Der einflussreiche islamische Gelehrte Yussuf Al-Quaradawi möchte Weihnachten verbieten. Das jedenfalls geht unter anderem aus einem Artikel der Berliner Morgenpost hervor [1], der momentan in den sozialen Netzwerken fleißig geteilt wird – mit entsprechenden Reaktionen in den Kommentaren.

Worum geht es genau, was hat er genau gesagt, und stimmt das denn?

- Sponsorenliebe | Werbung -

Zunächst: Der Artikel ist von 2009 (!) Und nein, das hat er nicht gesagt. Es stimmt so absolut nicht. Weihnachten existiert noch, und wenn man sich die aktuelle Entwicklung ansieht, wird es auch dieses Jahr wieder stattfinden.

Der islamische Gelehrte Scheich Yussuf Al-Quaradawi hat sich seinerzeit in einer auf Youtube verbreiteten Rede über die Art, wie in manchen islamischen Ländern und besonders in seinem Heimatland Katar, das Weihnachtsfest gefeiert würde, ausgelassen [2].

Übersetzt wurde diese Rede von dem Übersetzungsdienst MEMRI, der auch in der Vergangenheit mehrfach für selektive bis inkorrekte Übersetzungen kritisiert wurde. [3]

Zur Weihnachtszeit 2009 haben nun verschiedene Medien auf Basis dieser Übersetzung gemeldet, dass Yussuf Al-Quaradawi ein Verbot des Weihnachtsfestes fordere. Es war von „Hetze gegen die Christen“ die Rede. Der Spiegel titelte mit einer „Heiligabend-Attacke“ und vermeldete damals sogar, dass Kreuze und Kirchenglocken ebenfalls einem Verbot zum Opfer fallen sollten. Diese Aussage hat der Spiegel in einer Richtigstellung am 28.05.2010 widerrufen [4].

Aber was hat der Mann denn nun wirklich gesagt?

Laut dem Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ), Tarafa Baghajati, einem Muttersprachler, sprach Al-Quaradawi von dem Verhalten der Geschäftsleute in seinem Land, die „die Geburt Jesu, Friede sei mit ihm, genannt Christmas zelebrieren […] mit ihren vier bis fünf Meter hohen Weihnachtsbäumen“ nur um des Kommerzes willen („nur für den Gewinn, für Geld“). Dies sei für Muslime unstatthaft und unpassend („ein Fest einer Religion zu feiern, die nicht die Eure ist, währenddessen andernorts der Bau von Minaretten Muslimen verboten wird.“) [5]

Es geht also um die Art, wie das Weihnachtsfest in SEINEM LAND (Katar) kommerzialisiert wird, nicht darum, wie wir es HIER feiern oder nicht feiern sollen.

Von einer „Hassrede“ kann ebenfalls nicht die Rede sein, die Christen werden in der Rede nicht angegriffen, Al-Quaradawi spricht in dem Video nur Muslime an.

Al-Quaradawi im Übrigen steht mit seiner für dortige Verhältnisse eigentlich sehr toleranten Haltung, Muslime sollten keine Hemmungen haben, Christen zu ihren Feiertagen zu gratulieren und besonders Nachbarn, Freunde und Kollegen freundlich darauf anzusprechen, in der Kritik der von den saudi-arabischen Gelehrten der salafitischen Richtung des Islams. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Zusatz „Friede sei mit ihm“, den Al-Quaradawi quasi als Respektzollung für Jesus genau so verwendet, wie Muslime es mit Mohammed tun – schließlich ist Jesus auch im Islam eine wichtige Figur, ein Prophet –  in der Übersetzung von MEMRI völlig fehlt. Dies lässt weiter auf eine gewollt einseitig gewichtete Übersetzung schließen.

Tarafa Baghajati bemerkt in einem Gastartikel auf WELT N24 [5] zusätzlich noch, dass viele arabische Sender zur Weihnachtszeit ein spezielles Weihnachtsprogramm liefern. Es sei ein Zeichen dafür, dass religiöse Gruppen nicht nur friedlich nebeneinander existieren, sondern darüber hinaus auch noch ein harmonisches Miteinander finden können. Es sei daher, genau wie die „Islamisierungsdebatte“ in Europa, überflüssig, auch noch eine „Christianisierungsdebatte“ in der muslimischen Welt vom Zaun zu brechen, und teilt damit die Ansicht von Al-Quarawadi nicht.

Fazit

Es handelt sich um einen nunmehr 7 Jahre alten Artikel. Weihnachten existiert noch. Die Behauptungen in diesen Artikeln beruhen auf einer falschen Übersetzung, bei der durchaus Absicht unterstellt werden kann. Immer noch gilt die Aussage: Kein Moslem hat jemals verlangt, dass wir Feste umbenennen, nicht mehr feiern, oder sonst etwas mit christlichen Bräuchen anstellen.

Es lohnt sich also in jedem Fall, einmal kurz auf das Erstellungsdatum einer Nachricht zu schauen, bevor man diese wild im Netz weiterverbreitet. Trotz Hinweis auf das Alter des Artikels seitens der Redaktion trägt dieser leider nicht die Korrektur unscheinbar am Fuße des Artikels. Diese Nennung, sowie der Hinweis auf die Falschübersetzung und auch eine Änderung der Metadaten des Artikels, würde im oberen Teil des Textes effektiver sein.

Autor: Rüdiger, ZDDK

Quellen

[1] http://www.morgenpost.de/politik/article104968521/Islam-Gelehrter-fordert-Verbot-von-Weihnachten.html
[2] https://www.youtube.com/watch?v=aaJFPUJWAQQ
[3] https://www.theguardian.com/world/2002/aug/12/worlddispatch.brianwhitaker
[4] http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-eigener-sache-richtigstellung-zum-bericht-islamischer-gelehrter-will-weihnachten-verbieten-a-668258.html
[5] https://www.welt.de/politik/ausland/article5794280/Das-Maerchen-vom-Muslim-der-Weihnachten-stiehlt.html

-Mimikama unterstützen-

Weil du diesen Bericht zu Ende gelesen hast…

Kannst du uns bitte einen kleinen Gefallen tun? Mehr Menschen denn je lesen die Artikel von mimikama.at, aber die Werbeerträge sinken rapide. Anders als andere Organisationen haben wir keine “Pay-Wall” eingerichtet, denn wir möchten unsere Inhalte für alle Interessierten so offen wie möglich halten. Der unabhängige Enthüllungsjournalismus von mimikama.at bedeutet jedoch harte Arbeit, er kostet eine Menge Zeit und auch Geld. Aber wir tun es, weil es wichtig und richtig ist, in Zeiten wie diesen Internetnutzer mit transparenten Informationen zu versorgen. Wir hoffen, dass du es schätzt, dass es keine Bezahlschranke gibt: Unserer Auffassung nach ist es demokratischer für Medien, für alle zugänglich zu sein und nicht nur für ein paar wenige, die sich dieses "Gut" leisten können. Durch deine Unterstützung bekommen auch jene einen Zugang zu diesen Informationen, die es sich sonst nicht leisten könnten. Wenn jeder, der unsere Rechercheberichte liest und mag, dabei hilft, diese zu finanzieren, wird es mimikama.at auch weiterhin geben.

Folgende Unterstützungsmöglichkeiten bieten wir an: via PayPal,via Steady