Es waren „nur“ acht Monate meines Lebens, aber eine sehr intensive und bewegende Zeit für mich. So anstrengend diese Zeit für mich war, genau so gerne denke ich schweren Herzens an sie zurück, selbst in dem Wissen, dass ich jetzt genau an dem Punkt bin, an dem ich sein muss, vermisse ich meine Kollegen in Leipzig und meine Freunde, die ich damals als „Bewohner“ kennen gelernt habe.

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Genau ein Jahr ist es her, dass ich eine Email bekam – die Organisation, bei denen ich mich als Flüchtlingsbetreuer beworben habe, möchten mich gerne einstellen. Dienstbeginn ist der kommende April, man rechnet mit neuen Ankünften.

Zeitgleich wird im Leipziger Norden bereits das sogenannte Drehkreuz für Flüchtling aus dem Boden gestampft. Ein Abbild des Wahnsinns, riesige Baumaschinen und fleißige Hände erschaffen insgesamt drei Auffanglager für Flüchtlinge im Ausmaß eines sächsischen Bergdorfes. Das Gelände am alten Flughafen bietet Kapazitäten von über 2000 Betten. Ich werde dort arbeiten.
Mich treibt der Gedanke, ob meine Arbeit richtig sein kann, schließlich verdiene ich Geld mit dem Elend anderer Menschen, mein Job existiert weil es anderen schlecht geht. Ich überlege lange, komme aber zu dem Entschluss, dass ich ja immerhin den Menschen irgendwie helfen kann/möchte aus erster Motivation.

„Es gibt kaum Möglichkeiten des Rückzugs, […] Jeder hört alles.“

Aber mein Weg beginnt wie so oft anders. Ich beginne in einer Erstaufnahme im Leipziger Westen, eine umgebaute Fußballhalle, in die Verschläge eingezogen wurde. Aus der Not geboren, bietet diese Einrichtung Platz für etwa 400 Menschen, es gibt kaum Möglichkeiten des Rückzugs, das Licht in der Halle diktiert den Tagesrhythmus, da die Verschläge alle nach oben offen sind. Jeder hört alles. Menschen schlafen seit Monaten auf Feldbetten und in Schlafsäcken. Ich beginne meine erste Schicht um 6 Uhr, noch schlafen alle. Die Kulisse ist makaber und skurril für mich, ich bin froh, nicht eine Nacht hier verbringen zu müssen und nach jeder Schicht in meine Wohnung zurück zu kehren. Ich werde in einen abgesperrten Bereich gebracht und lerne die ersten Mitglieder des Teams kennen und treffe dort auch zwei Kollegen aus meiner Einstellungsrunde wieder. Ein bunter Haufen von Menschen, aber alle sehr liebenswert. Ich fühle mich sofort aufgenommen, Flüchtlinge habe ich bisher noch keine gesehen, das sollte sich bald ändern.




„Andreas, kannst du bitte bei der Frühstücksausgabe mitmachen?“

Ai na klar, denk ich mir, packen wir es an. Ich verlasse den abgesperrten Bereich und die Halle, das Versorgungszelt befindet sich auf dem Hof. Die Kulisse wird nicht unbedingt schöner, der Hof ist plattbetoniert, links alte Fabriken, rechts ein Zaun mit Stacheldraht, außer Securitys sehe ich niemanden.
Nach kurzer Einweisung geht die Essensausgabe los, und da passiert es, ich sah meinen ersten Flüchtling. Ein alter Mann, stark gezeichnet, nimmt sein Frühstück von mir entgegen, ich lächle verlegen. Für die nächsten zwei Stunden stehe ich hier, versuche mich mit Händen und Füßen zu verständigen. Arabisch ist eine seltsame Sprache und wer ist eigentlich dieser Farsi von dem die Afghanen da reden?

„Trotz aller Umstände höre ich kein Klagen seitens der Bewohner.“

Der Tag geht vorbei, weitere werden folgen. Der Zusammenhalt im Team verbessert sich immer mehr und die Beziehungen zu den Bewohnern werden intensiver. Trotz aller Umstände höre ich kein Klagen seitens der Bewohner. Teilweise schlafen sie bis zu sechs Monaten auf Feldbetten zusammen mit Leuten die sie nicht kennen, das Essen ist in Ordnung, aber auf Dauer macht es einen sicher grummelig. Aber es gibt keine Probleme, die Secu muss nur ab und an Leute zum Rauchen nach draußen schicken. Natürlich haben wir auch schwarze Scharfe dabei, eine Familie ist immer wieder auffällig und hält uns auf Trab, beleidigt uns, droht einer Kollegin. Keine Muslime, keine Araber, sondern Osteuropäer. Seltsam, ich frage mich, wie die überhaupt hier her kommen, versuche aber nicht zu urteilen. Das ist schließlich nicht meine Aufgabe.

Nach etwa drei Wochen im Leipziger Westen bekomme ich den Anruf. Das große Drehkreuz soll nun eröffnet werden. Mein neuer Einsatzort ist der Leipziger Norden. Schweren Herzens verabschiede ich mich vom Team und den Bewohnern. Es war eine schöne gemeinsame Zeit!

Ich realisiere, dass dieser Wahnsinn nicht ohne Grund hier stehen muss

Ich betrete nun zum ersten Mal das Gelände am alten Flughafen „Mockau 2“ 20 Leichtbauhallen bieten Platz für rund 900 Menschen, 1200 wenn es eng wird. Ich realisiere, dass dieser Wahnsinn nicht ohne Grund hier stehen muss, dass man nicht grundlos eine Kleinstadt aufbaut wenn man sie nicht brauchen würde. Mir wird leicht schwindelig und für eine Sekunde bekomme ich das Gefühl tatsächlich heulen zu müssen, es passiert aber nicht.




Noch haben wir keine Flüchtlinge, die Baumaschinen rasen noch über das Gelände, Bauzaun umringt den Sanitärtrakt, fertig sieht das irgendwie nicht aus. Aber es gibt dennoch Arbeit, wir richten die Häuser ein, Sammeln Spielsachen aus anderen Einrichtungen, Helfen aus in anderen Einrichtungen, irgendwas ist schon zu erledigen UND SELBST WENN ES NUR BEDEUTET, DIESES SCHEIß SCHWEREN SCHREIBTISCH IN DEN OBEREN CONTAINER ZU TRAGEN!

„Sie kommen“

Kurz vor Pfingsten bekamen wir die Anweisung: „Sie kommen“. Allein die Erinnerung daran gibt mir Gänsehaut. Eine Unterkunft auf der Leipziger Messe wird aufgelöst, die Bewohner kommen zu uns. 550 Menschen werden in unsere Obhut gegeben. Von 0 auf 550 in drei Tagen, das ist durchaus sportlich.

Ich habe Frühschicht an diesem Tag, der erste Bus kommt während meiner Schicht. Es ist ein Bild aus Hollywood. Meine Kollegen und ich stehen im Hof mit dem Leuten vom Wachschutz. Es beginnt zu regnen, wir setzen unsere Kapuzen auf, um uns und die Funkgeräte trocken zu halten.

Funk: “Der erste Bus ist da, wir öffnen jetzt das Tor“

Der Bus fährt auf das Gelände. Er ist voller Menschen und Gepäck, keiner sieht so aus, als wüsste er wo er wäre und was mit ihm geschieht. Die Tür geht auf ein dicker Mann mit Glatze kommt heraus, er scheint sich zu freuen (dein Name ist übrigens Mohamed, wer hätte es gedacht). Wir versuchen, die Leute ihre Zimmer zu zuweisen, fragen sie ob sie hungrig sind und geben ihnen eine erste Orientierung. Die Systeme lassen uns im Stich, unsere Dolmetscher kommen aus dem Stress nicht mehr raus, alles läuft – aber nichts wie geplant. Drei Tage lang kommt Bus um Bus bei uns an. Am Ende leben 550 Menschen bei uns. Die einstige Geisterstadt ist jetzt belebt. Familien, Kinder, einzelne Männer, einzelne Frauen, alle sind da. Syrer, Afghanen, Iraker, Iraner, Kurden. Ich entscheide mich, eine Runde auf dem Gelände zu gehen und sehe so viele Gesichter. Ein alter Mann der nur noch am Stock gehen kann, junge Männer die in Gruppen stehen, Familien die zusammen draußen sitzen und Kinder… jede Menge Kinder. Etwa 150 davon, ihr habt die Hölle nicht gesehen, wenn ihr nicht gesehen habt wie es ist wenn 150 Kinder von dir Spielsachen wollen…

Hier beginnt die Geschichte von Mockau 2 und hier endet meine Erzählung, vielleicht setze ich sie irgendwann fort, denn meine Reise hat hier erst begonnen.


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Andreas Lang, Gastbeitrag Volksverpetzer Andreas aka Thunderbeard ist das Gesicht vor der Kamera von ZDDK.TV und schreibt als Gast bei unserer Kolumne. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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