Artikelbild: Shutterstock / Von Andrey_Popov

Kein Fake: Raummangel zwingt Gemeinde zur Wohnungskündigung

Von | 15. Februar 2019, 10:09

Ein 74-Jähriger Neckartailfinger muss ausziehen, um Platz für Flüchtlinge zu schaffen.

Es ist die Meldung um Klaus Roth, welche derzeit auf vielen Blogs erscheint: Der 74-jährige Roth aus Neckartailfingen muss seine Wohnung verlassen, da die Gemeinde 6 weitere Flüchtlinge aufnehmen muss und keinen Wohnraum hat.

Roth wohnt bis dato in einer rund 150 Quadratmeter große Sechs-Zimmer-Gemeindewohnung, diese hat er früher mit seinen drei Kindern bezogen, heute lebt er in der Wohnung mit seiner Lebensgefährtin.

Die Berichte, wenn auch in der ein oder anderen Wiedergabe tendenziös gestaltet, sind inhaltlich korrekt. Wir haben hierzu Kontakt mit der Gemeinde Neckartailfingen aufgenommen und zu den Umständen befragt. Von dort bekamen wir folgende Auskunft:

Der Gemeinderat hat beschlossen die Unterbringung von Flüchtlingen in Neckartailfingen nicht in einer zentralen Unterbringung sondern dezentral in angemieteten Wohnungen und gemeindeeigenen Wohnungen umzusetzen. Insgesamt haben drei Vermieter in Neckartailfingen 7 Wohnungen für Flüchtlingen vermietet. Weitere aktuell leerstehende Wohnungen wurden uns leider nicht angeboten.

Da die Gemeinde Neckartailfingen verpflichtet ist, in 2019 und 2020 weitere Flüchtlinge unterzubringen hat der Gemeinderat beschlossen, das Mietverhältnis mit Herrn Roth unter Einhaltung der 9-monatigen Kündigungsfrist zu kündigen, um die 150 Quadratmeter große Wohnung für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen. Herr Roth wurde alternativ eine gemeindeeigene 78 Quadratmeter große Wohnung angeboten. Über den Umzug in diese Wohnung, entsprechende Unterstützung beim Umzug, usw. sind wir z.Z. mit Herrn Roth im Gespräch.

Niemand vor Ort zufrieden

Zudem versicherte man uns gegenüber, mit Klaus Roth im Vorfeld Kontakt aufgenommen zu haben. Dass Roth, der sich in der Vergangenheit immer wieder politisch engagiert hat, unter anderem auch in der Flüchtlingsarbeit, mit dieser Entscheidung nicht zufrieden ist, kann man einem Artikel aus der lokalen Zeitung „Nürtinger Zeitung“ entnehmen. Dieser Artikel ist Online verfügbar, der komplette Text liegt hinter einer PayWall.

„Einen alten Baum verpflanzt man doch nicht mehr“

So äußert sich Roth mit den Worten in dem Artikel der Nürtinger Zeitung mit dem Titel „Die Wohnung nach 24 Jahren gekündigt“. Er gibt darin an, in der Vergangenheit viel Geld und Eigenleistung in die Wohnung gesteckt zu haben, ebenso sieht er Probleme darin, in dieser neuen Wohnung all seine Möbel unterzubringen, da die Wohnung zwar einen Mietzins ein gleicher Höhe hat, jedoch nur etwa halb so groß ist. Hierzu äußerte sich die Gemeinde ebenso, dass man bereits vor der Kündigung eine Mietpreisanpassung für die alte Wohnung angekündigt habe.

Aus demselben Artikel erfährt man auch, dass vor Ort niemand wirklich glücklich mit der Situation ist. Bürgermeister Gertitschke kommt ebenso dort zu Wort und merkt deutlich an, dass er selbst nicht zufrieden mit der Lösung ist, jedoch gebunden sei:

„Wir sind unter Druck und müssen weitere Flüchtlinge aufnehmen. Es gibt keine Möglichkeit
mehr zu sagen, dass wir sie nicht unterbringen“

Nach Aussagen des Zeitungsartikels biete der städtische Bauhof Hilfe beim Umzug an.

Mögliche alternative Lösungen?

In der Tat standen verschiedene Lösungen im Raum. Eine ursprüngliche Lösung bestand darin, eine Turnhalle oder eine Festhalle für die Unterbringung zu nutzen, doch die Gemeinde wollte keine öffentlichen Einrichtungen belegen. Ebenso gab es Aufrufe an Privatvermieter, die leere Wohnungen anbieten. Jedoch gab es da keine Resonanz.

Bisher habe der Landkreis die Erstaufnahme von Flüchtlingen für die Gemeinde übernommen, da die Gemeinde selbst keine entsprechenden Plätze bieten konnte, doch nach nun zwei Jahren stehe die Gemeinde in der Pflicht.

Vielleicht bewirken die Berichterstattungen am Ende ja doch noch ein Ruck in der Gemeinde und der ein oder andere Vermieter meldet sich.

Erstfall?

Klaus Roth und seine Lebensgefährtin sind nicht die ersten Menschen in Deutschland, die eine Gemeindewohnung verlassen sollen, da in dieser Asylbewerber untergebracht werden sollen. Wir haben in der Vergangenheit über mehrere Kündigungen, Räumungen oder Unterbringungen berichtet, welche durchaus einen realen Hintergrund haben und als bestätigt gelten:

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