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Im Internet kursiert ein Artikel, in dem Organspende mit Kannibalismus verglichen wird. Dort wird sowohl mit der Wortwahl, als auch mit gezielt herausgepickten Fakten in falschem Zusammenhang “Stimmung” gegen die Praxis der Organtransplantationen gemacht.

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Um diesen Artikel geht es:

WTF? Die wollen mich “ausweiden” (sic), obwohl ich noch nicht tot bin?

Jetzt mal ganz langsam… Wie ist der Tod rechtlich definiert?

Deutschland

Im deutschen Recht gibt es keine gesetzliche Definition des Todes. Das Transplantationsrecht verlangt für eine Organentnahme bei einem Menschen (neben anderen Voraussetzungen) kumulativ den Tod des Organspenders (§ 3 Abs. 1 Nr. 2 TPG) sowie den endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms (Gesamthirntod, § 3 Abs. 2 Nr. 2 TPG). Damit hat der Gesetzgeber keine Definition des Todes vorgenommen, sondern den Gesamthirntod lediglich als notwendige Bedingung für die Organentnahme festgeschrieben. In der Rechtspraxis wird allerdings unter Tod i. S. d. § 3 Abs. 1 Nr. 2 TPG der Gesamthirntod verstanden. In zumeist ausdrücklicher Anlehnung an das Transplantationsrecht greift die Rechtsprechung auch in anderen Rechtsgebieten in Zweifelsfällen auf den Gesamthirntod als Todesdefinition zurück. (Zitat: Wikipedia)

Der Tod ist also in Deutschland nicht ganz genau definiert, mit Ausnahme für die Entnahme von Organen zur Organtransplantation (Gesamthirntod: Die Definition des Hirntodes richtet sich in Deutschland nach der Stellungnahme der Bundesärztekammer. Hier ist festgelegt, dass der Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen die Grundvoraussetzung für die Feststellung des Hirntodes ist. Das heißt, vom Hirnstamm bis zur Großhirnrinde müssen alle Funktionen des Gehirns erloschen sein. Dann ist der Hirntod eingetreten.“).

Geregelt ist dies im deutschen Transplantationsgesetz.

In Österreich ist es ähnlich gelagert, auch hier ist der Tod für die Organtransplationen als Gesamthirntod definiert

Einen Menschen nur dann als gestorben zu betrachten, wenn auch sein Gehirn stirbt, wurde erst mit dem intensivmedizinischen Fortschritt der 1950er und 60er Jahre möglich. 1968 definierte eine Kommission der Harvard Medical School, die aus zehn Medizinern, einem Juristen, einem Theologen und einem Wissenschaftshistoriker bestand, den Tod als „irreversibles Koma“. Den Tod als Gesamthirntod zu definieren ist eine “Krücke”, die man braucht um zu definieren, wann man Organe zur Spende freigeben kann, ohne dass dem Spender das “Leben” genommen wird.

Und Bischof Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz schrieb: „Es kann kein Zweifel bestehen, dass der Hirntod zwar nicht gleichzusetzen ist mit dem Tod des Menschen schlechthin, aber er ist reales Zeichen des Todes der Person.“, das beschreibt es wahrscheinlich am besten.

„Die damalige Behauptung, die wir damals in der Bundesärztekammer auch so krass getroffen haben, dass der Hirntod der Tod des Menschen ist, diese Behauptung war von vornherein allen Beteiligten etwas unheimlich, weil das eben nicht so klar ist. Wir haben sozusagen keine festliegende Todesdefinition, die es erlaubt, so dogmatisch zu sprechen. Sie hat mehr den Charakter einer Festlegung und einer Willensbekundung, einer Konvention.“ Das sagt der Medizinethiker Prof. Dieter Birnbacher von der Universität Düsseldorf. Er hat sich im Ethikrat der Bundesärztekammer in den 90er-Jahren sehr für das Hirntodkriterium starkgemacht.


Also lebt man doch noch bei der Organentnahme?

Ein entschiedenes Jain!

Die Organe leben noch, das Herz schlägt, die Lunge tauscht Gas aus, die Niere filtert das Blut, etc! Aber: Das Gehirn, als Schaltzentrale des Menschen, als das, was seine Persönlichkeit ausmacht ist, abgestorben.Von außen betrachtet unterscheidet sich ein Hirntoter nicht von einem Komapatienten, beide sind warm, werden beatmet und medizinisch versorgt. Allerdings sind bei dem Hirntoten keine Hirnaktivitäten mehr nachweisbar. Eine Rückkehr in ein Leben ist unmöglich.Bei Komapatienten sind diese Aktivitäten nachweisbar, er ist ein lebender Mensch im Koma. Er kann unter Umständen das Bewusstsein zurück erlangen, was beim Hirntoten ausgeschlossen ist.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich muss der Hirntod von zwei unabhängigen Ärzten nach einem ganz bestimmten Protokoll bestätigt werden. Dieses muss genau eingehalten werden, um zu verhindern, dass ein Mensch zu früh als tot erklärt wird.

Warum werden dem Hirntoten dann Medikamente zur Ruhigstellung gegeben, aber weder Schmerzmittel noch Narkose, wenn die Organe entnommen werden?

Bei einer lebenden Person soll die Narkose dazu dienen, dass der Patient keine Schmerzen empfindet, in einen schlafähnlichen Zustand versetzt wird und die Muskeln des Patienten entspannt werden. Für jedes dieser Ziele gibt es ein Medikament:

  • Ein Mittel gegen Schmerzen = Analgetikum,
  • ein Schlafmittel = Hypnotikum und
  • ein Mittel zur Muskelerschlaffung = Muskelrelaxans

Vor einer Organentnahme wurde zweifelsfrei der Tod durch den unumkehrbaren Ausfall der Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt. Dies bedeutet, dass Rezeptoren im Gehirn funktionslos sind und eine Schmerzwahrnehmung im Großhirn ausgelöscht ist. Muskelrelaxantien werden dagegen verabreicht, um spinale Reflexe, (aus dem Rückenmark kommend, kennen wir alle vom Kniescheibenreflex)  die zu Spontanbewegungen und zum Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz während der Organentnahme führen, zu verhindern. Also keine Narkose, keine Schmerzmittel, aber ein Medikament um spontane Muskelbewegungen zu unterbinden. Deswegen werden die hirntoten Spender auch für die Operation fixiert, und nicht weil sie Schmerzen leiden.

Wann wird wo ein Organ gespendet?

In Deutschland gilt der Grundsatz, dass man sich vor seinem Tode entscheiden muss, seine Organe zu spenden, oder die Angehörigen entscheiden das nach der Hirntoddiagnostik.
In Österreich gilt die sogenannte Widerspruchsregelung, dass heißt der Mensch muss sich vor seinem Tod aktiv gegen eine Organspende aussprechen, das gilt auch für Ausländer. Widerspricht man nicht, können die Organe entnommen werden, ohne Zustimmung der Angehörigen.

Was ist nun mit diesem Artikel?

Ungeachtet jedweder berechtigter oder unberechtigter Kritik an dem Verfahren zur Organtransplantation an sich, ist dieser Artikel merklich voreingenommen und spielt sowohl in der Wortwahl als auch was die Wahl der Artikelbilder angeht, mit wertenden, klischeebehafteten Motiven. Die Organentnahme wird dort als ein “von der Kehle bis zum Schambein ausgeweidet” werden bezeichnet, “worauf das Blut in hohen Fontänen herausschießt”. Motive von blutigen Fleischereiartikeln und bedrohlich arrangierten Fotomontagen beherrschen das Gesamtbild. Es fällt schwer, angesichts dieses Eindrucks von einer sachlichen und neutralen Berichterstattung zu sprechen. Es wird eine Behauptung in den Raum gestellt, Den Hirntod gäbe es überhaupt nicht; er sei eine Erfindung der Transplantationsmedizin, und einem Professor Franco Rest zugeordnet. Dass das Fachgebiet des Professors nicht im medizinischen Bereich liegt, sondern in dem der katholischen Theologie und Philosophie, wird nicht erwähnt.

Als weiterer Beleg wird ein Buch von Georg Meinecke angeführt: “Organspende Ja oder Nein – eine Entscheidungshilfe”. Dieses Buch entpuppt sich jedoch bei näherer Lektüre als eine Brandrede gegen die Schulmedizin, die Organspende an sich und die angeblich nur finanziell motivierte und an die keiner Ethik interessierte “Transplantationsindustrie”.

“Der Autor übertreibt maßlos, berichtet kaum über sachliche Fakten und stellt hauptsächlich seine eigene Meinung dar, was ok wäre wenn das Buch nicht „Entscheidungshilfe“ heißen würde.”

(Kundenrezension auf Amazon)

Es werden Fälle aus den USA zitiert, die aufgrund der anders lautenden Definition des Hirntods nicht direkt vergleichbar sind, andere Fallbeispiele sind nicht faktisch nachvollziehbar. Wirkliche “Pannen” bei dem Verfahren sind bekannt, wurden auch in der Presse behandelt, lesen sich aber bei getreuer Beachtung der Faktenlage bei weitem nicht so reißerisch.

So wird in einem Artikel zum Thema Thomas Breidenbach, Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Bayern zitiert:

“Um eines klarzustellen: In keinem einzigen Fall wurden einem lebenden Menschen Organe entnommen. In der „Süddeutschen Zeitung“ klingt es so, als ob bei den Patienten bereits die Organentnahme geplant wurde und die Organspende in letzter Sekunde gestoppt worden sei. Dieser Eindruck ist völlig falsch. Eine Organspende wird erst dann eingeleitet, wenn alle Voraussetzungen vorliegen. Zuerst wird der Hirntod diagnostiziert, dann werden die Angehörigen gefragt, und erst wenn die Zustimmung vorliegt, werden die notwendigen Untersuchungen gemacht und geprüft, ob eine Spende möglich ist.”

(Quelle: http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hirntod-interview-mit-dso-mediziner-breidenbach-a-954449.html)

Zur Quelle des Artikels, dem Schweizer Magazin “Zeitenschrift” muss zudem gesagt werden, dass dieses keinesfalls als zuverlässig oder gar neutral bewertet werden kann. Die seit 1993 quartalsweise erscheinende Publikation hat sich der Propaganda totalitärer und brauner Esoterik verschrieben. Themen der ZeitenSchrift sind Esoterik, Verschwörungstheorien, Okkultismus, Theosophie, „Hitlers Fluchtweg nach Argentinien“, die Illuminaten und die Neue Weltordnung, „Juden: Ihre Rolle in der Welt von heute – ihre wahre Herkunft“ und Nazi-Apologetik. (vgl. https://www.psiram.com/de/index.php/Zeitenschrift)

Fazit

Abschließend kann gesagt werden, dass in dem vorliegenden Artikel medizinische Fakten und Details herausgepickt und in falschem Zusammenhang in Form einer schauerlich anmutenden Horror-Geschichte wiedergegeben werden. Medizinisch-wissenschaftlicher Konsens, wie die Hirntoddiagnostik wird ohne haltbare Belege, rein aufgrund propagandistischer Polemik als falsch oder unzureichend dargestellt und damit gezielt ein Bild von einer angeblich grausamen Praxis der Transplantationsmedizin erschaffen. Medizinische Details, die laut dem angeblich verschwiegen werden, sind überall nachlesbare Praxis, werden aber dort als angebliches Insider-Wissen verpackt, um die Gesamtaussage der Artikels zu verstärken.

Sachliche Kritik an einzelnen Abläufen im Rahmen einer Transplantation, auch im Hinblick auf die Diagnostik, ist bekannt und wird auch von entsprechenden Stellen verfolgt, ernstgenommen und Konsequenzen daraus gezogen (“Am Ende reicht nicht das Dafürhalten eines Arztes, dass ein Mensch tot ist. Alle Richtlinien müssen zu hundert Prozent eingehalten werden.” – Thomas Breidenbach im Interview mit Spiegel ONLINE, 20.02.2014)

Ein Horror-Szenario, wie es in dem vorliegenden Artikel jedoch geschildert wird, entbehrt nachweisbar jeglicher faktischen Grundlage und ist schlichtweg Stimmungsmache gegen die Transplantationsmedizin generell. Die Entscheidung, ob man seine Organe zur Spende freigibt, bleibt selbstverständlich jedem selbst überlassen. Diese wichtige Entscheidung sollte jedoch auf Basis von Fakten getroffen werden, und nicht durch eine derartige widerlegbare Propaganda beeinflusst werden.

Autoren: Anke und Rüdiger, mimikama.at

Quellen

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hirntod-interview-mit-dso-mediziner-breidenbach-a-954449.html

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/falsche-todesdiagnosen-in-krankenhaeusern-aerzte-erklaeren-patienten-oft-faelschlich-fuer-hirntot-1.1891373-3

http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/irrev.Hirnfunktionsausfall.pdf

http://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/medizin-ethik/wissenschaftlicher-beirat/veroeffentlichungen/irreversibler-hirnfunktionsausfall/

http://flexikon.doccheck.com/de/Hirntodhttp://www.transplantationszentrum-freiburg.de/files/Hirntod_Hirntoddiagnostik.pdf

https://www.psiram.com/de/index.php/Zeitenschrift

https://www.organspende-info.de/organ-und-gewebespende/verlauf/hirntod

http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme-hirntod-und-entscheidung-zur-organspende.pdf

http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=10092624

http://www.gesetze-im-internet.de/tpg/BJNR263100997.html#BJNR263100997BJNG000202310