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Hat Wasser ein Gedächtnis?

Von | 4. Januar 2019, 13:00

Einer der Grundpfeiler der Homöopathie ist das sogenannte „Gedächtnis des Wassers“.

Vereinfacht gesagt: Wasser soll sich angeblich an die in ihm enthaltenen Stoffe „erinnern“ können und somit eine gewisse Wirksamkeit haben. Doch wie kam man denn auf diesen Gedanken? Und ist da überhaupt was dran?

Es begann mit Hahnemann

Dazu müssen wir erst einmal einen Blick in die Geschichte der „modernen“ Homöopathie werfen. Jene wurde von dem deutschen Physiker Samuel Hahnemann entwickelt, der 1796  eine Alternative zu den teilweise barbarisch anmutenden Methoden der „Mainstream-Praxis“ entwickeln wollte.
Der Grundgedanke war die Entdeckung, dass viele medizinische Elixire, die damals verwendet wurden, in größeren Mengen hoch toxisch waren. Wenn eine geringe Menge eines Giftes jedoch heilend wirkt, so müsse eine noch geringere Menge noch heilsamer, aber auch sanfter wirken.
Alle Ding‘ sind Gift und nichts ohn‘ Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding‘ kein Gift ist.„, so Paracelsus im 16. Jahrhundert, als ihm vor Gericht vorgeworfen wurde, er würde seinen Patienten Gift verabreichen. Hahnemann trieb dieses Prinzip auf die Spitze.
Er entwickelte daraufhin ein spezielles Verfahren:
Er verdünnte den giftigen Stoff immer wieder mit Wasser, schüttelte das Fläschchen dann stark und schlug es sodann heftig gegen eine harte Oberfläche – eine Vorgehensweise, die eher wie Voodoo wirkt, aber als wichtig für die Wirksamkeit erachtet wurde.

Der Grad der Verdünnung

Damit die Patienten auch wissen, wie stark ihr homöopathsiches Mittel verdünnt, also potenziert, wurde, werden diese speziell gekennzeichnet.
D steht für eine Verdünnung von 1:10, C für 1:100 und Q/LM für 1:50.000.
Wenn beispielsweise auf einem Mittel „D6“ steht, bedeutet das, dass es 6x im Verhältnis 1:10 verdünnt wurde. Rein rechnerisch hat ein solches Mittel dann nur noch einen Arzneimittelgehalt von 0,0001 Prozent.
Der Grad der Verdünnung, also C, D oder Q, ist aber nach Meinung vieler Homöopathen gar nicht so wichtig, entscheidend sei, wie oft ein Mittel potenziert wurde.

Nehmen wir als Beispiel mal das homöopathische Erkältungsmittel Kalium Bichromicum, welches mit C30 gekennzeichnet ist. Dies bedeutet, das eigentlich toxische Kaliumsalz wurde erst im Verhältnis 1:100 verdünnt und dann noch weitere 29x im gleichen Verhältnis potentiert.
Das bedeutet im Klartext, dass sich in der Menge des gesamten Wassers aller Ozeane nur noch ein Molekül des Salzes befindet.
Häufiger findet man Mittel mit Potenzen bis zu C12, dies wäre dann immerhin ein Molekül in der geringen Wassermenge des Atlantischen Ozeans.

Es ist also nicht sonderlich verwunderlich, dass an der medizinischen Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln gezweifelt wird. Doch werfen Homöopathen an dieser Stelle ein neues Argument in den Ring: Es sei gar nicht nötig, dass sich Moleküle des eigentlichen Stoffes in dem Mittel befinden, das Wasser würde sich nämlich daran erinnern!

Das Wasser denkt mit?

Diese Behauptung wurde erstmals 1988 von Jacques Beneviste aufgestellt. In einem Artikel, den er dem Wissenschaftsmagazin „Nature“ zusandte, beschreibt er, wie er und Kollegen beobachten konnten, dass weiße Blutkörperchen, die einer hochpotentiell verdünnten Flüssigkeit mit Antikörpern ausgesetzt wurden, ihre Eigenschaften veränderten, obwohl nach ihren eigenen Berechnungen die Flüssigkeit kein Molekül der Antikörper mehr enthalten dürfte.

Für Homöopathen war diese Beobachtung natürlich eine Sensation: Es war augenscheinlich der Beweis, welcher noch fehlte! Wasser kann sich der Stoffe erinnern, die mal darin enthalten waren! Doch „Nature“ war noch nicht wirklich davon überzeugt und veröffentlichte den Artikel eher als Gedankenanstoss, denn fraglich war immer noch, ob das Experiment reproduzierbar war und wie denn das Gedächtnis des Wassers funktionieren solle.

Es gibt nämlich ein kleines Problem mit Wasser: es hat kein wirkliches Gedächtnis und auch keine Gene, die auf ein „genetisches Gedächtnis“ schließen lassen.
Wassermoleküle verbinden sich über Wasserstoffbrückenbindungen für eine Pikosekunde (das sind ¹ / ₁ ₀₀₀ ₀₀₀ ₀₀₀ ₀₀₀ einer Sekunde) miteinander, bevor sie wieder auseinanderbrechen. Es müssten sich also für weitaus längere Zeit Wassermoleküle so miteinander verbinden, dass sie irgendwie die Moleküle des Ursprungsstoffes nachbilden.

Vereinfacht gesagt: Wasser müsste auf magische Weise mittels der eigenen Moleküle plötzlich einen anderen Stoff hervorzaubern, der zwar dann auch nur aus Wassermolekülen besteht, aber die gleiche Wirksamkeit hat (wenn man bei einer solch starken Verdünnung überhaupt von Wirksamkeit reden kann). Ein ziemlich absurder Gedanke.

Trotzdem werden solche Behauptungen in der Wissenschaft nicht einfach abgewunken, sondern es wird geforscht. Also versuchten andere Wissenschafts-Teams den beschriebenen Effekt zu reproduzieren.
Zusätzlich wurde das Experiment auch von Jacques Beneviste selbst noch einmal durchgeführt, aber diesmal unter der Aufsicht von John Maddox, Herausgeber des Magazins „Nature“, James Randi, Magier und Mitglied der Skeptics Society und Walter Stewart, Journalist und „Fake-Jäger“. Randi und Stewart veröffentlichten in „Nature“ ebenfalls einen Artikel über die Ergebnisse.

Kein Wissenschafts-Team und Beneviste selbst konnten die angeblichen Ergebnisse des Experimentes reproduzieren.

Damit war die Idee des Wassergedächtnisses gestorben. Vorerst.

1997 aber stellte Beneviste diese Behauptung wieder auf, die er 1999 und 2000 erweiterte, allerdings um einen Aspekt, der Physikern Kopfschmerzen bereitete:
In seiner Arbeit „Digital Biology“ behauptete er nicht nur, dass dieser Effekt nun doch existiert, sondern dass er auch über Telefonleitungen und über das Internet übertragen werden könnte! Beweise dafür gab es keine, auch wenn die Heilung über Telefon und Internet sicherlich reizvoll klingt.

1999 behauptete die Pharmakologin Madeleine Ennis, dass durch Experimente aufgezeigt wurde, dass superverdünnte Histamine die Aktivität von Basophilen hemmen würden, also in etwa die gleiche Behauptung, die auch Jacques Beneviste aufstellte.
James Randi lobte daraufhin einen Preis von einer Million Dollar für das Wissenschafts-Team aus, welches das Ergebnis reproduzieren könne, BBC machte daraus sogar eine Sendung.

Um es kurz zu fassen: Bis heute hat James Randi seine Millionen immer noch.

2015 wollte es das National Health and Medical Research Council genau wissen und nahm dafür 1.800 Studien über Homöopathie unter die Lupe.
225 Studien waren gut genug, um sie einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Das Ergebnis war ernüchternd: Es wurde keine einzige Studie gefunden, die belegt, dass Homöopathie besser wirke als Placebos oder herkömmliche Medizin.
Allenfalls konnte ein Placebo-Effekt nachgewiesen werden: Der Glaube an die Wirksamkeit, welches die Patienten in eine positivere Grundstimmung versetzte und durch Ausschüttung von Hormonen besser fühlen liess, obwohl sie, medizinisch gesehen, noch immer erkrankt waren.

Fazit

Es fällt schwer, einen Glauben loszulassen, in den man so viel Hoffnung legt. Doch jener Grundpfeiler, auf den sich so viele Homöopathen mit ihren Lehren stützen, ist nicht wirklich existent.

Wasser hat wohl doch kein Gedächtnis.

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