führte. Dabei wurde durch eine Gruppe vermummter Teilnehmer in eine Kirche eingebrochen, dort eine Christusstatue entwendet und diese dann auf offener Straße zerstört (Quellen u.a. [1] [2]).

Und nun basht Trump Schweden

Dabei steht er in der Tradition rechtspopulistischer Fakemeldungen, welche das Bild eines chaotischen Schwedens erschaffen sollen, in dem alle Moral und Werte durch Migranten zerstört wurden.

Moral und Werte … christliche Werte. Denn dabei geht es immer wieder. Der Islam zerstöre christliche Werte. Und ich sehe hier tatsächlich echte christliche Urwerte in Gefahr, so Dinge wie “Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.”

Wie geht das weiter?

Ich muss tatsächlich zugeben, dass ich besorgt in die Zukunft schaue (bin ich nun ein besorgter Bürger?). Bisher standen wir kleinen Fakejäger immer nur am Seitenrand und haben ins Spiel gerufen, wenn mal irgendwas von dem abgewichen ist, was wir so herausgefunden haben.

In den letzten Jahren, ja mit rasender Beschleunigung sogar in den letzten Monaten, wurden wir kleinen Fakejäger immer mehr in das Spiel geschoben und stehen nun tatsächlich zwischen den fliegenden Bällen.

Meine große Angst an dieser Stelle liegt bei den Personen, welche ihre manipulativen Inhalte verbreiten. Wie eingangs erwähnt, handelt es sich nicht um irgendwelche Stammtischbrüder, die vielleicht am nächsten Tag vergessen haben, was am Vorabend so beim Skat-kloppen geredet wurde, sondern um Politiker, denen Macht und Verantwortung anvertraut wurde.

Diese Personen machen mir Angst, ihre Erzählungen machen mir Angst. Auch wenn man es in Schweden derzeit mit Humor tragen mag, die Anhänger Trumps, welche die Rede gestern hörten, nehmen diese Aussagen sehr ernst.

Und auch ich nehme diese Aussagen sehr ernst, denn derzeit scheint der Trend sich fortzusetzen, dass erfundene Argumente der eigenen Interessen dienlich sind und somit nachhaltig einer Gesellschaft Schaden zufügen können. Einer US-amerikanischen Gesellschaft, einer europäischen Gesellschaft, ja vielleicht sogar der globalen Gesellschaft.

#lastnightinsweden: mein Job macht mir so langsam Angst.

via Einhornkotze

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