Faktencheck zum Video: "Coronavirus - Zufallsprodukt oder Biowaffe?"

Faktencheck zum Video: „Coronavirus – Zufallsprodukt oder Biowaffe?“

Von | 4. März 2020, 15:54

In einem Video werden einige Behauptungen aufgestellt, die beweisen sollen, dass der neuartige Coronavirus wahrscheinlich eine Biowaffe ist.

Zu dem Video des Kanals „Klagemauer TV“ (Kla.tv) bekamen wir mehrere Anfragen; demnach handele es sich bei dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 um eine gezielt eingesetzte Biowaffe, wofür es in dem Video auch mehrere Beweise geben soll.

Zu Beiträgen wie diesem bekamen wir Anfragen

Zu Beiträgen wie diesem bekamen wir Anfragen

Im Folgenden gehen wir auf die einzelnen Argumente in dem Video von „KlaTV“, welches auf Youtube einsehbar ist, ein.

Die beiden Virologen

Nach einer kurzen Einleitung werden in dem Video zwei Virologen genannt, deren Aussagen hervorgehoben worden.

Dr. Alan Cantwell

Zu diesem wird gesagt, dass er in der Datenbank wissenschaftlicher Publikationen „PubMed“ 107 Verweise auf Experimente mit Coronaviren gefunden habe. Er habe herausgefunden, dass Wissenschaftler seit über einem Jahrzehnt tierische und menschliche Coronaviren gentechnisch verändert hätten, um krankheitserzeugende, mutierte und rekombinante Viren zu erstellen.

Bei „PubMed“ handelt es sich um eine ehemals renommierte Datenbank/Suchmaschine für medizinische Artikel, welche jedoch in den letzten Jahren zunehmend in Verruf geraten ist. So fand die Seite „ScienceDirect“ heraus, dass bis zu 25 Prozent der verlinkten Artikel „Raubkopien“ sind, die hinter einer Paywall versteckt werden, obwohl sie normalerweise frei zugänglich sind.
Unter anderem finden bzw. fanden sich auf „PubMed“ auch Publikationen von „Omics“, die schon des öfteren dabei ertappt wurden, „Fake Science“ Artikel zu veröffentlichen, die sich demnach auch in dieser Datenbank finden bzw. fanden; „Omics“ soll nun aus der Datenbank verbannt worden sein.

Welche Publikationen Dr. Cantwell dort genau fand, bleibt im Dunkeln. Zwar wird auf mehreren Seiten zitiert, er habe 107 Verweise gefunden, doch Links findet man nirgendwo. Es ist aber auch nicht verwunderlich, dass er dort wahrscheinlich solche Verweise gefunden hat, denn schließlich lösen einige Coronaviren Krankheiten aus und sind seit den 1960er Jahren bekannt; dementsprechend wird auch mit ihnen experimentiert, um Impfungen gegen Krankheiten zu finden.

Es findet sich nirgends ein Hinweis, dass jene 107 Verweise Experimente zeigen, die Coronaviren in Biowaffen verwandeln. Die allgemeine Krankheits- und Impfforschung hingegen an Coronaviren findet sich häufig.

In verschwörungstheoretischen Kreisen ist Dr. Alan Cantwell kein Unbekannter. So schreibt „Rational Wiki“ über den pensionierten Arzt (kein Virologe!), dass er hauptsächlich durch seine kontroversen Behauptungen bekannt wurde: Krebs werde durch Bakterien verursacht und den HI-Virus als solchen gäbe es nicht. Zudem ist er Anhänger von Wilhelm Reich und seiner „Orgonenergie„, einer kruden Theorie, wonach sich viele Krankheiten und Beschwerden durch anständige Orgasmen lösen lassen.

Kein Virologe, sondern ein pensionierter Arzt, der hauptsächlich durch teilweise sehr wirre Verschwörungstheorien von sich Reden macht.

Dr. James Lyons-Weiler

Jener behauptet, dass SARS-CoV-2 ein einzigartiges Genfragment habe, welches nur im Labor eingefügt worden sein kann.

Dr. Lyons-Weiler bezeichnet sich selbst als „Evolutionsbiologe“ (kein Virologe!), was zwar ein toller Titel ist, aber auch ein ziemlich unsinniger, da einer der Grundpfeiler der Biologie die Evolution ist – somit ist im Prinzip jeder Biologe ein „Evolutionsbiologe“.

Er war an der Erstellung einer Vielzahl von statistischen Publikationen beteiligt, keine davon war biomedizinischer Natur, zudem war er immer als letzter Autor aufgeführt. Dies ist im Übrigen sehr wichtig, weil bei Publikationen der erste Autor immer derjenige oder diejenige ist, die quasi die ganze Arbeit macht, der letzte Autor oder Autorin dagegen zumeist nur das Labor und die Materialien zur Verfügung stellt.

Lyons-Weiler betrieb also, wie „Sceptical Raptor“ und „Respectful Insolence“ beschreiben, nie eigene Forschungen, sondern unterstützte nur die Forschungen anderer. Das hält den leidenschaftlichen Impfgegner aber nicht davon ab, immer wieder krude Behauptungen über seine angeblichen Entdeckungen zu veröffentlichen.

Über seine Behauptung, dass er den „Coronavirus-Code geknackt“ und dort eine einzigartige Sequenz entdeckt habe, schrieb die Seite „Science-Based Medicine“ einen sehr langen und ausführlichen Artikel, in dem sie die Behauptung sehr genau unter die Lupe nahm.

Um es kurz zu fassen: Sowohl die obigen Behauptungen, als auch Behauptungen von ihm, dass beispielsweise SARS-CoV-2 entstand, als nach einer Impfung „gegen den Coronavirus“ geforscht wurde, werden allumfassend und mit vielen Illustrationen und Verdeutlichungen widerlegt.
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Das Patent auf den Coronavirus

Patente auf den Coronavirus?

Patente auf den Coronavirus?

Die Aussagen der beiden Nicht-Virologen soll dadurch gestützt werden, da es ja immerhin mehrere Patente auf den Coronavirus gäbe, was ein Artikel von „Connectiv Events“ angeblich zeigt.

In dieser Behauptung gibt es gleich zwei Fehlschlüsse:
1. Es gibt nicht DEN Coronavirus

Coronaviren sind eine ganze Virenfamilie, welche die Eigenschaft haben, sowohl Menschen als auch Tiere zu infizieren. Sie rufen Lungenentzündungen und Nierenversagen vor, können sogar zum Tode führen.

2. Die Patente sind wichtig für potentielle Impfstoffe

Die Patente gelten für abgeschwächte Versionen bestimmter Coronaviren, aus denen Impfstoffe entwickelt werden können. Das patentierende Labor kann diese abgeschwächten Viren an andere Labore verkaufen, die damit dann forschen können. Das Patent ist nötig, damit nicht andere Labore mit „raubkopierten“ Viren Geld verdienen.

Das Argument ist an den Haaren herbeigezogen. Ausführlicher gehen wir darauf in einem unserer Artikel ein: „Das Patent auf den Coronavirus – Was steckt dahinter? (Faktencheck)“.

Die Labore in Wuhan

Beide Labore existieren tatsächlich, wobei von WuXi AppTec (in dem Video und auf diversen Seiten fälschlicherweise mit dem alten Namen „WuXi Pharmatech Inc“ genannt) behauptet wird, es werde von George Soros finanziert (für Verschwörungstheoretiker ein rotes Tuch).

Laut Eigenbeschreibung leistet das Labor niedermolekulare Wirkstoffentdeckungs- und Forschungsdienste. Tatsächlich kaufte sich George Soros 2007 Anteile an der damaligen WuXi Pharmatech. Ob er diese Beteiligung zum jetzigen Zeitpunkt noch innehat, ist unbekannt.

Aber nun die Masterfrage: Was, wenn es so wäre?

Die Person Soros wird gerne in Verschwörungstheorien in den Mittelpunkt gestellt, bei denen es um die „jüdische Weltherrschaft“ geht, also sehr antisemitische Thesen, die den US-Milliardär aufgrund seines Reichtums verteufeln.

Während George Soros und die Verschwörungstheorien um ihn bei Mimikama nicht ganz so häufig Erwähnung finden, haben die US-Kollegen von Snopes eine ganze Reihe Falschmeldungen um ihn bereits aufgeklärt (vergleiche).

Zwar existieren die beiden Labore, doch hat jenes Labor, welches eine Filiale in Wuhan hat und in das Soros zumindest finanzierte, nicht einmal was mit Coronaviren direkt zu tun. Die Kombination genügt Verschwörungstheoretikern jedoch, um eine Verbindung zu sehen, dass George Soros eventuell einen Anteil am Ausbruch von SARS-CoV-2 hat, wie auch zahlreiche Kommentare unter dem Video zeigen.

Der Roman von Dean Koontz

Als nächstes Argument wird in dem Video behauptet, dass es unglaubliche Übereinstimmung zwischen Heute und einem Roman von 1981 gibt.

Wirklich Übereinstimmungen?

Wirklich Übereinstimmungen?

Anscheinend haben aber die Macher von „Kla.tv“ den Roman nicht einmal ansatzweise gelesen, sondern einfach nur die Behauptungen eines Facebook-Postings übernommen, über das wir berichteten.

Gemeinsamkeiten sieht man eigentlich nur im Ort des ersten Auftretens des neuen Coronavirus: Wuhan. Hingegen gibt es aber sehr prägnante Unterschiede zwischen Fiktion und Realität:

  • Der Ausbruch: Im Roman in einem Labor außerhalb von Wuhan, real direkt in Wuhan, höchstwahrscheinlich auf einem Tiermarkt
  • Die Sterberate: Im Roman stirbt man 24 Stunden nach der Infektion, Tödlichkeit: 100 Prozent, real liegt die Sterblichkeitsrate bei derzeit nur 2 Prozent
  • Die Träger: Im Roman tragen nur Menschen diesen Virus, real stammt er wahrscheinlich von Fledermäusen und wurde durch einen Zwischenwirt auf Menschen übertragen
  • Die Erkrankung: Im Roman befällt das Virus den Hirnstamm und löst quasi das Gehirn auf, real löst das Virus eine Atemwegserkrankung aus

Zudem wird in dem Roman niemals von dem Jahr 2020 geschrieben, wie von „Kla.tv“ behauptet. Jenes vierte Bild aus dem Facebook-Posting stammt nämlich aus einem Buch aus dem Jahr 2008 namens „Das Ende der Tage: Vorhersagen und Prophezeiungen über das Ende der Welt“.

Ausführlich berichten wir über diese Behauptung in unserem Artikel „Schrieb Dean Koontz über den neuen Coronavirus? (Faktencheck)“.

Jene Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage und ist nur eine weitere, auf Facebook aufgesammelte Verschwörungstheorie, die bei genauerem Hinschauen keiner Faktenprüfung standhält.

Chinesen und Japaner seien stärker gefährdet

Dies wird behauptet, um zu untermalen, dass es sich bei SARS-CoV-2 um eine „gezielte Biowaffe“ handele.

Nun macht es schonmal überhaupt keinen Sinn, warum Chinesen eine Biowaffe entwickeln sollten, die nur Chinesen und Japaner angreift, da stolpert „Kla.tv“ über die eigene, nicht vorhandene Logik. Zudem zeigen die Entwicklungen der letzten Wochen und Tage deutlich, dass der Virus nicht rassistisch ist: Es werden Personen aller Ethnien befallen.

Dass die Zahl der Erkrankten und Toten bei Chinesen höher ist, liegt in der Natur der Sache, da das Virus in China ausgebrochen ist und für zu lange Zeit nicht „ernstgenommen wurde“.
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Fazit

In dem Video wird mit Behauptungen von Nicht-Virologen, eindeutigen Falschbehauptungen und typischen Verschwörungstheorien jongliert, es bringt allerdings keine auch noch so dünnen Beweise oder Argumente, dass der neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 eine Biowaffe ist.

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