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Na, da wollen wir heute mal nicht den Kopf verlieren! Immer wieder kommen Anfragen zu dem Thema: Will der Turiner Neurochirurg Sergio Canavero wirklich eine Kopftransplantation durchführen? Und wenn ja, ist er verrückt, genial oder ist das ganze nur ein großer Fake?

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Der italienische Neurochirurg Prof. Sergio Canavero plant die Transplantation eines Kopfes (Patient) auf einen Körper (hirntoter Spender).

Medizinische Sensation: Erste menschliche Kopftransplantation
Medizinische Sensation: Erste menschliche Kopftransplantation

Es ist kein Fake, aber auch noch nicht die ganze Geschichte.

Was jetzt klingt, als wäre es aus einer Science Fiction Serie geklaut, ist aber tatsächlich der Plan des Turiner Arztes.

Was ist das Ziel, was steckt dahinter?

Das erklärte Ziel ist, Menschen mit schweren körperlichen Einschränkungen, wie hohen Querschnittslähmungen oder anderen schweren Erkrankungen, die zu einem vollständigen Kontrollverlust über den restlichen Körper führen, zu einem neuen, selbständigen Leben zu verhelfen.

Eine verlockende Aussicht, zumal es bisher nicht möglich ist, solche Krankheiten zu behandeln. Sollte es gelingen, wäre das ein medizinischer Quantensprung. Dies mag auch ein Grund sein, warum Prof. Canavero in der Fachwelt nicht als Spinner wahrgenommen wird, sondern eher der „Popstar” unter den Neurochirurgen ist.

Er ist außerdem ein sehr renommierter Arzt, der selber über 20 Jahre lang klinisch tätig war und zudem viele international beachtete Artikel veröffentlicht hat. Sein „Impact-Faktor” ist also sehr hoch.

Sein Team setzt sich aus vielen Ärzten der unterschiedlichsten Fachrichtungen zusammen und wird von dem chinesischen orthopädischen Chirurgen Xiaoping Ren geleitet, der sich schon auf dem Gebiet der Handtransplantation einen Namen gemacht hat.

Nach eigenen Angaben von Canavero sind ca. 20 Menschen bereit, sich auf dieses Wagnis einzulassen.

Der eigentliche Kandidat, Waleri Spiridonow, der sich bereits 2013, nachdem er vom Projekt gehört hatte, freiwillig gemeldet hatte, wird wohl nicht der erste Empfänger werden, da die Operation aus ethischen, finanziellen und technischen Gründen an der medizinischen Hochschule in Harbin (China) stattfinden wird, an der auch Xiaoping Ren seine Versuche zur Verknüpfung durchtrennten Rückenmarks mittels Polyethylenglycol durchführt.

Wie soll das funktionieren?

Das generelle Problem bei der Operation zu einer Transplantation von Gliedmaßen, wie zum Beispiel einer Hand, sind nicht die Knochen, Muskeln oder Gefäße, sondern die Nervenbahnen, die wieder zusammenwachsen müssen. Das ist bei Fingern oder einer Hand noch relativ einfach, da es sich um sogenannte periphäre Nervenzellen handelt. Diese wachsen relativ gut wieder zusammen. Ganz anders bei den Nervenzellen des zentralen Nervensystems (Kopf und Rückenmark), die sehr schnell vernarben und dann eben nicht so zusammen wachsen, dass sie wieder funktionieren können. Um dieses Problem zu lösen, will der chinesische Neurochirurg Xiaoping Ren ein Verfahren anwenden, bei dem diese Narbenbildung mit Polyethylenglycol verhindert werden soll.

Dieses Verfahren war zuvor von dem deutschen Neurobiologen Hans Werner Müller aus Düsseldorf, der mit seiner Forschungsgruppe die Verknüpfung von Nervenzellen des zentralen Nervensystems erforscht, untersucht worden. Auch wenn hier durchaus Erfolge erzielt wurden, so gibt es dennoch viele „Unbekannte in der Gleichung”, bzw. es fehlt an Erfahrenswerten.

Xiaoping Ren hat nach eigenen Angaben jedoch genau in diesem Bereich mittlerweile bahnbrechende Erfolge erzielt und bei Ratten ein durchtrenntes Rückenmark wiederhergestellt, wonach die Tiere überlebt haben und auch die Bewegungsfähigkeit wiederhergestellt wurde. Die Durchtrennung des Rückenmarks erfolgte hierbei, soweit in Erfahrung zu bringen war, mit einem von Canavero eigens für diese Operation entwickelten, äußerst präzisen Skalpell und ist nicht mit herkömmlichen Operationstechniken oder einer Verletzung des Rückenmarks durch z.B. einen Unfall zu vergleichen.

Ein weiteres Problem ist die Erhaltung der Lebensfunktionen des Spenders (Körper) und Empfängers (Kopf). Dem soll durch ein Herunterkühlen auf 15 °C entgegengewirkt werden, wodurch sämtliche Vorgänge verlangsamt werden und wertvolle Zeit gewonnen werden soll. Dieses Phänomen der Hypothermie ist in der Medizin bekannt und wird zum Beispiel auch bei Herztransplantationen angewendet, dort allerdings wird nicht auf einen derart niedrigen Wert heruntergekühlt.

Erfolgsaussichten

In einem Interview im April 2017 mit dem OOOM-Magazin äußert sich Canavero zu seinen Erwartungen wie folgt:

Was ist für Sie ein Erfolg? Wenn der Patient Stunden, Tage oder Jahre überlebt?

Wenn er so lange lebt wie ein Organtransplantationspatient. Stunden oder Tage wären noch kein Erfolg, sondern deutlich länger.

Ob diese Erwartungen erfüllt werden können, lässt sich nicht unbedingt leicht beurteilen. Tatsache ist, dass die einzelnen Schritte der Operation durchaus erfolgreich sein können, diese aber noch nie im Zusammenhang durchgeführt wurden. Des weiteren besteht immer noch die Gefahr der Abstoßung: Genau wie jedes andere transplantierte Organ, könnte auch der neue Körper den Kopf abstoßen. Um dies generell bei Transplantationen zu vermeiden, werden nach der Operation Immunsuppressiva gegeben, die Transplantationspatienten für den Rest ihres Lebens einnehmen müssen.

Eine Abstoßung nach dieser Operation wäre in jedem Fall fatal, was allerdings auch bei Herz-Lungentransplantationen der Fall ist.

Aus medizinischer Sicht ist der Erfolg einer solchen Transplantation also durchaus möglich, wenn auch unter Fachleuten umstritten. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass im Fall, dass die Nervenbahnen nicht korrekt zusammenwachsen und ihre Funktion aufnehmen, der Patient mit einem lebenden Kopf, jedoch einem Körper, über den er keinerlei Kontrolle (inklusive Atmung) besitzt, aufwachen würde.

Ethische Problematik

Ganz ohne Zweifel ist die Tragweite und daraus folgende ethisch-moralische Fragestellung bisher ohne Beispiel. Einen Kopf zu transplantieren, bzw. einem Menschen einen neuen Körper zu verschaffen, galt bislang als medizinisch unmöglich, bzw. ist immer noch umstritten, die Operation ohne Zweifel gewagt. Daher stellte sich bisher auch die Frage nach der Ethik in diesem Zusammenhang nicht. Da sich dies nun ändern könnte, muss jedoch folgerichtig auch diese Frage eruiert werden.

Bereits als der südafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnad im Jahre 1967 die erste erfolgreiche Herztransplantation durchgeführt hatte, wurde über die Frage diskutiert, inwieweit eine solche Operation ethisch tragbar sei, da unter anderem immer noch Bedenken im Raum standen, inwiefern der Austausch eines Herzens Auswirkungen auf das Wesen des Menschen hätte. Heute sind Herztransplantationen aus der Medizin nicht mehr wegzudenken und haben viele Leben gerettet.

Jedoch lässt sich diese Diskussion nur bedingt auf diese Art der Transplantation übertragen. Viel zu groß ist die Rolle, die das Gehirn im Zusammenspiel mit dem Körper in puncto Persönlichkeit hat. Auch existieren hier – logischerweise – keinerlei Erfahrungswerte, wie sich der Patient (Kopf) im Nachgang mit dem neuen Körper „anfreunden” kann. Eine intensive psychologische Betreuung wäre hier mindestens vonnöten.

Ferner ist laut Canavero diese Transplantation auch nur ein Zwischenschritt. Langfristig spekuliert der Neurochirurg mit der Transplantation von cryogenisch eingefrorenen Gehirnen von Menschen, die sich bei ausreichendem medizinischen Stand der Technik ein „neues Leben” erhoffen, wie sie von verschiedenen Firmen (z.B. Alcor) bereits angeboten werden.

Auch hier sind Ethik und Moral die großen Fragen, die definitiv gestellt werden müssen und die Thematik erfordert eine Diskussion, die in entsprechenden Kreisen sicherlich geführt werden muss.

Abschließend kann man sagen, dass dieses Vorhaben aus medizinischer Sicht sehr spannend und auch mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg beschert, aus ethischer Sicht jedoch nicht unproblematisch ist.

Autoren: Anke und Rüdiger, mimikama.at

Quellen:

https://www.ooom.com/digital/sergio-canavero-revolution-in-der-medizin/

http://surgicalneurologyint.com/surgicalint-articles/heaven-the-head-anastomosis-venture-project-outline-for-the-first-human-head-transplantation-with-spinal-linkage-gemini/

http://www.sciencealert.com/world-s-first-head-transplant-volunteer-could-experience-something-worse-than-death

https://www.welt.de/gesundheit/article137400631/Kaelte-verschiebt-Grenze-zwischen-Leben-und-Tod.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4743270/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3821155/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5319221/