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Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aussprechen. Doch die wenigsten sind fundiert und logisch. Wieso sind so viele grundsätzlich gegen die Aufnahme von Asylbewerbern? Weil sich viele alltägliche Denkfehler zu einem ganz gefährlichen Weltbild anhäufen können. So passiert es.

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Dass man Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten, eine sichere Zuflucht bieten muss, steht außer Frage. Da sollte es eigentlich nichts zu diskutieren geben. Asyl ist ein Menschenrecht. Auch wäre das reiche Europa finanziell ohne Anstrengungen in der Lage, sich um die Fliehenden zu kümmern. Für die Bankenrettung konnten 236 Milliarden Euro aufgebracht werden, für die Landwirtschaft gibt die EU jährlich Subventionen in Höhe von ca. 60 Milliarden Euro aus und Geld für Grenzzäune, Frontex und Bundeswehr ist auch genug vorhanden. Warum also dann nicht ein Bruchteil dieser Kosten für humanitäre Zwecke? (Für das Jahr 2017 sind im Haushalt ca. 20 Milliarden Euro veranschlagt – Und 2016 hatten wir schon 6 Milliarden Euro an Steuern Überschuss bei Steuereinnahmen von 317 Mrd Euro) Darüber hinaus bringen Migranten wie Flüchtlinge erwiesenermaßen einem Land größeren wirtschaftlichen Nutzen als sie Kosten verursachen. Höhere Kriminalität – außer durch Rechtsextremisten – ist nicht zu vernehmen. Auch sind die Ängste eines kulturellen Zerfalls ein Argument, dass historisch bereits oft bemüht wurde, ohne sich je bewahrheitet zu haben. Immerhin fürchtet sich das „christliche Abendland“ vor den Einflüssen einer nahöstlichen Religion („Islamisierung“) und vergisst dabei den Ursprung des Christentums.




Doch warum haben rechtspopulistische Parteien wie die AfD so viel Zulauf? Warum winkt unsere Regierung Gesetze durch, die früher noch nur von rechten Hardlinern gefordert wurden? Wie kann man auf die absurde Idee kommen, in einigen Terroranschlägen von Extremisten einen Grund für die Ablehnung von Flüchtlingen zu sehen? Warum haben viele Menschen so eine Abneigung gegen Asylbewerber, immerhin gebeutelte Menschen, die vor Krieg und Tod fliehen, dass sie den ersten Absatz dieses Artikels so lächerlich und falsch finden, dass sie wahrscheinlich nicht einmal bis hierhin weiter gelesen haben und mich als Autor bereits als Sozialromantiker, Gutmensch, naiv oder als blind abgestempelt haben?

Psychologische Mechanismen.

Wir sind unglaublich schlecht darin, die Wahrheit als solche zu erkennen. Meistens wollen wir das gar nicht.

Wir Menschen beurteilen den Wahrheitsgehalt von Aussagen nicht, indem wir es auf seine logische Integrität prüfen, es mit Fakten abgleichen oder belegbare Quellen dafür recherchieren. Wir glauben gerne, dass wir das tun. Aber das einzige, was wir machen ist: Wir überlegen uns, ob diese Aussagen in unser Weltbild passen. Und das muss nicht richtig sein.

Millionen Jahre Evolution haben uns erstaunliche Fähigkeiten gegeben, Dinge wahrzunehmen, unsere Erfahrungen zu verarbeiten und auszudrücken und weiterzuverbreiten. Doch so rational für wie wir uns halten, sind wir keineswegs. Unser Gehirn neigt ständig dazu, geistige „Kurzschlüsse“ zu produzieren, die uns sehr irrational handeln lassen können.

Neurowissenschaftlicher und Psychologen sprechen von „Kognitiven Verzerrungen“ (cognitive biases). Kurz gesagt sind das Fehler, die unser Gehirn macht, wenn es Folgerungen zieht oder etwas bewerten muss. Normalerweise werden diese hervorgerufen, wenn wir eine neue Situation mit einer früheren emotionalen Erinnerung assoziieren. Diese kognitiven Verzerrungen passieren uns jeden Tag und meistens sind wir uns dessen nicht bewusst. Und tatsächlich liegt der Grund, wieso so viele Menschen Flüchtlingen misstrauisch gegenüber sind, oft in diesen vielen kleinen Fehlern unseres Gehirn.

Hier einige wichtige Denkfehler, denen wir zum Opfer fallen:

  • Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic): Wir überschätzen stets die Informationen, die uns zur Verfügung stehen. Selten geben wir zu, dass wir einfach nicht genug über etwas Bescheid wissen, um uns eine Meinung über etwas zu bilden. Man könnte der Ansicht sein, dass Flüchtlinge zu höherer Kriminalität neigen, weil man von einem Flüchtling gehört hat, der einmal straffällig auffällig geworden ist. (Ohne die Kriminalitätsstatistik zu kennen). -> Flüchtlinge sind erwiesenermaßen nicht krimineller als andere Menschen, sagt das Bundeskriminalamt.

 

  • Mitläufereffekt (bandwagon effect): Ich glaube umso eher etwas, je mehr andere Menschen dies auch glauben. Das sprichwörtliche Herdendenken. Je mehr Zuspruch rechtsextreme Ansichten bekommen, desto mehr Menschen nehmen solche Ansichten ernst und ziehen sie paradoxerweise als wählbar in Betracht. Gerade Unentschlossene schließen sich gerne der vermeintlichen Mehrheit an, um nicht als Außenseiter zu gelten. Deshalb tendieren bestimmte soziale Milieus dazu, sich zu homogenisieren. Dazu kommen noch soziale Mechanismen wie Gruppenzwang.

 

  • Bestätigungsfehler (confirmation bias): Wir neigen dazu, nur Leuten zuzuhören und Medien zu konsumieren, die unsere eigenen Ansichten bestätigen. An solchen Informationen müssen wir uns nicht reiben oder aufregen. Somit neigen wir dazu, nur Informationen zu erhalten, die unser Weltbild untermauern. Wenn man sich alle Nachrichten zB. von der Pegida-Facebookseite oder ähnliche holt, die bekannt dafür sind, Falschmeldungen zu verbreiten oder zu manipulieren, dann muss man ein falsches Bild über Flüchtlinge kriegen.

 

  • Stereotypisieren (Stereotyping): Wir stecken Menschen gerne in Schubladen. Man erwartet von bestimmten Personengruppen oder Bevölkerungsteilen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen, ohne das Individuum zu kennen. Das erlaubt uns, Fremde schnell als Freunde oder Feinde zu identifizieren, jedoch missbrauchen wir diese geistige Fähigkeit gewaltig, besonders dann wenn die Stereotype, die wir bilden, unwahr sind. Das Bild vom undankbaren, gewaltbereiten Flüchtling entspricht einfach nicht der Realität. Das sind selbstverständlich unterschiedlichste Menschen, genau wie wir auch und sie sind nicht undankbarer oder gewaltbereiter als Deutsche.

 

  • Verneinung oder Nicht-wahr-haben-wollen (denial): Dies ist die Tendenz, eine unangenehme Wahrheit einfach nicht als solche akzeptieren zu wollen. Es werden Gründe gesucht, eine Tatsache oder eine Aussage nicht ernst nehmen zu müssen. Man bedient sich logischer Fehlschlüsse oder Sophismen. Man kann zB. ein ad hominem verwenden und dem Überbringer Inkompetenz oder böse Absichten unterstellen, um seine Aussage nicht ernst nehmen zu müssen. Wenn etablierte Medien regelmäßig Dinge berichten, die Rechtspopulisten nicht gefallen, werfen sie ihnen vor, „Lügenpresse“ zu sein oder Teil einer Verschwörung zu sein. Somit haben sie für sich selbst gerechtfertigt, dass sie nichts glauben müssen, was diese berichten. (Außer es passt wieder in ihr Weltbild, siehe Bestätigungsfehler).

 

  • Ankerheuristik (focusing/anchoring effect): Das ist das Überschätzen eines bestimmten Aspekts oder einer einzelnen Information. Wenn man stets nur an einen Teilaspekt oder ein Merkmal denkt, das aber für die Gesamteinschätzung irrelevant ist. Die Tatsache, dass die Attentäter von Paris als Flüchtlinge getarnt versuchten, nach Europa einzureisen, nehmen einige als Argument, dass wir keine Flüchtlinge mehr aufnehmen dürfen. Doch diese Attentäter waren Franzosen und Belgier. Nach dieser Logik würde akute Terrorgefahr von jedem Franzosen ausgehen, was natürlich Unsinn ist.

 

Diese Liste kann man noch lange weiter führen. Doch es dürfte bereits klar sein, dass diese ganzen kognitiven Verzerrungen alle zu einem Gesamtbild beitragen, in dem vor Krieg und Terror flüchtende Menschen verteufelt werden. Wir Menschen sehen uns nicht alle verfügbaren Fakten an und entscheiden dann, wie wir eine Situation beurteilen. Wir beurteilen eine Situation und schauen dann, was von der Realität in unser Weltbild passt. Wenn es sich wahr „anfühlt“. Wenn man sich nicht geistig anstrengen muss, um es zu verstehen und wenn es sich gut anfühlt es zu glauben, weil es z. B. positive gedankliche Assoziationen weckt, vertraut ist (status quo) oder den eigenen Überzeugungen entspricht. Dann halten wir es für richtig. Dann halten wir diejenigen für kompetent, die uns zustimmen und halten alles für gelogen oder falsch, was uns nicht gefällt. Und somit verstärkt sich unser Weltbild mit jeder Nachricht, egal was für eine es ist.

Wenn man „den Anderen“ die Schuld geben kann, wird alles viel einfacher. Man ist arbeitslos, sozial benachteiligt, die Rente reicht nicht? Es ist einfach, dafür einer Menschengruppe die Schuld zu geben, die sich nicht wehren kann. Die Menschen fühlen sich gut mit ihrer Identität, zu dem auch ihr Weltbild gehört. Sie haben regelrecht Angst davor, falsch zu liegen und sich Fehler einzugestehen. Auch dieser ganze Artikel hier wird von einem echten „Asylkritiker“ entweder gar nicht erst gelesen werden oder ich werde als naiv oder dumm abgestempelt. Eine intelligente Kritik könnte sein, mir vorzuwerfen, selbst diesen ganzen Mechanismen zum Opfer gefallen zu sein. Und das mache ich sicherlich öfter als mir bewusst ist. Diese ganzen kognitiven Verzerrungen passieren uns jeden Tag, in allen möglichen Kontexten, nicht nur beim Flüchtlingsthema. Wegen diesen steigt zB. auch die Ablehung von Impfungen.




Ist Aufklärungsarbeit also umsonst? Wird alles immer schlimmer werden? Ich hoffe nicht. Studien besagen, dass der Versuch, jemanden von etwas zu überzeugen, dazu führt, dass derjenige sich noch weiter in seiner Meinung bestätigt sieht. Das hier verlinkte Buch „Starrköpfe überzeugen“ analysiert, was man machen kann, um strategisch sinnvoll mit Menschen zu diskutieren, die sich durch solche Denkfehler in eine Sackgasse gefahren haben. Wir müssen die Ängste der „besorgten Bürger“ ernst nehmen: Wir müssen sie ihnen nehmen. Mit der Wahrheit. Aber gezielt.

Thomas_LThomas Laschyk, Chefredakteur Volksverpetzer Journalist und Blogger aus Augsburg. Auf seinem Blog Der Volksverpetzer beschäftigt sich Laschyk auf kritische und kreative Weise mit Themen aus Bundes- und Weltpolitik, bis zu Wirtschaft, Finanzen und ethischen Fragestellungen. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.