Faktencheck: "Urteil stürzt CO2-Papst vom Thron!"

Klimawandel-Faktencheck: „Urteil stürzt CO2-Papst vom Thron!“

Von | 6. September 2019, 17:41

„Urteil stürzt CO2-Papst vom Thron!“ – Wurde die Klimawandel-Lüge vor Gericht entlarvt?

In diversen Medien findet man Artikel über ein kanadisches Gerichtsurteil, welches angeblich die „Klimawandel-Lüge“ entlarvt. Auch viele YouTube-Videos berichten von einem Urteil, welches den Urheber der sogenannten „Hockeyschläger-Kurve“ der Lüge bezichtigen soll. Was ist da nun dran, und worum geht es genau?

Die Hockeyschläger-Kurve

Als sogenannte „Hockeyschläger-Kurve“ wird ein Diagramm bezeichnet, welches von dem Klimawissenschaftler Michael E. Mann im Jahre 1998 veröffentlicht wurde. Darin wird der globale Temperaturverlauf beschrieben, welcher am Ende drastisch ansteigt, daher die Analogie zum Hockeyschläger.

„Hokeyschlägerkurve“ – Quelle: Mann et al. 1999 / Klimafakten.de

Der Urheber

Michael E. Mann ist ein US-amerikanischer Klimatologe mit dem Forschungsschwerpunkt Paläoklimatologie. Als Haupt- oder Co-Autor war er bisher an 268 Fachartikeln beteiligt. Er ist Professor für Meteorologie und Direktor am Earth System Science Center der Pennsylvania State University. Mann wird als „Highly Cited Researcher“ in der Kategorie Geowissenschaften geführt, womit er in seinem Fachgebiet zu den bedeutendsten Wissenschaftlern der Welt zählt.

Auf Seiten wie KenFM ist man sich jedoch sicher:

„Unter den Anhängern der CO2 –Glaubensgemeinschaft war er bisher der unbestrittene „Wissenschafts“-Guru. Mann war mit Sicherheit der „Goliath“ unter den CO2-Wissenschaftlern, wenn man das, was er gemacht hat, überhaupt „Wissenschaft“ nennen kann.“ 

Gut, jedem seine eigene Meinung, aber nicht seine eigenen Fakten.

Was sagen denn die Fakten zu der Geschichte von Mann?

Mann war einer der Hauptautoren des 2001 erschienenen dritten Sachstandsberichtes des IPCC zur globalen Erwärmung, in welchem oben genannte Kurve veröffentlicht wurde. Nachdem diese Kurve auf eine äußerst drastische Art und Weise die jüngsten Entwicklungen vor Augen führte und damit auch die Leugner des menschengemachten Klimawandels in Erklärungsnot brachte, wurde Mann zu einem wichtigen Ziel dieser Fraktion, die seitdem eine als systematisch zu bezeichnende Kampagne zur Diskreditierung Manns betreiben. Diese gipfelte sogar in Morddrohungen und einem Umschlag mit weißem Pulver, welcher in seinem Büro einging und weswegen der Campus wegen Verdacht auf Milzbrand vorübergehen evakuiert wurde.

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Die Kurve

In der wissenschaftlichen Literatur und aktuellen Forschung wird die Korrektheit der Kurve nahezu eindeutig bestätigt. Im Jahre 2005 kritisierten der Bergbauingenieur Stephen McIntyre und der Ökonom Ross McKitrick an der Arbeit, dass der Hockeyschläger einerseits nur das Ergebnis einer statistischen Methode sei und andererseits weite Teile der Kurve nur auf der Analyse der Zählung der Ringe einer einzelnen Baumreihe beruhten und daher nicht statistisch signifikant seien.

Diese und andere Kritiken wurden allerdings von unabhängiger Seite (unter anderem von einem durch das US-Repräsentantenhaus zusammengestellten, 12-köpfigen Komitee aus Wissenschaftlern) untersucht. Das Ergebnis war, dass auch ohne die Baumreihe zu berücksichtigen, das Ergebnis nicht großartig anders ausfiel, und dass lediglich eine teilweise berechtigte Kritik an der verwendeten statistischen Methode übrig blieb, die schließlich 2007 von Wahl und Amman komplett ausgeräumt wurde, als diese zeigten, dass die Kritik von McIntyre und McKitrick auf einer fehlerhaften Analyse basierte.

Andere Modelle, die auf anderen, komplett unabhängigen Methoden beruhen, kommen jedoch auch alle zu einer Kurve, die innerhalb der von Mann angegebenen Fehlertoleranz liegt.

Im folgenden Diagramm ist die ursprüngliche Hockeyschläger-Kurve von Mann et al. (1998) in türkis zu sehen.

Verschiedene Kurven im Vergleich – Quelle: Mann et al. 2008 / Klimafakten.de

Abgesehen von den anderen, unabhängigen Vorhersagen, die zum gleichen Schluss kommen, haben wir heute natürlich auch noch die gemessenen Werte der drei Jahrzehnte seit Veröffentlichung der Kurve. Diese decken sich zu 100% mit den Vorhersagen, auch der der Mann-Kurve.

Das Urteil

Genauso wenig, wie sich die Natur an der Abstimmung des US-Parlaments stört, in der festgestellt wurde, dass der Klimawandel nicht menschengemacht ist, würde ein Urteil natürlich nun die Faktenlage ändern können.

Und die Daten, von denen die Klimawandel-Leugner behaupteten, Mann habe sie dem Gericht unterschlagen, finden sich auch schon seit gut einem Jahrzehnt öffentlich zum Download, und auch Mann selbst bezieht auf Twitter noch einmal umfänglich Stellung. Aber worum geht es in dem Urteil denn dann?

Michael E. Mann hat auf seiner Facebookseite ein Statement veröffentlicht, was die Sache im Prinzip erklärt:

Übersetzung:

Es gab einige wild unwahrheitsgemäße Behauptungen über die kürzliche Ablehnung von Verleumdungsklagen gegen Tim Ball, die in den sozialen Medien kursieren. Hier ist unser Statement:

Der Beklagte Ball hat den Fall nicht „gewonnen“. Das Gericht stellte nicht fest, dass eine der Verteidigungsmaßnahmen von Ball gültig war. Das Gericht stellte nicht fest, dass eine meiner Forderungen *nicht* gültig war.

Die Entlassung beinhaltete die angebliche Ausübung eines Ermessens des Gerichtshofs, eine Klage wegen Verspätung abzuweisen. Ich habe ein absolutes Beschwerderecht. Meine Anwälte werden das Urteil überprüfen und wir werden innerhalb von 30 Tagen eine Entscheidung treffen.

Die Bestimmung in der Entscheidung des Gerichts über die Kosten bedeutet NICHT, dass ich die Anwaltskosten von Ball bezahlen werde.

Dieses Urteil beinhaltet absolut keine Feststellung, dass die Behauptungen von Ball tatsächlich korrekt waren oder einen legitimen Kommentar darstellten. Bei der Einreichung seines Antrags auf der Grundlage von Verspätungen sagte Ball der Welt, dass er kein Urteil über die tatsächlichen Probleme in der Klage wollte.

(Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator)

Grob zusammengefasst kann man sagen, dass es hier um eine ganz andere Sache geht, nämlich um eine Verleumdungsklage von Michael E. Mann gegen Timothy Ball, einen bekennenden Kreationisten (Nachtrag: Uns liegt mittlerweile die originale Klageschrift als PDF vor). Dieser hatte Mann öffentlich zu diffamieren versucht, wogegen Mann vor Gericht zog. Das Gericht befand jedoch, „[…] dass bestimmte veröffentlichte Kommentare nicht diffamierend waren, weil sie so lächerlich und empörend waren, dass sie unglaubwürdig und daher nicht in der Lage waren, den Ruf des Klägers (Mann) in den Köpfen von rechtschaffenen Menschen zu mindern.“

Im Zuge dieses Verfahrens gegen Ball, bat dieser durch seinen Verteidiger um Einstellung des Verfahrens aus gesundheitlichen Gründen. Sein Verteidiger bezeichnete Ball als „ein gebrechlicher alter Mann, der Glück hat, dass niemand seine konspiratives und anklagendes Geschwätz ernst nimmt.“ Das Verfahren wurde daraufhin eingestellt.

Inwiefern dies jetzt ein Gewinn für die Leugner des Klimawandels ist, bleibt dahingestellt.

Fazit

Nein, ein Gericht hat nicht die Ungültigkeit der Daten bestätigt, auf denen die Hockeyschläger-Kurve beruht. Es ging um eine Verleumdungsklage von Mann gegen einen Klimawandel-Leugner. Weitere Details zum Gegenstand der Klage finden sich im Faktencheck der GWUP.

Nein, Michael E. Mann hat keine Daten vorsätzlich zurückbehalten. Diese sind seit mindestens 2003 frei zugänglich.

Nein, die Kurve war kein Betrug oder „statistische Spielerei“. Sie ist von diversen anderen Modellen und von tatsächlichen Messungen und Beobachtungen (!) der letzten 30 Jahre bestätigt worden.

Quellen

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Artikelbild: Shutterstock / Von Sepp photography
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