Sexroulette: tödlicher Trend oder Mediengerücht?

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Abermals erhielten wir Anfragen zu einem Thema, welches wir bereits 2016 aufgegriffen hatten. Da erst vor wenigen Tagen dieses Thema erneut auf einer Webseite veröffentlicht wurde, kommt es erneut zu diversen Anfragen von Nutzern, die meinen: “Können Menschen wirklich so DUMM sein?” Um was geht es genau?  Die Dramaturgie dieses Spiels erklärt sich durch die Darstellung seiner Regeln selbst: ähnlich dem russischen Roulette, könne man in einer Art verabredeter Swingerparty auf einen Teilnehmer mit HIV treffen. Doch Sexroulette: ist das überhaupt ein flächendeckend verbreitetes Phänomen?

So beschreibt “http://bash-magazine.com” [1] dieses Spiel:

Was macht man, wenn die Eltern im Urlaub sind? Richtig! Eine Hausparty. Doch was bei uns früher harmloses Alkohol-Geschlürfe war, sind heute Gangbang-ähnliche Sexpartys, auf denen sich die Jugendlichen über Stunden gegenseitig beglücken. Doch nur Sex reicht ihnen nicht, deshalb spielen sie dabei auch noch ein richtig krankes Spiel: HIV-Roulette.

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Screenshot: Öffentlicher Facebook-Statusbeitrag

Aber es ist nicht allein “bash-magazine”, die dieses Thema aufgegriffen haben, nur handelt es sich hierbei derzeit um die Webseite, die dieses Thema aktuell bearbeitet.

Bereits im Mai und Juni 2016 war dieses Thema auf vielen Webseiten zu lesen, hauptsächlich getragen von der Boulevardpresse. Eines haben alle gemeinsam: sie beziehen sich auf die Aussage spanischer Ärzte, speziell eines Arztes aus Barcelona. Deutschsprachige Boulevardseiten griffen Ende Mai und im Juni dieses Thema oft auf, die englische “Yellow-Press” bereits im Mai, speziell zur Monatsmitte.

Ganz am Anfang, also am 11. Mai 2016, beschrieb hier der “Dazed Digital” das Sexroulette und bezieht sich dabei auf “verschiedene Meldungen in den spanischen Medien” [2]:

According to several reports in the Spanish media, the high-risk activity – more commonly known as ‘sex roulette’ – has been growing in popularity across the Catalan capital.

Verschiedene?

Diese “verschiedenen” Meldungen sind dann am Ende eine einzige, und zwar eine Meldung des spanischen Radiosenders “Cadena” vom 18. April 2016 [3]. Hier lautet es inhaltlich, dass eine Klinik in Barcelona anführt, dass Menschen zu eine Sexroulette eingeladen werden, bei dem ein Beteiligter mit HIV infiziert sei:

L’Hospital Clínic té constància que a Barcelona es fan ruletes sexuals on s’hi convida algú infectat amb VIH perquè l’experiència sigui més extrema.

Hier wird ebenso davon berichtet, dass eine spanische Klinik davor warnt, dass diese Parties zu einem Anstieg der Infektionen führen:

Les festes sexuals desenfrenades, sobretot entre gais, han fet incrementar les infeccions agudes per hepatitis C.

Problematisch!

Bis auf diesen einen einzigen Artikel gibt es keine Querverweise, sondern lediglich Artikel, die sich ALLE auf diese Aussage stützen. Es gibt keinen Parallelartikel, der dieses Thema auf eigene Weise aufrollte, ebenso auch keine weiteren Aussagen aus dem Umfeld. Ferner hat der spanische Sender dieses Thema nie wieder aufgegriffen, auch nachdem es europaweit verbreitet wurde.

Die einzige und originale Quelle bezieht sich auf den 18. April 2016 – zumindest was das Sexroulette in Spanien angeht.

Ältere Funde aus dem Jahre 2013

Und jetzt kommen wir zu einem interessanten Part: die Warnung vor einem “Sexroulette” ist nicht neu! Bereits am 19. Mai 2013 schrieb die Schweizer Webseite “20 Minuten” [4]:

Unter kolumbianischen Jugendlichen macht derzeit eine neue Freizeitbeschäftigung die Runde: Sex-Roulette. Die einzige Regel: Wer ejakuliert, hat verloren. Doch eigentlich gibt es nur Verlierer.

Hierbei bezog sich die Webseite auf einen Artikel der Tageszeitung ADN aus Kolumbien, der jedoch – wie sich im Nachhinein herausstellte – keine wirkliche Allgemeingültigkeit besaß und letztendlich auch nicht mehr verfügbar ist. Der Fokus in diesem Artikel lag jedoch mehr auf ungewollte Schwangerschaften, statt auf mögliche Infektionen.

Die Schwangerschaften bei Mädchen zwischen 10 und 19 Jahren sind im Jahr 2012 rasant gestiegen. Viele der werdenden Mütter gaben später an, keinen Partner zu haben, erinnern sich aber, irgendwann am «Sex-Roulette» teilgenommen zu haben.

Blöd nur: am 28. Mai gab es dann gegenteilige Aussagen, augenscheinlich bemerkte man in Kolumbien, dass man hier einen Medienhype erschaffen hat, der so nicht korrekt war. Die Webseite “Latin Times” (ein Ableger von IBT Media) [5] schilderte dann doch ein anderes Bild:

Despite the story, Ramirez said that people should remain skeptical of claims that the practice is „widespread,“ as recent data disproves a rise in such casual sex and unintended pregnancies.

Hier schreibt man dann doch eher von “Gerücht” und dass man vor der Darstellung einer weiten Verbreitung der Praktik eher skeptisch sein sollte. Schlimmer noch: die kolumbianische Tageszeitung, auf die sich “20 Minuten” bezieht, scheint eine Falschmeldung in Umlauf gebracht zu haben:

„There story was broken by ADN, a daily newspaper that circulates here in Medellin and it made its case by saying that the Secretary of Health had confirmed it. But we fact checked this and there was never an announcement like the one ADN reported,“ Carlos Mario Ramírez of Salud, Inclusión Social y Familia de Medellín said.

Sprich: gegenüber der Latin Times wird ausgesagt, dass dieser geschilderte Fall gar nicht bekannt sei.

Noch älterer Fund aus dem Jahre 2003

Jetzt wird es richtig drollig: ein Forumseintrag aus dem Jahr 2003 (!) berichtet exakt über das Modell des Sexroulettes. So heißt es hier [6] über japanische Schulmädchen:

„I’ve heard it’s just amazing. Now high schoolkids everywhere are into it (Russian Sex Roulette). It’s basically just an orgy with the same number of girls and guys, but the object is for the girl to have unprotected sex with every guy there to see if she gets pregnant or not,“ a Tokyo schoolgirl tells Hanashi no Channel. „I’d like to have a go, but I’m a bit scared.“

Das Ganze liest sich ebenso völlig verrückt: die Teilnehmerinnen hätten keine Angst vor ungewollten Schwangerschaften, da für diese Parties eine Art Versicherung abgeschlossen werde. Sollte jemand schwanger werden, gäbe es Geld.

Even if participants do fall pregnant, they don’t seem to see it as a worry. Partygoers have to pay „Ejaculation Insurance“ of about 5,000 yen before they’re allowed to take part. This money is all pooled and used to pay for abortions should any girl be saddled with an unwanted pregnancy.

Sexroulette: Mythos oder ernst zu nehmen?

Nun, irgendwer wird bestimmt mal so eine Art Orgie veranstaltet haben. Ob mit oder ohne HIV, das wissen wir nicht. Dennoch haben wir irgendwie das Gefühl, dass die Meldung um ein Sexroulette dann doch eher einer Boulevardgeschichte ähnelt, die dramatisiert wurde und nun für großes Erstaunen sorgt – ganz ohne, dass es flächendeckend praktiziert wird. Und das weltweite Entsetzen ist dann wohl doch eher ein Resultat aufgeblasener Medienartikel.

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