Stolze Eltern fotografieren ihr Baby gerne und oft. Das ist nichts Außergewöhnliches und wird schon praktiziert, seit es Fotoapparate gibt. Doch nun huscht eine Meldung durch Facebook, welche viele Eltern verängstigt. Zurecht?

-Produktempfehlung: Kaspersky lab-

clip_image001

„Das Baby wurde blind, nachdem es in der Nähe eines Handys war. Sei vorsichtig, es kann alle treffen.“

Und weiter heißt es dort:

„Einer der Freunde wollte mit seinem Smartphone ein Foto des Kleinen machen. Doch leider vergass er dabei, den Blitz zu deaktivieren… Die Linse war etwa 25 Zentimeter vom Gesicht des Babys entfernt. Und danach war der junge Erdenbürger auf einem Auge blind und teilweise blind auf dem anderen Auge. Ein grausames Drama!
Die Eltern bemerkten schnell, dass etwas nicht stimmt. Und wirklich: Ihr Arzt bestätigte den schlimmen Verdacht. Auf dem rechten Auge war das arme Kind komplett blind und auf dem linken war seine Sicht stark eingeschränkt.“

Woher kommt diese Meldung?

Gute Frage. Die Angaben sind sehr nüchtern gehalten. Genau genommen gibt es keine Angaben, nur allgemeine Aussagen wie „einer der Freunde“, „das Baby“, „die Eltern“, „der Arzt“. Kann man nicht viel mit anfangen.

Fehler, Gruppe existiert nicht! Überprüfen Sie Ihre Syntax! (ID: 1)

Verlinkt hat „Likemag“ (der Name ist Programm: Stories zum „liken“) die Quelle auch nicht. Also hangeln wir uns mal selbstständig die Beweiskette zurück.

Die Daily Mail

clip_image002

Da erschien jener Artikel also vorher und wurde dann von „Likemag“ nahezu wörtlich ins Deutsche übersetzt.

Journalismus leicht gemacht. Aber auch hier nur Allgemeinangaben, dafür aber eine Quelle: eine chinesische News-Seite.

Guangming Daily: Jene Seite erzählt genau dasselbe, aber schon wieder: keine genauen Angaben, nur ein weiterer Quellenlink.

QQ.com: Und gleich wieder: selbe Geschichte, gleicher Wortlaut, keine Angaben, noch ein Quellenlink. So langsam wird’s ermüdend.

People.com.cn : Richtig. Wieder nur allgemeine Angaben, als Quelle wird lapidar „Henan TV“ genannt, ein örtlicher TV-Sender in Zhengzhou, Henan Provinz in China. Dieser Artikel ist aber ausführlicher, so kommen auch „Experten“ zu Wort, deren Namen anscheinend auch unter den Tisch gefallen sind und die noch andere seltsame Dinge behaupten. Aber dazu kommen wir gleich.

Und was ist da nun dran?

Wir fassen zusammen: Es gibt keine Namensangaben, weder von den Eltern noch dem Kind noch dem Freund noch den Experten noch dem Doktor noch dem Krankenhaus. Nix. Nur ein Bild von einem Baby, das offensichtlich entzündete Augen hat. Das hat schon eher was von einer „urbanen Legende“.

Was sagen Profi-Fotografen dazu?

Da hilft uns die Kommentarspalte der Daily Mail sehr weiter, wo unter anderem eine professionelle Baby-Fotografin die Geschichte stark anzweifelt, weiter wird gefragt, wo die Millionen anderer erblindete Babys sind, die tagtäglich mit Blitzlicht fotografiert werden.

clip_image003

Was sagen die namenlosen Experten auf der chinesischen Webseite?

Die schüren eine Panik, dass man glauben sollte, man muss Kindern bis zu ihrem 18. Lebensjahr die Augen verbinden. iPads, Handys, TV, Computer…. alles schädlich für die Augen. Alles!
Den Autor erinnert das an die Schauergeschichten der Eltern, man solle nicht zu nah vor dem TV sitzen oder nachts im Bett lesen, das würde die Augen kaputt machen. Ist übrigens Blödsinn. Die Augen ermüden dadurch schneller, kaputt geht da aber nix.

Und was sagen echte Experten?

Der Foto-Service „Kinderschritte“ sagt dazu:

„Immer mal wieder fragen sich Eltern ob Blitzlicht für die kleinen Kinderaugen nicht schädlich ist. Diese Annahme hält sich bei einigen Laien (wie ja die meisten Gerüchte und Verschwörungstheorien) sehr hartnäckig ̧ obwohl Fachleute immer wieder bestätigen, dass an diesem Gerücht überhaupt nichts dran ist.

Abgesehen davon, dass die kurze Blitzdauer und die Lichtstärke eines Blitzgerätes den Augen nachweislich nicht schaden können, fotografieren wir auch noch mit einer Softbox, die das Licht durch eine starke Streuung über eine große Fläche verteilt. Seien Sie also aus medizinischer Sicht völlig unbesorgt und lassen Sie sich bitte von manchen Unverbesserlichen nicht verunsichern.“

 

Im oben verlinkten PDF-Dokument kommt auch Dr. Arndt Gutzeit vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. zu Wort:

„Blitzlicht ist ein sehr helles Licht und trifft, weil man es meist in der Dunkelheit gebraucht, auf Augen mit weiten Pupillen. Kinderpupillen sind weiter als Erwachsenenpupillen. Es kommt also eine recht große Lichtmenge in die Augen des abzulichtenden Säuglings, da besteht kein Zweifel, aber nur für einen extrem kurzen Zeitraum.

Die Pigmentschicht des Säuglingsauges ist weniger intensiv gefärbt, absorbiert also weniger Strahlen als die eines älteren Auges. Die Dauer der Lichtexposition ist extrem kurz. Diese beiden Faktoren limitieren die Gefährdung für die Säuglingsaugen.

Bei Augenoperationen, besonders, wenn die Netzhaut angegangen wird, muss man mit sehr grellem Licht arbeiten, welches der Helligkeit von Blitzlicht entspricht. Eine Operation dauert zwischen 30 und 90 Minuten. Einen Dauerschaden wegen zu langem und zu hellem Licht können wir nach solchen Operationen nicht beobachten, ob- wohl die Lichtmengen 1000fach größer sind als bei einer Blitzlichtaufnahme.

Kurze, blitzartige Lichtmengen können durchaus die Augen schädigen. Dann muss das Licht aber noch 100-500mal stärker sein als Blitzlicht. Dies ist der Fall bei Laserlicht. In der Augenheilkunde benutzen wir Laserlicht um punktförmige Verbrennungen an der Netzhaut zu erzeugen, die eine Heilwirkung haben. Die Energie des Laserlichtes ist 100 bis 500mal stärker als das Fotoblitzlicht.

Man hat viele und gute Erfahrungen, welche Lichtmengen notwendig sind, um eine Verbrennung an der Netzhaut zu erzeugen. Solche Lichtmengen werden von Blitzlichtgeräten nicht erzeugt. Sie können Ihren Säugling also mit ruhigem Gewissen auch mit Blitzlicht fotografieren.

Wenn Sie sehr vorsichtig sein wollen, benutzen Sie am besten eine Digitalkamera, die mit geringeren Lichtmengen auskommt und mit der Sie auch in der Dämmerung noch ohne Blitzlicht recht gute Bilder machen können.“

Fazit:

Die Quelle kommt ohne Namen und Ortsangaben aus, das Baby hat auf dem Bild wahrscheinlicher eine Augenentzündung.

Namhafte Fotografen und Ärzte bezeichnen Geschichten wie diese als „Gerüchte und Verschwörungstheorien“. Wir können den Wahrheitsgehalt der Geschichte nicht komplett widerlegen, können aber stark davon ausgehen, dass sie frei erfunden wurde.

Autor: Ralf, mimikama.at

-Mimikama unterstützen-