Irgendwie war es wohl eine Mischung aus Wut, Trotz und Neugier, welche mich dazu trieb, einen Nachmittag auf dem “Sommerfest” in einer Flüchtlingsunterkunft zu verbringen.

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Wut, weil ich einfach nicht mehr das Gezeter der Menschen hören kann, welche über Flüchtlinge schimpfen, jedoch selbst nie versucht haben, eigene Erfahrungen zu sammeln,sondern einfach nur blind nachplappern.

Trotz, weil ich ja eigentlich nicht dieser “linksversiffte Gutmensch” bin, so wie ich es oft über mich bei Facebook in den Kommentarspalten lese. Ich bin eher ein leistungsorientierter Humanist, der Andere an den eigenen Vorteilen teilhaben lässt.

Neugier, weil ich unbedingt selber erfahren wollte, wie die Menschen in einer Flüchtlingsunterkunft leben, was dort für Menschen leben und wie ihr Tagesablauf aussieht.

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Dazu kam das Sommerfest, welches von einer humanitären Initiative veranstaltet wurde ganz gelegen, zudem gleichzeitig dort auch noch um Kleiderspenden gebeten wurde und ich sowieso meine geschrumpfte Winterkollektion bereits aussortiert habe.

Daher packte ich meine Taschen voll und machte mich mit meinem Scooter-Roller auf zum Flüchtlingsheim hier im Stadtteil.

Angekommen an der Unterkunft, welche eine alte Zollwachschule ist, die nun nicht durch ihre Schönheit besticht, traf ich auf Moritz, der sehr ähnlich wie ich nach dem Sommerfest fragte. Moritz wirkt um die 30 Jahre alt, sportlich, hatte ein Skateboard dabei und war ebenfalls ein Besucher. Er machte keinen politisch motivierten Eindruck. Ich fühlte mich auf den ersten Metern ganz wohl, ihn in meiner Nähe zu haben – es machte den Anschein, dass es umgekehrt genauso war.

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Im Innenhof

Das Sommerfest fand im Innenhof der festungsartigen Zollwachschule statt. Beim Betreten wurde uns schlagartig klar: mit einem bunten Sommerfest, wie wir es aus Kindheitstagen oder von Straßenfesten kannten, hatte das wenig zu tun. Der Fokus lag auf der Ausgabestelle der Kleiderspenden, hier hatte sich auch ein Pulk von Menschen gebildet. Moritz erzählte mir beiläufig, dass er hergebeten wurde, um den Bewohnern der Unterkunft ein wenig das Fahren mit dem Skatboard beizubringen.

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Ich selbst habe mittlerweile meine Sachspenden abgegeben und stand auf diesem Innenhof. Um mich tummelten viele Menschen, deren Sprache ich nicht verstand. Meine Anwesenheit störte niemanden (so als Hellblonder inmitten von nur dunkelhaarigen Menschen, die fast alle einen Kopf kleiner sind als ich, da fällt man schon auf), es waren auch kaum Besucher da, sondern nahezu ausschließlich die in den Quartieren untergebrachten Menschen und die Organisatoren. Dabei viel mir direkt auf: in der Unterkunft gibt es keine Frauen.  Das hat mich ein wenig irritiert und das wollte ich auch später noch genauer wissen.

Einige der jungen Männer haben mich jedoch recht schnell bemerkt. Naja … nicht wirklich mich, sondern eher meinen Roller. Ein Spielzeug, was nahezu jedes Kind hat bescherte mir die Aufmerksamkeit von mehreren jungen Erwachsenen. Nach kurzer und freundlicher Begrüßung und Kennenlernrunde war klar: sie wollten Tretroller fahren.

Allen voran war Mohib der Mutigste. Mohib ist 16, kommt aus Afghanistan, deutete auf den Roller und fragte auf gebrochenem English, ob er fahren darf. Nun, der Roller hält täglich einen dicken Deutschen aus, warum also nicht den schmächtigen jungen Mann. Voller Freude drehte er zwei Runden durch den Innenhof und deutete mit dem Finger auf seinen Freund Abbas, der mich ein wenig schüchtern anschaute. Ich hab mir nur gedacht “Was solls, haut rein Jungs” und machte mit Händen und auf Englisch deutlich, dass sie gerne alle damit fahren dürfen. Kleine Anmerkung: meinen Roller sah ich die nächsten 90 Minuten nur aus der Ferne.

Mohib

Ich habe recht schnell einen neuen Freund gefunden, Mohib wich mir nicht von der Seite. Die Ausgabestelle, wo sich viele andere drängten, war ihm egal. Mohib begann zu fragen. Er wollte wissen, wo ich herkomme, wie alt ich bin und ob ich arbeiten gehe. Er fragte, ob ich ihm Deutsch beibringen kann, denn er wolle gerne hier auch reden können.

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Mohib ist nicht dumm. Er verstand es recht schnell, meine Sätze nachzusprechen. Besonders angetan hat es ihm das Wort “Tschüß”. Also sollten in Zukunft in verschiedenen Füchtlingsunterkünften die Menschen öfter “Tschüß” rufen, so ist das meine Schuld.

Ich habe Mohib gefragt, ob er schon lange hier sei. Nein, antwortete er auf Englisch. Er ist erst seit kurzem in dieser Unterkunft und war vorher in Traiskirchen. Er ist froh, von dort weg zu sein. Es war für ihn eine schwere Zeit dort, speziell an den Tagen, als es regnete und alles unter Wasser stand. Jetzt hat er wenigstens ein festes Dach über dem Kopf. Ich fragte ihn nach seiner Familie. Er wurde sehr ruhig nach dieser Frage und sagte, er sei alleine hier. Seit 3 Monaten sei er mittlerweile in Österreich, davor war er über 6 Monate zu Fuß und mit allen Mitteln, die sich ihm ergaben, auf dem Weg hierher. Er durchquerte viele Länder, seine Familie hat er schon lange nicht mehr gesehen. Er vermisst seine Eltern und seine 5 Geschwister (dass ich keine Kinder habe, konnte er absolut nicht verstehen).

Man muss bedenken: zum Beginn seiner Flucht aus Afghanistan war er 15. Jetzt ist er 16 und wohnt mit mehreren hundert Menschen in einer Flüchtlingsunterkunft.

Handy und Klamotten

Mohib fragte mich dann, ob ich bei Facebook sei. Ich lächelte, zögerte ein wenig, gab ihm dann aber meinen Profilnamen. Er zog ein Smartphone aus der Tasche. Ein wenig zerfetzt war die Hülle schon, ich konnte erkennen, dass es ein älteres Samsungmodell war, S3 oder S2. Facebook sei die einzige Möglichkeit, mit seiner Heimat Kontakt zu halten und sich zu “sehen”.

Mohib war glücklich. Ich glaube, ich bin der einzige Mitteleuropäer in seiner Freundesliste. Immer wieder versuchte er meinen Namen beim Lesen auszusprechen. Wir redeten noch über viele Dinge. Als er erfuhr, dass ich Deutscher bin und in Österreich auch nur “Gast” bin, erzählte er mir, wie schön Deutschland doch sei. Er weiß aus Afghanistan noch, wie freundlich Deutsche sind und er würde gerne mal nach Deutschland kommen.

Immer wieder legte er seine Hand auf meine Schulter. Dieser 16-jährige Afghane könnte rein theoretisch mein Sohn sein, wahrscheinlich sind seine Eltern auch nicht älter als ich. Immer wieder fragte er, ob ich wiederkomme. Er fragte auch, ob ich eine Schwimmhose für ihn hätte, dabei zeigte er auf seine länge Hose, welche er trug. Er hat nur diese Hose. Die hat er bei 40° im Schatten an, die hat er bei Regen an. Nun, selbst wenn ich Mohib eine meiner Schwimmhosen bringen würde, er könne die gar nicht tragen. Oder er muss einen derbe engen Gürtel nutzen.

Fussball, tanzen, sitzen

Die Aktionsmöglichkeiten in der Unterkunft, bzw. im Innenhof der Unterkunft sind stark begrenzt. Auf der tristen Hoffläche spielen sie immer wieder Fußball (ohne Tore oder Linien), manchmal tanzen sie auch oder sitzen einfach nur da und reden. Jeden Tag. Immer dasselbe. Manchmal streiten sich auch die Menschen hier, sagte mir Mohib. Er sagte, manche sind dumm und reden nicht gut miteinander.

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Kurz darauf konnte ich mich von dem “Tanzen” selbst überzeugen. Aus einer Ecke des Innenhofes schallte Musik, die Männer scherten sich dort im Kreis um einige, welche recht “volkstümlich” tanzten. Mohib verschwand in der Menge, er wollte auch tanzen.

Fragen …

Ich hingegen ging zu einem “Uniformierten”, welcher als eine Art Wachmann für die Unterkunft abgestellt war. Ich fragte ihn, warum hier nur Männer untergebracht seien und wie viele Nationen hier vertreten sind. Die Antwort war so kurz wie irritierend: er dürfe keine Auskunft geben.

Ok, ich habe das akzeptiert und daraufhin versucht, einen der Organisatoren des Sommerfestes zu erwischen, denn bei denen handelte es sich um eine private Initiative. Tatsächlich konnte mir ein junger Mann Antworten geben. Hauptsächlich Menschen aus 3 Nationen seien hier untergebracht, bis vor kurzer Zeit auch Frauen und Kinder, er wisse selber nicht, warum diese nicht mehr hier sind.

Mein versuchtes Gespräch, wie man generell auf privater Basis die Menschen hier unterstützen kann, artete recht schnell in eine – von mir nicht gewollte – Politfrage aus. Daher war diese Informationsrunde auch recht schnell für mich erledigt.

Abschied

Ich trottete noch ein wenig über den Innenhof, schaute mit das Riesenposter an, auf denen die Flüchtlinge schreiben und malen durften und traf wieder auf Moritz. Dieser hatte einer Menge junger Männern die grundlegenden Schritte für das Skateboard gezeigt; da wo diese herkommen, gibt es weder asphaltierte Straßen, noch die Freizeit, um zu boarden. Daher sah es recht amüsant aus, wie sich die Personen aller Altersgruppen auf dem Board fortbewegten.

Ebenso sah ich auch meinen Roller, auf dem mittlerweile die gefühlt hundertste Person über den Hof rollte. Ich verabschiedete mich von Moritz, warf noch einen Blick zu Mohib herüber, der schwer mit Tanzen beschäftigt war, holte mir meinen Roller zurück und rollte zum Ausgang.

Werde ich wiederkommen?

Mohib geht mir nicht aus dem Kopf. Wie oft er mich fragte, ob ich wiederkomme. Ja, ich werde wiederkommen. Und ich werde für Mohib eine Badeshort dabei haben.

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