Faktencheck: Verseuchte Fukushima ein Drittel der Weltmeere?

Von | 24. September 2018, 14:06

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 beschäftigt noch immer diverse Medien. Verständlich, da die Angst vor einer erneuten Katastrophe dieser Art groß ist.

Nun gibt es aber auch Seiten, die das Thema vor allen Dingen für eines nutzen: Panikmache. Ein Beispiel haben wir hier:

Screenshot mimikama.at

Screenshot mimikama.at

So schreibt die Seite „Unser Planet„, dass „fast ein Drittel des Globus, durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima und den dadurch resultierenden Auslauf von radioaktivem Material in die Weltmeere, kontaminiert wurde„. Garniert wird das Ganze noch mit einem Bild, welches scheinbar radioaktive Strömungen zeigt, welche von Fukushima ausgehen.

Teil 1: Die Quelle

Erstmal erschienen und von dort komplett kopiert ist der Artikel auf der Seite „Der Wächter“ im März 2018.

Screenshot mimikama.at

Screenshot mimikama.at

Jene Seite führt auch keine Quelle für die Behauptungen an, glänzt aber auch mit anderen Artikeln wie „US-Regierung birgt UFO-Teile“ und „Zitronen und Natron zerstören Krebszellen„. Nach eigenen Angaben werde die Seite von Facebook „zensiert“ (wahrscheinlicher, dass die Artikel öfter als Fake News gekennzeichnet wurden) und hat deswegen eine zweite Domain.
Eine vertrauenswürdige Quelle stellt diese Seite schonmal nicht dar.

Teil 2: Das Bild

Werfen wir mal einen genaueren Blick auf das Bild, welches ohne Beschreibung bei den Artikeln erscheint, aber im Zusammenhang mit der Thematik den Eindruck erweckt, es handele sich um die Verteilung radioaktiver Strahlung.

Screenshot mimikama.at

Screenshot mimikama.at

Uns ist es neu, dass radioaktive Strahlung in Zentimetern (cm) gemessen wird. Und tatsächlich zeigt das Bild nicht etwa Radioaktivität, sondern die maximale Höhe der Wellen des Tsunamis 2011, wie man auf den Seiten des NOAA Center for Tsunami Research einsehen kann.

Quelle: NOAA

Quelle: NOAA

Somit haben wir, was das Bild angeht, schonmal eine grobe Irreführung seitens der Seiten.

Teil 3: Die Behauptungen

Um die folgenden Ausführungen verstehen zu können, beschäftigen wir uns ganz kurz mit Chemie:
Radioaktive Stoffe sind von Natur aus eher instabil und verlieren an Konzentration. Jene Konzentration wird in der sogenannten Halbwertszeit gemessen. Das radioaktive Cäsium-137 hat beispielsweise eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Sprich: Nach 30 Jahren strahlt Cäsium-137 immer noch die Hälfte der Strahlung wie zu Beginn aus, ist also ein potentiell gefährliches Material. Jod-131 hingegen hat nur eine Halbwertszeit von acht Tagen, zerfällt also recht schnell und ist nach einigen Monaten gar nicht mehr nachweisbar.

Der Artikel schreibt: „Diese Materialien, hauptsächlich zwei Cäsiumisotope, traten erst kürzlich im östlichen Pazifik auf.“ Glücklicherweise wissen wir etwas Genauer, um welche Materialien es sich handelt. Laut der „Woods Hole Oceanographic Institution“ gelangten hauptsächlich jene drei radioaktiven Materialien in größeren Mengen ins Meer:
– Jod-131, Halbwertszeit: 8 Tage
– Cäsium-137, Halbwertszeit: 30 Jahre
– Cäsium-134, Halbwertszeit: 2 Jahre

Wirklich gefährlich ist also jetzt, über sieben Jahre nach der Katastrophe, nur noch das Cäsium-137, aber auch geringe Spuren von Cäsium-134 dürften noch zu finden sein.
Außerdem darf man nicht vergessen, dass immer noch Wasser aus den über 1.000 Tanks ins Meer sickert, insgesamt 760.000 Liter flossen bereits ins Meer, wie CBS berichtete.

Das klingt nach sehr viel. Ist es im gewissen Sinne auch, aber nun müssen wir auch noch die Größe der Ozeane in Betracht ziehen, um ein realistisches Bild zu bekommen.

Der Pazifik ist der größte Ozean der Erde. Seine Fläche, ohne die Nebenmeere (das sind zum Beispiel, Beringmeer, Golf von Alaska, Golf von Kalifornien, Japanisches Meer Korallenmeer etc), beträgt 166,24 Mio km² mit Nebenmeeren 181,34 Mio km² und eine Wassermenge von rund 696,19 Mio km³ ohne und 714,41 Mio km³ mit Nebenmeeren.

Insgesamt 760.000 Liter, also 760 m³, verteilen sich auf 696,19 Mio km³ bzw. auf 696.190.000.000.000 m³ (ohne Nebenmeere). Stellen wir die Zahlen zur Verdeutlichung noch einmal gegenüber:

Menge des bisher ausgetreten Wassers:
0,00000076 Km³
Menge des Wassers im Pazifik:
696.000.000 Km³

Der Anteil an radioaktiv verseuchtem Wasser beträgt also einen verschwindend geringen Bruchteil, zudem nahmen wir oben nur die Wassermenge des Pazifiks, nicht sämtlicher Weltmeere. Der Grad der Verdünnung ist also dermaßen gering, dass man Wasser aus dem Pazifik fast als homöopathisches Mittel verkaufen könnte.

Die Fische

Natürlich nimmt niemand von uns Meereswasser zu sich, allerdings gibt es noch eine andere Gefahrenquelle: Die Fische. Tatsächlich sind die Fische in den Fanggebieten erhöhter Strahlung ausgesetzt, weswegen auch oft von diversen Seiten vor Fischen aus dem Gebiet rund um Fukushima gewarnt wird. Jene Warnung bringt aber nicht viel, da der Fischfang in der Nähe der Unglücksstelle seit Jahren eingestellt wurde.

Im August 2011 wurde die radioaktiven Werte von Fischen rund um Fukushima gemessen. Die Werte lagen damals bereits gerade mal 3% über den Werten der natürlichen Hintergrundstrahlung. 3% ist durchaus vernachlässigbar. Die Dosis, die man in einem Flugzeug abbekommt, oder sogar noch anschaulicher: Die Dosis die man aufgrund der natürlichen Radioaktivität des Menschen von einer Person abbekommt, wenn man neben ihr schläft, sind ungefähr gleich hoch.

Fazit

Wir wollen in diesem Artikel die Gefahren, welche von Radioaktivität ausgeht, keinesfalls schönreden. Allerdings wollen wir vor unnötiger Panikmache warnen! Die Weltmeere hängen natürgemäß alle zusammen, so dass es logisch ist, dass Wasser aus dem Fukushima-Gebiet früher oder später überall in den Weltmeeren auftaucht. Man wird also auch mit genauen Messungen tatsächlich überall auf der Welt erhöhte radioaktive Mengen im Wasser nachweisen können. Diese Mengen sind allerdings so gering, dass eine Gesundheitsgefährdung nahezu ausgeschlossen werden kann.
Artikel wie die oben Erwähnten, die aufklärend wirken wollen, schaffen nur eines: Einen in Panik zu versetzen, indem falsche Bilder mit ungenauen Behauptungen kombiniert werden.

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