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Ein Skandal scheint da aufgedeckt worden zu sein: Die Hilfsorganisation UNHCR verteilt augenscheinlich Blanko Kreditkarten an Migranten. Was steckt dahinter?

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Diverse Seiten wie „PI-News“ und „Epochtimes“ berichten darüber:

Screenshot: mimikama.at
Screenshot: mimikama.at

Demnach berichtet die slowenische Nachrichtenseite „Nova24TV„, dass „anonyme Hinweise aus der kroatischen Polizei“ besagen, man habe Migranten beobachten können, die Prepaid-Kreditkarten besitzen sollen und damit Geld abhoben. Diese Karten sollen die Logos der EU und der UNHCR tragen. Die Nachrichtenseite nimmt an, dass die Karten kostenlos an Migranten verteilt werden, die Karten tragen nicht den Namen des Besitzers, so dass quasi jeder Migrant, auch wenn seine Identität nicht feststehen würde, diese Karte benutzen könne.

Bildbeweis

Ein slowenischer TV-Redakteur postete auf Twitter sogar ein Bild jener Karte und sagt dazu:

„BANKKARTEN sind auch ein Beweis dafür, wie die EU die europäische Kultur zerstört! Sie laden sie mit Geld ein, um Gewalt auszulösen“

Screenshot: mimikama.at
Screenshot: mimikama.at

Ist das Bild echt?

Der Tweet mit dem Bild, welches darauffolgend auch von zahlreichen anderen Seiten verwendet wurde, erweckt den Anschein, als ob jener TV-Redakteur damit an skandalöses Bildmaterial gekommen wäre. Tatsächlich ist das Bild aber gar nicht so geheim, wie man glauben gemacht werden sollte:
Das Bild findet sich nicht nur auf der offiziellen Seite der UNHCR Griechenland, sondern auch auf offiziellen Infomaterialien:

Screenshot: ECB Project
Screenshot: ECB Project

Was hat es mit dieser Karte auf sich?

Die UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) ist das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Gegründet wurde es 1951, um Millionen von europäischen Flüchtlingen in der Folge des Zweiten Weltkrieges zu helfen.

Im Rahmen ihrer Hilfsmaßnahmen veröffentlichte die UNHCR am Beispiel Griechenlands eine Studie (hier im PDF-Format einsehbar), welche sich genauer mit dem Geldbedarf von Migranten auseinandersetzt, darin enthalten findet sich auch nochmals das obige Bild soieandere Bilder von jener Karte, jedoch handelt es sich um Symbolbilder!

Diese Karten gibt es!

Tatsächlich beschloss MasterCard zusammen mit der UNHCR im Juni 2016 zum World Refugee Day ein gemeinsames Projekt in Griechenland: Prepaid-Karten für ausgewählte Migranten, um eine bessere Integration zu ermöglichen.
Im Rahmen dessen bekamen im Jahr 2018 45.000 Migranten in Griechenland eine Prepaid-Karte, um diese für Einkäufe verwenden zu können. Da diese Karten prepaid sind, sich also ein fester Betrag darauf befindet, den die Migranten normalerweise in bar bekommen würden, kann sie auch nicht überzogen werden.
Es ist also in dem Sinne keine Kreditkarte!

Die Sache mit den Namen auf der Karte (Artikelupdate vom 03.12.2018)

Wie schon oben erwähnt, handelt es sich bei den offiziellen Bildern um Symbolbilder.

Dennoch erfährt unserer Artikel an dieser Stelle ein weiteres Update (03.12.2018), da wir in unserer ersten Veröffentlichung geschrieben haben, dass diese Karten mit Namen und Foto personalisiert seien. Das ist nicht der Fall! Diese Karten sind lediglich über ihre fortlaufenden Nummern personalisiert.

Wir danken an dieser Stelle für die Hinweise an uns, dass dieser Aspekt nicht korrekt war. Wir haben in diesem Zuge Kontakt zur UNHCR und Mastercard aufgenommen und genauer gefragt. Dazu haben wir folgende Antwort bekommen:

„Sehr geehrte Damen und Herren von Mimikama,

danke für Ihre Nachricht und vor allem, dass Sie sich dieses Themas schon vor einiger Zeit angenommen haben.

Ich sende Ihnen hier den Link zu einem UNHCR-Dokument über die Cash Cards, wo Sie auch ein Foto sehen können: https://data2.unhcr.org/en/documents/download/66253

Es stimmt, dass die Karten nicht den Namen der BesitzerInnen enthalten und auch kein Foto. Die Karten laufen über Nummern, dh, sie sind über die Nummer personalisiert. Die Karten gelten oft ja für mehrere Personen (also eine ganze Familie).

Die Karten an sich können nicht wie Kreditkarten verwendet werden (also nicht überzogen oder mit eigenem Geld bestückt), sondern es wird lediglich ein bestimmter Betrag hinaufgebucht – in vielen Ländern wird stattdessen einfach Bargeld ausgezahlt. Das ist allerdings teurer von der Administration her.

Wir bitten an dieser Stelle, unsere anfangs nicht korrekte Darstellung über Name und Foto auf den Karten zu entschuldigen.

UNHCR Infovideo

Da viele Fragen bezüglich jener Karten auftauchten, veröffentlichte die UNHCR auch ein kurzes Video, in dem die fünf wichtigsten Punkte zu der Karte erklärt werden.
Weiter unten könnt ihr euch das Video ansehen, wir haben diese fünf Punkte auch für euch übersetzt.

Hier könnt ihr euch das Video ansehen:

Was ist mit den Karten im Libanon und Jordanien?

In diversen Blogs wird nun auch geschrieben, dass im Libanon und Jordanien 2.2 Millionen Migranten ebenfalls solche Karten haben.
Bei den Karten für die 2.2 Millionen Flüchtlinge handelt es sich um ein weiteres Projekt von Mastercard in Zusammenarbeit mit dem World Food Programme. Diese sind ebenfalls Prepaid-Karten und nicht außerhalb der genannten Länder gültig. Grund ist u.a., dass viele Migranten dort auch kein Bankkonto haben und es zu gefährlich ist, das komplette Bargeld mit sich zu schleppen oder daheim zu haben.
Auch in Botswana in Südafrika existiert dieses Projekt seit 2012.

Fazit

Ja, diese Karten gibt es. Es handelt sich weder um Geheimmaterial, noch um Kreditkarten in diesem Sinne.

Die Karten tragen keinen Namen oder Foto des Inhabers, sondern sind über ihre Kreditkartennummer personalisiert.

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