Chroniken einer Falschmeldung II

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Heute hatte ich ein Déjà-vu: Ein junger Mann wurde aufgrund eines Medienauftritts als Attentäter abgestempelt. Der Grund? Er passte optisch in ein vorurteilsbelastetes Raster. Südländischer Typ. Muss ja ein Terrorist sein.

Warum ein Déjà-vu? Weil ich diese Geschichte kannte, nur damals war es Anas Modamani, der unverschuldet in die Hassmaschinerie rutschte. Nun ist es jedoch nicht Anas, nun ist es ein anderer junger Mann. Dieser Mann ist kein Flüchtling, so wie es Anas ist, dieser junge Mann hat auch kein Selfie mit der Kanzlerin Merkel gemacht, sondern dieser junge Mann hat dem Sender oe24.tv bei der Berichterstattung geholfen und war via Telefon in einer Übertragung zugeschaltet. Damit er nicht nur zu hören war, wurde ein Foto von ihm eingeblendet.

07. April, 18:04 Uhr: Ein kontextfreies Foto

Diese Übertragung wurde am 07. April 2018 gesendet. Es ist diese Einblendung, aus der ein Foto entstand, ein Foto, welches innerhalb von zwei Tagen in verschiedenen Zusammenstellungen viele tausend Male verteilt wurde.

Der oe24 ist übrigens kein Fehler anzulasten, im Gegenteil. Dort wurde alles richtig gemacht, denn eine Bildeinblendung des telefonisch zugeschalteten Partners ist völlig in Ordnung, zumal uns von Seiten der oe24 zugesichert wurde, dass auch der Name des Eingeblendeten, sowie der Grund der Einblendung genannt wurden.

Aber wir kennen ja den Hass auf Social Media. Wir kennen die Hinterhältigkeit und vor allem die blinde Sturheit, wenn es um Stereotype geht.

08. April, 12:02 Uhr: der „stocksaure” Franck

Ein Facebookaccount, der sich Franck nennt und nicht ohne weiteres einer realen Person zugeordnet werden kann, nimmt sich des abfotografierten Fernsehbildes an und verfremdet es leicht. Er entfernt die Einblendungen des Senders, so dass die Herkunft des Bildes schwer zu bestimmen ist. Ebenso verleiht er diesem Bild seinen mittlerweile zynischen Charakter: Das soll der deutsche Jens sein.

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Abgesehen von der völlig unsinnigen Suggestion, dass Deutsche augenscheinlich nur blond und blauäugig sein können, niemals eine Straftat ausüben würden und somit die Polizei, die Medien und die deutschen Politiker ja lügen müssten, wird hier rücksichtslos das Foto eines Mannes genutzt, der völlig unschuldig ist und mit dem Anschlag rein gar nichts zu tun hat.

Das hasserfüllte Grauen nimmt seinen Lauf: Menschen, die wirklich keine Ahnung haben, wer da auf m Bild zu sehen ist, sudeln sich in einer Lache aus selbstgefälligem Zynismus. Begleitet von hunderten Likes fühlen sich alle im Recht, niemand hat Zweifel an der Form und Aussage der Darstellung.

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Nicht weniger schlimm ist die Menge an Verteilungen, welche dieses Foto mittlerweile hat. Nach etwas mehr als einem Tag sind fast 11.000 Menschen der Ansicht, das Bild eines (un)schuldigen Mannes verteilen zu dürfen oder müssen, um diesen als Täter darzustellen.

Klar, viele der Verteiler fragen sich natürlich zurecht, warum der Mann auf dem Foto nicht wie ein stereotypischer Jens R. aussieht. Einerseits fragen sie sich das zurecht, denn auf dem Foto ist nun mal nicht der 48-jährige Jens R. zu sehen. Andererseits fragen sie sich das nicht, weil sie den Fake bemerkt haben, sondern weil sie fest davon überzeugt sind, dass hier der wahre Täter zu sehen sei und die Polizei, sowie Medien und Politiker gelogen hätten.

08.April, 12:51 Uhr: Martin Schäfer AfD

Ein Politiker aus dem Hochsauerlandkreis stimmt ebenfalls reichweitenstark mit ein. Der Kommentar kann seinen Sarkasmus nicht verbergen.

Auch hier sind hunderte Interaktion vorhanden. Aber wer denkt  es handle sich hierbei um den einzigen Politiker, der so etwas veröffentlicht, der irrt.

08. April, 13:54 Uhr: Sandro Scheer, AfD Göppingen

Die Falschmeldung wandert weiter, ein neuer Upload (NEIN, es handelt sich um keine Teilung, sondern tatsächlich um einen neuen, gleichartigen Verstoß) findet sich als öffentliche Meldung auf dem Facebookprofil des AfD Politikers Sandro Scheer. Dieser macht kein Geheimnis daraus, wie wenig er von Persönlichkeitsrechten hält. Oder damit, dass er der Polizei wohl eher nicht glauben mag. Scheer lädt das Bild unverpixelt hoch, unkenntlich haben erst wir es gemacht.

Um es mal so zu sagen: Auf dem folgenden Screenshot finden sich zwei Personen. Einer davon hat sich in der Öffentlichkeit strafbar gemacht und wird eine Anzeige kassieren:

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Aktuell (09.04.2018, 19:54 Uhr) ist Scheers Status nicht aufrufbar. Ferner wurde mein Privatprofil blockiert. Junge, denkst du, ich sehe nicht trotzdem, was du postest?

Doch das ganze geht noch besser!

09. April, 07:46 Uhr: Wolfgangs Collage

Ein Facebooknutzer mit dem Namen Wolfgang fällt auf, da er wiederholt eine kleine Collage, begleitet von ein paar Fragezeichen als Kommentar unter einzelne Verteilungen postet. Diese Collage kombinierte eine falsche Berichterstattung aus Rumänien, in welcher der Täter als Kurde bezeichnet und das Foto des US-amerikansichen Comedian, Satirikers und Autors Sam Hyde als Täterfoto ausgegeben wurde.

Das Foto von Sam Hyde wurde durch die „ich-will-aber-dass-Jens-R.-ein-Ausländer-ist” Propagandisten galant verschwiegen, lediglich der Hinweis, er sei ein Kurde gewesen, wird in dieser Collage mit dem abfotografierten Fernsehbild in Verbindung gebracht. Aber auch in dieser Form, ob man will oder nicht, werden die Persönlichkeitsrechte des jungen Mannes missachtet.

Es bleibt dabei: Er hat nichts mit dem Anschlag zu tun, so sehr man sich auch mit einer Vielzahl an Bildern und Darstellungen bemüht, dieses Verleumdung aufrecht zu erhalten.

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09. April, 09:44 Uhr: Mimikamabüro

Es ist ein Trauerspiel: Wir haben unzählige Anfragen zu den mittlerweile knapp 21 Stunden online befindlichen Behauptungen bekommen. Eine E-Mail an die Redaktion der oe24 ist soeben versendet worden. Zu unserer Freude kam bereits 40 Minuten später die Antwort an. Wie bereits oben erwähnt, ist der abgebildete Mann zum Instrument einer Hassbewegung geworden. Er ist unschuldig. Er ist weder Jens R., noch sonst wie beteiligt.

Wir haben daraufhin recht schnell mit dem jungen Mann Kontakt aufnehmen können, der übrigens bis heute Mittag gegen 14 Uhr gar nicht wusste, dass ein Foto von ihm in diesem Kontext viele tausend Male verteilt wird. Die Fotos haben ihn kalt erwischt und er muss nun erst einmal mit der Situation klarkommen.

Doch eines sollte klar sein: Aus der Nummer kommen die Beteiligten nicht so einfach heraus!

Wie es weitergeht?

Die Screenshots sind angefertigt. Wie im Falle Anas Modamani ist auch in dieser Situation die Rechtslage ziemlich deutlich: Wer dieses Foto verteilt hat, hat sich strafbar gemacht. Mindestens eine Unterlassung sitzt da drin.

Facebook wird man hier wahrscheinlich wieder nicht zum proaktiven Löschen zwingen können, jedoch wird Facebook sich jeder gemeldeten Beschwerde beugen müssen, sobald es feststeht, dass dieses Bild mitsamt seiner Behauptung nicht mehr verteilt werden darf. An dieser Stelle dürfte dann das NetzDG greifen und Facebook unter Druck setzen und das zu Vorteil des unschuldig angeprangerten Mannes. Zurecht.

Und nun?

Ich bin angewidert. Wieder angewidert. So wie damals schon, als jemand allein aufgrund seines Aussehens als Attentäter abgestempelt wurde. Angewidert von so viel Hass. Angewidert von Menschen, die andere Menschen umbringen. Angewidert von Menschen, die andere Menschen aufgrund ihres Aussehens verurteilen. Angewidert. Doch ich werde niemals wegen so etwas aufgeben.

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