500 € – 1000 € – 50.000 € – 150.000 €: wer bietet mehr? Die Meldungen über Geldfunde und ehrliche Finder unter Flüchtlingen haben seit dem 28. Juni 2016 eine neue Dimension angenommen, denn laut Polizei- und Medienmeldungen hat gestern ein Syrer in Minden 50.000 € in bar und Sparbücher mit einem Guthaben von 100.000 € in einer alten Schrankwand gefunden.


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Das ergibt eine Gesamtsumme vom 150.000 €, was für viele Menschen ein Vielfaches ihres Jahresgehaltes ist. Und gleichzeitig hat dieser Fund ein Medienecho und eine hochskeptische Resonanz hervorgerufen. Die Information in ihren Basics entstammt der offiziellen Pressemeldung der Polizei Minden [1], viele Pressemedien haben diesen Fund nun aufgearbeitet.

Und die Resonanz in den sozialen Netzwerken ist deutlich: “Das kann doch jetzt nicht wahr sein!”

Wieder ein Geldfund durch einen Flüchtling

Und in diesem Fall in einer Höhe, die auch bei uns erstaunte Gesichter hervorruft. Es geht hier dieses Mal nicht um irgendeine verlorene Brieftasche oder ein paar heruntergefallene Geldscheine, sondern um ein kleines Vermögen von 150.000 €, welches durch Zufall und dann auch noch von einem Flüchtling gefunden wurde.

Ich formuliere diese Sätze gerade bewusst so, denn man kann die große Skepsis zu dieser Meldung bei vielen Menschen verstehen. Das wirkt, gerade in der kontrastreichen Debatte um Flüchtlinge, stark überzogen. Nicht falsch verstehen: ehrlicher Finder – ehrlicher Respekt und Anerkennung.

Doch gerade weil in den vergangenen Monaten bereits viele Diskussionen um Flüchtlinge und Geldfunde entstanden sind, und zudem auch bewusst Fälschungen von anonymen Stellen gebaut wurden, um die Thematik weiter zu verschärfen [2], wirkt dieser kumulierte Geldfund von 150.000 € noch dramatischer und noch drastischer fallen die Reaktionen dazu aus.

Der junge Mann steht mit dieser zwiegespaltenen Resonanz natürlich voll im Fokus. Zwischen Lügenvorwurf und Respektsbekundungen steht dieser Mann, der nach offiziellen Aussagen lediglich das gemacht hat, was ein jeder machen sollte: gefundene Wertsachen (auch Geld) dem Besitzer geben, bzw. bei unbekannt zum Fundbüro bringen. Die Frage an dieser Stelle ist nun:

Was bewirkt diese hohe Medienresonanz?

Nun kennt ihn jeder, den 25-jährigen Syrer. Und sein Fund beschert ihm neben Dank vor allem das Gegenteil: Hass, Wut und gefühlte Unglaubwürdigkeit. Die AfD Böblingen hat da in den Kommentaren ganz deutlich eine Aussage beschrieben, mit der sie definitiv nicht alleine stehen [3]:

Wer solche Geschichten glaubt, der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.

Vielerorts werden nun eine Medieninszenierung, sowie eine Polizeilüge gewittert. Wie bereits eingangs geschrieben, man darf bei diesem Aspekt einfach nicht die Dimensionen dieses Fundes vergessen und dass von viele Menschen dieser Fund auch ironisch herbeiprophezeit wurde. Schon seit langem feuern Seiten wie PI-News die Debatte um gefundene Brieftaschen durch Flüchtlinge an [4] und haben eine Erwartungshaltung aufgebaut, welche nun durch diesen aktuellen Fund von 150.000 € bestätigt wird. Die AfD Böblingen hat in diesem Falle lediglich das Muster weitergeführt und prophezeit den ersten Millionenfund durch Flüchtlinge her. Ebenso steht der Mann nun auch im Kreuzfeuer des Spottes.

(Falls Statusmeldung nicht mehr vorhanden, gibt es hier den Screenshot)

Die Nennung seiner Nation und auch des Flüchtlingsstatus erzeugt an dieser Stelle Hohn und wird politisch Instrumentalisiert.

Selektive Berichterstattung?

Man kann und darf sich nun die Frage stellen: warum werden Funde durch Flüchtlinge in den Medien so stark hervorgehoben? Würden auch Brieftaschenfunde/Wertfunde in der Presse erwähnt werden, wenn sie nicht von Flüchtlingen getätigt werden? Das ist an dieser Stelle die große Frage.

Zumindest wenn der Fund exotisch ist oder die Geldmenge hoch ist. Der Focus berichtete im März 2016 über eine Kölnerin, die 48.000 € gefunden hatte [5], ebenso im März 2016 las man in der Badischen Zeitung von einem Geldfund durch eine 55-jährige Passantin [6]. Im Dezember 2015 wurden in Wien gar 130.000 € in der Neuen Donau gefunden, auf Vienna.at wird nicht einmal genannt, wer den Geldfund gemacht hat [7], der ORF betitelt die Finder als Passanten [8]. Also wird offensichtlich auch über Geldfunde berichtet, die NICHT von Flüchtlingen gemacht wurden, jedoch gibt es einen großen Unterschied zwischen diesen Berichten:

Der Fokus liegt bei den anderen Berichten auf dem Geldfund selbst. Die Nationalität des Finders spielt keine Rolle, die Reduktion der Finderin im Artikel der Badischen Zeitung auf den Ausdruck “Passantin” ist an dieser Stelle beispielhaft. Bei Geldfunden durch Flüchtlinge geschieht jedoch genau das Gegenteil: hier wird Nationalität und der Flüchtlingsstatus betont. Ebenso gibt es bei Funden durch Flüchtlinge ein Foto des Finders, in den anderen angeführten Artikeln dagegen werden lediglich Geldscheine abgebildet.

Es liegt also eine unterschiedliche Darstellung in den Funden vor, welche letztendlich die unterschiedlichen Resonanzen hervorruft. Bauen wir an dieser Stelle einfach mal die Originalvorlage [1] der aktuellen Polizeimeldung ohne den Inhalt zu verändern um:

“25-jähriger macht Fund über 150.000  € in altem Schrank”

Minden (ots) – Ein 25-jähriger Mann hat in Minden in einem gespendeten Schrank Bargeld in Höhe von 50.000 Euro sowie mehrere Sparbücher mit einem Guthaben von über 100.000 Euro gefunden und bei den Behörden abgeben.

Der 25-Jährige hatte von einer karitativen Einrichtung einen Kleiderschrank für seine spärlich möblierte Wohnung in Minden bekommen. Als er den Schrank aufbaute, entdeckte er unter einem Einlageboden versteckt einhundert neuwertige 500-Euroscheine sowie mehrere Sparbücher. Der Mann prüfte die Scheine auf Echtheit und meldete daraufhin den Fund.

Die Beamten stellten Geld und Sparbücher sicher. Die Polizisten werden nun versuchen den rechtmäßigen Eigentümer der stattlichen Summe zu ermitteln.

Dem ehrlichen Finder zollten die Ordnungshüter Respekt. „Dieser junge Mann hat sich vorbildlich verhalten und verdient große Anerkennung“, so die Polizei. „Das jemand kleinere Bargeldbeträge findet und bei der Polizei abgibt, kommt immer wieder vor. Aber eine solche große Summe ist die absolute Ausnahme“.

Ja, das ist Medienkritik

An dieser Stelle lehnen wir uns einfach mal heraus und kritisieren die Berichterstattung. Wo an der einen Stelle Finder lediglich als “Passanten” oder “Mann/Frau” beschrieben werden, ist an der anderen Stelle auf einmal die Herkunft wichtig. Jene Herkunft, wo man bei Negativschlagzeilen darauf plädiert, dass sie eben nicht genannt wird. Natürlich verstehen wir, warum diese Positivdarstellungen genutzt werden und warum man zeigen möchte, dass Flüchtlinge eben keine wilden Tiere oder gar pauschal alle Vergewaltiger sind. Dennoch schafft exakt diese unterschiedliche Darstellung von Funden nicht überall positive Reaktionen, sondern schadet auch durchaus dem Finder, da ihm sowohl Unglaubwürdigkeit, als auch ein gewisser Neid und Ablehnung entgegengebracht wird. Die abweichende Darstellung in den Medien bezüglich Geldfunden stellt hier einfach ein Problem dar, da dadurch eine selektive Wahrnehmung bei den Lesern entsteht. Bereits die Schlagzeilen selbst betonen selektiv einen Punkt, nämlich den der Herkunft, obschon dies gar nicht zwingend notwendig ist.

Ebenso ist der Finder nun schutzlos dem Hohn und Spott verschiedener Stellen ausgesetzt, was die Situation natürlich nochmals verschärft.

Dem Finder Dank entgegenbringen? Gerne, auf jeden Fall! Ich hoffe sogar an dieser Stelle ganz fest, dass sich die Besitzer (oder angehörigen, falls Besitzer verstorben) der Fundstücke melden und sich öffentlich und TRANSPARENT bedanken. Nichts wäre wichtiger, als an dieser Stelle bestehende Zweifel aus der Welt zu schaffen. Allein um den Mann vor dem Spott der Menschen zu schützen.

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