Widerlegt die NASA eine Studie?

Faktencheck zu „NASA widerlegt Weltklimabericht“

Von | 12. November 2019, 14:22

Ein Artikel der NASA scheint derzeit Gold für Klimaleugner zu sein, denn angeblich wird damit der Klimawandel widerlegt.

Es ist schon erstaunlich: Einerseits ist die NASA ein Teil der großen Klimawandel-Verschwörung, andererseits werden dann plötzlich gerne einzelne Berichte der NASA hervorgehoben, solange sie die eigene Meinung untermauern.
Ein gutes Beispiel dafür ist eine Studie der NASA aus dem Jahr 2015, welche drei Jahre später von einer Seite aufgegriffen wurde. Der Artikel jener Seite wird seitdem immer wieder von Klimaleugnern in Beiträgen und Kommentaren auf Facebook gepostet.

Screenshot: mimikama.at

So schreibt die Seite „legitim.ch„:

„Eine NASA-Studie aus dem Jahr 2015 bestätigt, dass die Polkappe der Antarktis massiv zunimmt! Die NASA gab sogar zu, dass die Forschungsergebnisse dem fünften Sachstandsbericht des IPCC (Weltklimabericht 2013) widersprechen. Der Weltklimabericht scheint mit seiner Warnung vor einem Meerespiegelanstieg und vor dem Abschmelzen der Polkappen falsch zu liegen.“

Der Artikel ist mit mehreren Videos und Bildern versehen, die die Aussagen untermauern sollen. Insofern sind die Aussagen korrekt… jedoch nicht nur teilweise veraltet, sondern „handgepflückt“, denn nicht alle Aussagen der NASA-Studie wurden in dem Artikel erwähnt, anscheinend besonders nicht jene Teile, die nicht zu der eigenen Meinung passen.

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Die NASA-Studie

Jene NASA-Studie wird auch in dem Artikel verlinkt, so dass wir uns selbst ein Bild davon machen können.
Die Zahlen und Angaben im „Legitim“-Artikel stimmen auch allesamt mit der NASA-Studie sogar wortwörtlich überein, aber man kommt schnell zur ersten Diskrepanz, denn folgender Absatz in der Studie ist wichtig.

Es handelt sich dabei um die Aussage von Jay Zwally, Glaziologe (Gletscherkundler) am NASA Goddard Space Flight Center in Greenbelt, Maryland, und Hauptautor der Studie, die am 30. Oktober 2015 im „Journal of Glaciology“ veröffentlicht wurde:

„Aber es könnte nur wenige Jahrzehnte dauern, bis sich das Wachstum der Antarktis umkehrt.
Wenn die Verluste der Antarktischen Halbinsel und von Teilen der Westantarktis weiterhin mit der gleichen Geschwindigkeit zunehmen, wie sie in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen haben, werden die Verluste den langfristigen Gewinn in der Ostantarktis in 20 oder 30 Jahren einholen – ich glaube nicht, dass es genügend Schneefallanstieg geben wird, um diese Verluste auszugleichen.“

Die 135 Milliarden Tonnen

Diese Zahl kommt nicht direkt in der NASA-Studie vor, lässt sich aber einfach errechnen: 200 – 65.
Interessant ist nun aber, aus welchem Absatz der NASA-Studie diese beiden Zahlen kommen, denn es wird dort aufgezeigt, dass die Antarktis zwar an Masse gewinnt, dieser Gewinn jedoch immer weniger wird:

„Zwallys Team berechnete, dass der Massengewinn aus der Verdickung der Ostantarktis von 1992 bis 2008 mit 200 Milliarden Tonnen pro Jahr konstant blieb, während die Eisverluste aus den Küstenregionen der Westantarktis und der Antarktischen Halbinsel auf 65 Milliarden Tonnen pro Jahr stiegen.“

Die Studie lässt aber auch Fragen offen, denn zwar konnte festgestellt werden, dass die Antarktis durch dessen Massengewinn zwar den Meeresspiegel pro Jahr um 0,23 Millimeter senkt, es aber trotzdem zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 0,27 Millimeter pro Jahr gibt.
Die Frage ist nun: Wenn es nicht von der Antarktis kommt, woher dann?

Wie auch oben in der NASA-Studie erwähnt, sind die Ergebnisse der Studie widersprüchlich, weswegen weitere Studien nötig sind. Dazu entwickelte die NASA den Satelliten ICESat-Mission ICESat-2, der Veränderungen der Eisschicht der Antarktis innerhalb einer Dicke eines No. 2 Bleistiftes messen können soll. Der Satellit ging am 15. September 2018 in Betrieb.

Dezember 2018 – eine neue NASA-Studie

Die Antarktis besteht aus gefrorenem Wasser sowie Schnee, welcher auf diesem Eis liegenbleibt und gefriert. Das Schwierige an Messungen in der Antarktis ist, dass die meisten Messlabore an den Küsten stationiert sind, so dass Schneefall nur rudimentär gemessen werden kann. Diese Aufgabe übernehmen jedoch Satelliten, die immer genauere Messungen vornehmen können.

Jene neue Studie, in der die Entwicklung der Antarktis im 20. Jahrhundert untersucht wurde, besagt, dass Eismasse der Antarktis hauptsächlich durch den Schneefall bewirkt wurde.

Doch obwohl es im 20. Jahrhundert in der Antarktis stärker schneite und deswegen auch deren Masse augenscheinlich zunahm, sind die Ergebnisse keine Entwarnung. So sagt Brooke Medley, Glaziologin beim NASA Goddard Space Flight Center in Greenbelt, Maryland, und Hauptautorin der Studie, welche am 10. Dezember 2018 in „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde:

„Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass die Antarktis wächst; sie verliert immer noch Masse, sogar mit dem zusätzlichen Schneefall.
Was es aber bedeutet, ist, dass wir ohne diesen Schneefälle im 20. Jahrhundert noch mehr Meeresspiegelanstieg erlebt hätten.“

Wie konnte das gemessen werden?

Satelliten können zwar mittlerweile sehr gut die Masse berechnen, haben jedoch auch oftmals ein Problem:
Sie können nur sehr eingeschränkt zwischen Schnee unterscheiden, der schon liegt und Schnee, der erst frisch gefallen ist.

Deswegen werden in der Antarktis Eiskerne entnommen. Dabei handelt es sich um Zylinder aus Eis, die aus dem Eisschild gebohrt werden. Aufgrund der Schichten in den Zylindern kann sehr gut abgelesen werden, wieviel Schnee in einem bestimmten Jahr oder sogar Jahrzehnt gefallen ist.

Brooke Medley und ihre Kollegin Elizabeth Thomas vom British Antarctic Survey untersuchten für diese Studie nun insgesamt 53 dieser Eiskerne und drei atmosphärische Reanalysen, um die kombinierten Untersuchungen (Punktaufnahmen der Eiskerne + Simulationen der Reanalysen des Schneefalls) zu der neuen Studie zusammen zu fassen.

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Warum fiel mehr Schnee als gewöhnlich?

Die beiden Forscherinnen fanden heraus, dass es mit einer wärmenden Atmosphäre vereinbar ist, die mehr Feuchtigkeit speichert, kombiniert mit Veränderungen in den antarktischen zirkumpolaren Westwinden, die mit dem Ozonloch zusammenhängen.
Einfach ausgedrückt: Der erhöhte Schneefall ist ein Symptom der gleichen Veränderung der Atmosphäre, die auch das Schmelzen des Eis verursacht: Die Erderwärmung.

Brooke Medley geht in ihrer Studie davon aus, dass die Schneefälle in der Antarktis auch weiterhin zunehmen werden, gleichzeitig aber auch die Eisverluste größer werden. Damit kommt sie unterm Strich auf das gleiche Ergebnis, welches Jay Zwally in der Studie aus dem Jahr 2015 bereits vermutete:
Der Gewinn an Masse wird den Verlust an Eis bald nicht mehr ausgleichen können.

Fazit

Die reine Masse nimmt zwar tatsächlich zu, gleichzeitig taut aber immer mehr Eis ab. Was also zuerst ganz gut klingt, zeigt bei näherer Betrachtung auf, dass den Klimamodellen nicht wirklich widersprochen wird, denn der Effekt, welcher 2015 bestätigt wurde (Zunahme der Masse), ist dabei, sich umzukehren (bald mehr Abnahme als Zunahme).
Zudem bestätigen die verstärkten Schneefälle in der Antarktis, welche für die Massenzunahme verantwortlich sind, sogar die Klimaerwärmung, sie widerlegen sie nicht.

Somit ist die Hauptaussage des „Legitim“-Artikels, welcher damit, wie auch in anderen Artikeln der Seite, tendenziell aussagen wollte, dass die NASA den Klimawandel widerlege, bei genauerer Betrachtung der Artikel nur sehr oberflächlich und in der Schlussfolgerung falsch.

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Artikelbild: Shutterstock / Von TravelStrategy
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