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Fragen von ZDDK – Antworten von Christa Thomke, Psychologin lic.phil. | Immer wieder erleben wir bei Facebook Darstellungen von Menschen mit schweren Verletzungen, seien es Kinder oder Erwachsene, um eine gewisse Like-Geilheit zu befriedigen. Oder wie ganz neu aufgetaucht: um Stimmung zu verbreiten (siehe unseren Artikel von heute).

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Die abgebildeten Personen werden in fast allen Fällen jedoch gar nicht gefragt, ob sie überhaupt in einem solchen Zustand durch das Netz gereicht werden wollen, bzw. bekommen durch leichtfertiges Teilen anderer vielleicht immer wieder eine Situation aus ihrem Leben vorgesetzt, die mit Schmerz und Scham verbunden ist.

Dabei macht sich ein Großteil der Verteiler leider keine Gedanken, was die Personen, welche diese Situation durchleben mussten, gefühlt haben, und vielleicht auch heute noch spüren.

Bereits im Februar 2014 hatte ZDDK / Mimikama das Glück, mit Frau Christa Thomke in Kontakt zu kommen, die uns Einblicke in die schwere Situation von traumatisierten Personen geben konnte.

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ZDDK: Oftmals lesen wir im Netz nur die Wut und den Hass derer, die eine Situation kommentieren. Dabei wird schnell vergessen, dass sich im Hintergrund menschliches Leid abspielt. Wie fühlt sich ein Opfer?

Christa Thomke: Wenn Gefahr droht, reagieren wir, wenn immer möglich, entweder mit Flucht (möglichst schnell weg von hier) oder mit Verteidigung (möglichst den Gegner in die Flucht schlagen). Wenn beides nicht gelingt bzw. aussichtslos erscheint, und das ist bei einer Gewalttat meistens der Fall, erstarren wir.

  • Das Opfer fühlt sich der Situation hilflos ausgeliefert, seiner Handlungsfähigkeit beraubt und seines Lebens bedroht.
  • Das Opfer erlebt sich als der schutzlos Schwächere, der keine Kontrolle mehr darüber hat, was passiert.
  • Das Opfer fühlt sich gedemütigt und wertlos, d.h. seines Menschseins entwürdigt. Sein Selbstverständnis bricht zusammen.
  • Das Opfer macht sich Vorwürfe (hätte ich doch nur besser aufgepasst) oder sucht den Fehler bei sich selbst (ich bin selber schuld).
  • Diese fatale Selbsteinschätzung des Opfers wird bestätigt in der Tatsache, dass dem Opfer während der Tat niemand zu Hilfe kam, und führt dazu, dass sich das Opfer dessen schämt, was ihm passiert ist.

ZDDK:  Bilder und Videos werden in Sozialen Netzwerken immer und immer wieder geteilt. Manchmal erscheinen Videos und Bilder nach Jahren wieder, um in falschen Zusammenhängen nochmal benutzt zu werden. Wie fühlt sich ein Opfer, speziell wenn es immer wieder mit seiner Pein konfrontiert wird?

Christa Thomke: Eine erlebte Gewalttat hinterlässt beim Opfer extrem starke Körperreaktionen, Gefühle, Empfindungen und Gedanken. Diese Stressreaktionen und ihre unmittelbaren Folgen sind im ersten Augenblick überlebenswichtig, sollten sich danach aber wieder abbauen können, damit sie nicht gesundheitsschädigend wirken. Wenn nun das Opfer immer wieder mit seiner Pein konfrontiert wird, dann steigert sich die Stressreaktion stetig weiter, weil die Gefahr ja noch nicht gebannt zu sein scheint.

Vereinfacht könnte man sagen:

  • Wenn das Opfer immer wieder mit seiner Pein konfrontiert wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich weiterhin der Gewalt ausgeliefert fühlt, weil sein eigenes Abwehrsystem stets Gefahr meldet (selbst wenn diese in der Realität längst gebannt ist).
  • Zudem fühlt sich das Opfer zusätzlich gedemütigt, wenn die Konfrontation auch noch öffentlich stattfindet, wie z.B. bei Fotos oder Videos, die ins Internet gestellt werden, aber auch bei ganz normalen Medienberichten.
  • Auch kann es die Veröffentlichung der Erlebnisse, die es als demütigend und beschämend empfand, nicht selber kontrollieren. Dadurch bleibt die erlebte Hilflosigkeit, Schutzlosigkeit und Lebensbedrohung weiterhin bestehen (oder steigert sich sogar noch). Das vergangene Ereignis wird (wegen der steten Wiederholung) im Erleben des Opfers zur Gegenwart.

(Es gibt auch andere Gründe, weshalb die Stressreaktion bis zum Kollaps weiter eskalieren und die Vergangenheit nicht mehr von der Gegenwart unterschieden werden kann.)


ZDDK: Die Ängste und das Erlebte bleiben sicherlich nicht spurlos. Welche Auswirkungen zeigen sich im Alltag von Opfern?

Christa Thomke: Erlebt jemand Gewalt, dann ist sein Leben danach nicht mehr das gleiche wie zuvor. Vereinfacht könnte man sagen: Die Angst (Todesangst) bestimmt fortan das Leben der Betroffenen, d.h. wer einmal Opfer einer Gewalttat wurde, der/die lebt fortan in erhöhter Aufmerksamkeit, um eine Wiederholung der Schreckensereignisse möglichst zu vermeiden. Dadurch wird der Handlungsspielraum und/oder die Beziehungsfähigkeit stark eingeschränkt. So können z.B. Einsamkeit, Übermüdung, Leistungsschwächen und/oder Stimmungstiefs den Alltag eines Opfers prägen.

Mögliche Auswirkungen der erlebten Gewalt sind:

  • Körperliche Beschwerden: z.B. Schlafstörungen, extreme Schreckhaftigkeit (zusammenzucken), motorische Störungen (zittern), Muskelverspannungen
  • Kognitive Beeinträchtigungen: z.B. Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisstörungen, sich aufdrängende Erinnerungen (man kann an nichts anderes mehr denken als an die erlebte Gewalt)
  • Emotionale Störungen: z.B. emotionale Betäubtheit (man nimmt keine Gefühle mehr wahr), übergroße Ängstlichkeit, depressive Zustände
  • Soziale Schwierigkeiten: z.B. sozialer Rückzug (Kontakte vermeiden), Berührungsängste, Misstrauen, verlorene Sprache (unangemessenes Schweigen)

(Die Liste ist nicht vollständig. Und nicht jede Auswirkung trifft jedes Opfer. Aber jedes Opfer kennt bestimmt mehrere dieser Auswirkungen.)


ZDDK: Traumatische Situationen können jedem von uns zustoßen, doch wie viele sind überhaupt bereit, sich begleiten zu lassen?

Christa Thomke: Kurz zum Verständnis:

Unter Begleitung verstehe ich die psychologische Betreuung im Anschluss an die medizinische und psychologische Notfallversorgung.
Eine Begleitung kann also schon ein paar wenige Tage oder Wochen nach der Gewalttat ansetzen oder aber auch erst Jahre später.
Ich vermute, dass sich nur ein kleiner Prozentsatz der Opfer in der Aufarbeitung des Erlebten begleiten lässt. Aber konkrete Zahlen (z.B. aufgrund einer Studie) kenne ich keine, und aufgrund meiner Arbeit kann ich keine sinnvollen Angaben machen.

Aufgrund der Gespräche mit Opfern von Missbrauch und Gewalt weiss ich, dass viele Betroffene Mut brauchen, sich jemandem anzuvertrauen.
Es gibt Menschen, die erkundigen sich zuerst einmal ganz anonym an meinen Vorträgen über die Folgen erlebter Gewalt. Und nur wenige dieser Vortragsbesucher melden sich später bei mir zu einer Begleitung an. (Das bedeutet allerdings nicht, dass sich jene, die sich bei mir nicht mehr melden, nicht anderweitig Hilfe suchen – darüber habe ich schlicht keine Kenntnis.)
Und es gibt Menschen, die kommen aus ganz anderen Gründen in eine Beratung und erst nach geraumer Zeit, wenn das Vertrauen gewachsen ist, beginnen sie vorsichtig von erlebter Gewalt zu erzählen bzw. realisieren, dass ihnen die erlebte Gewalt noch in allen Knochen steckt.


ZDDK: Viele, die jetzt betroffen sind, trauen sich aus Scham vielleicht gar nicht, Hilfe anzunehmen. Sie haben eventuell Angst vor der unbekannten Situation. Um ein paar Ängste nehmen zu können: Wie sieht generell eine Opferbegleitung aus?

Christa Thomke: Vorbemerkung: Gewalt zu erleben, das ist im Leben eines Menschen ein Ereignis mit traumatischen Ausmaß. Deshalb spreche ich bei Opfern auch von traumatisierten Personen.

Menschen, die ein Trauma erlitten haben, durchlaufen im Idealfall drei Phasen der Verarbeitung (Schockphase, Einwirkungsphase, Erholungsphase). In allen drei Phasen sind unterschiedliche Hilfestellungen angezeigt. Deshalb gilt es zu Beginn einer Begleitung herauszufinden, in welcher Phase der Trauma-Verarbeitung sich die Person gerade befindet:

  • Steht die traumatisierte Person noch unter Schock über das Geschehene, so braucht sie erst einmal Unterstützung darin, sich sowohl psychisch wie physisch wieder beruhigen zu können (unter Umständen mit ärztlicher Hilfe).
  • Steht die traumatisierte Person noch stark unter der Einwirkung des Geschehenen, so dass die physischen und psychischen Beschwerden ihr das Leben schwer machen, dann braucht sie unter anderem auch Aufklärung darüber, was ein traumatisches Erleben auslöst und wie es sich auswirkt. So lässt sich vermeiden, dass die ursprüngliche Angst, die während des Geschehens entstanden ist, nicht noch von der Angst vor dem Verrücktwerden verstärkt wird.
  • Ebenso ist es wichtig (sowohl in der Einwirkungs- als auch in der Erholungsphase), die einzelnen Auswirkungen, an denen eine traumatisierte Person leidet, zu erkennen und mit der Person zusammen zu schauen, wie sich diese Symptome lindern lassen. Dazu muss (so meine Überzeugung und Erfahrung) jeder seine eigenen Strategien suchen und finden, aber als Begleiterin bringe ich selbstverständlich meine Erfahrungen, meine Beobachtungen und mein Wissen um Zusammenhänge in den Prozess mit ein.

In der Begleitung von Menschen, die Gewalt erlebt haben, gibt es vier Ebenen der Verarbeitung zu berücksichtigen:

  • Erstens geht es darum, wieder ein Gefühl der Sicherheit zu erlangen bzw. dieses zu stärken. Die traumatisierte Person lernt, Gefahren wieder richtig einzuschätzen, irrationale Bewertungen zu erkennen, Vermeidungsverhalten zu ändern, liebevoll mit sich selbst umzugehen und/oder unterstützende Beziehungen aufzubauen bzw. zu fördern.
  • Zweitens geht es darum, die eigene Stabilität wieder herzustellen. Die traumatisierte Person lernt, sich selbst besser wahrzunehmen, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu spüren und/oder eigene Grenzen zu erkennen und zu setzen.
  • Drittens geht es darum, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen (Konfrontation). Die traumatisierte Person lernt, ihre Gedanken und Emotionen, die im Zusammenhang mit der erlebten Gewalt stehen, zuzulassen, auszuhalten und zu verarbeiten. Doch damit dies möglich wird, müssen das Gefühl der Sicherheit und die eigene Stabilität bereits genügend gefestigt sein.
  • Viertens geht es darum, die erlebte Gewalt in die eigene Lebensgeschichte einzubetten (Integration). Die traumatisierte Person lernt zu akzeptieren, dass sie das Geschehene nicht rückgängig machen kann, und sich einzugestehen, dass die erlebte Gewalt Spuren in ihrem Leben hinterlassen hat. Dadurch kann das traumatische Erleben konkret in der Vergangenheit eingeordnet werden und es wird der Blick frei für ein neues Leben in Gegenwart und Zukunft.

ZDDK: Gibt es bestimmte Methoden?

Christa Thomke: Ja, in der Therapie traumatisierter Personen gibt es verschiedene Methoden, denn jede der großen psychotherapeutischen Schulen hat auch spezifische Methoden der Trauma Therapie entwickelt.
Aber mir scheint es in diesem Rahmen wenig sinnvoll, die Namen der einzelnen Therapiemethoden zu nennen, und zwar aus zwei Gründen:

  • Klar, in der Wissenschaft wird erforscht und evaluiert, welche Methode die effizienteste sei, aber in der praktischen Arbeit zählt nicht, welche Methode bei 95% der Personen hilft, sondern was konkret dieser einen Person, die mir gegenüber sitzt, hilft. Deshalb halte ich mich in meiner Arbeit nicht stur an eine bestimmte Schule, sondern lasse mich von ganz verschiedenen Ansätzen inspirieren.
  • Eine Methode ist immer nur so gut, wie die begleitende Person bzw. der Therapeut sie auch anwenden kann.

Meine Überzeugung:

  • Wichtiger als die Wahl der Methode ist die Beziehung zwischen der begleitenden und der ratsuchenden Person. (Das heißt allerdings nicht, dass die begleitende Person nicht wissen sollte, was sie tut und warum sie es tut.
  • Eine vertrauensvolle Beziehung ist für die traumatisierte Person die Grundlage für den Aufbau ihres Gefühls von Sicherheit und ihrer Stabilität.

ZDDK: Eine ganz wichtige Frage, vielleicht sogar die erste wichtige Frage nach dem erleben der traumatischen Situation: Wer ist der erste Ansprechpartner?

Christa Thomke: Wird jemand Opfer einer Gewalttat, dann ist es zuerst einmal wichtig, mit jemandem über das Geschehene zu reden. Am besten wendet man sich in einem ersten Schritt an eine erwachsene Person seines Vertrauens (z.B. Eltern, Freunde, Lehrer…), die das Opfer in seinen weiteren Schritten (sowohl emotional wie auch ganz konkret handelnd) unterstützen kann.
Ebenfalls ist es möglich und empfehlenswert, je nach Schwere der Tat sogar dringend ratsam, sich an eine offizielle Beratungsstelle der Wohngemeinde (in der Schweiz unter dem Namen „Opferhilfe“ bekannt) und/oder an die Polizei zu wenden. Diese Stellen bieten vor allem auch Rechtsberatung und können Massnahmen zum Schutz des Opfers (z.B. den Aufenthalt in einem Frauenhaus für Opfer häuslicher Gewalt) organisieren.
Führt die erlebte Gewalt zu körperlichen Verletzungen, dann sollte auf jeden Fall auch ein (möglichst dem Opfer bereits bekannter) Arzt aufgesucht werden.
Auch Psychologen und Psychotherapeuten können unmittelbar nach dem Gewalterleben konsultiert werden. Dies ist insbesondere dann ratsam:

  • wenn sich die psychische Verfassung des Opfers nach zwei bis vier Wochen nicht deutlich verbessert hat
  • oder wenn die Erinnerung an erlebte Gewalt nach Wochen, Monaten oder Jahren plötzlich wieder verstärkt auftaucht.

ZDDK: In der Hoffnung, dass Menschen Hilfe annehmen, wie lange dauern einzelne Therapien?

Christa Thomke: Die Dauer einer Therapie bzw. Begleitung ist von Person zu Person sehr unterschiedlich und lässt sich nicht grundsätzlich festlegen. Viele Faktoren beeinflussen den (auch zeitlichen) Verlauf einer Therapie bzw. Begleitung, z.B.:

  • Was genau hat eine Person erlebt?
  • Wie lange liegt die erlebte Gewalt zurück?
  • Welche Ressourcen stehen dem Opfer zur Verfügung? Welche Ressourcen hat es bereits selber genutzt? Welche können aktiviert werden?
  • Wie stabil ist der allgemeine (psychische und physische) Gesundheitszustand der hilfesuchenden Person?
  • Welche Schwierigkeiten hat die hilfesuchende Person aktuell?

Frau Thomke, das ZDDK / Mimikama-Team bedankt sich herzlich für die ausführlichen und offenen Antworten!

Interview: Christa Thomke (Psychologin lic.phil.), Andre ( Mimikama.at )