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Bedrohlich den Weltuntergang ankündigend springt uns wieder mal eine Schlagzeile des Internetportals des Blattes „Österreich“, OE24, entgegen. Wieder mal. Nach diversen, ebenso reißerischen wie unwahren Fantasien über Asteroideneinschläge, ist es diesmal ein „Planet X“, der die Erde auslöschen soll.

Screenshot: www.OE24.at
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Und ganz ehrlich, so langsam frage ich mich, ob es in der dortigen Online-Redaktion Bonuszahlungen für Weltuntergangs-Artikel gibt. Ein Blick auf den Abschnitt „Mehr zum Thema“ unter dem Artikel spricht Bände…

Screenshot: www.OE24.at
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Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht schon öfter die alarmistischen und mit einem erstaunlichen Maß an Fantasie gespickten Meldungen von OE24, besonders im Bereich der Astronomie, richtig gestellt. Quasi jede Meldung über Weltuntergangs-Asteroiden haben einen unserer Artikel  gewidmet bekommen. Und damit stehen wir nicht alleine da. Auch bei dem Astronomen und Wissenschaftsautor Florian Freistetter ist OE24 in der Rubrik „Schlechte Schlagzeilen“ seines Blogs „Astrodicticum Simplex“ ein Dauergast [1].

Bei diesem Artikel kann man allerdings fast schon sagen, dass sich OE24 hier selbst übertroffen hat, was die Qualität des Artikels angeht – jedoch nicht im positiven Sinne.

Worum geht es denn genau?

OE24 berichtet in dem Artikel von einem Eis-Koloss namens „Planet X“, der laut „Wissenschaftlern“ das Ende aller Tage einläuten soll. Während der Begriff „Eis-Koloss“ noch halbwegs etwas mit der Realität zu tun hat, fängt bereits hier der rasante Abstieg in Gefilde wahnwitzigen Geschwurbels an. Mit dem Verquirlen einer jahrzehntealten und aberwitzigen Verschwörungstheorie über einen Planeten „Nibiru“, der der Legende nach von den Babyloniern prophezeit worden sein soll, ist dann der Ofen endgültig aus [2].

Und ich wage einmal zu behaupten, dass „Eis-Koloss“ auch nur deshalb annähernd an der Wahrheit dran ist, weil er aus der Quelle zu diesem Artikel übernommen wurde.
Diese wurde nämlich aus dem englischen Boulevardblatt „Daily Star“ übernommen, wo ein Artikel mit dem Titel „Planet X: Ice giant so big it tilts ENTIRE SOLAR SYSTEM will be found NEXT YEAR“ als Vorlage diente. („Planet X: Ein Eisriese so groß, dass er das gesamte Sonnensystem kippt, wird nächstes Jahr gefunden werden“) [3].

Die Überschrift ist sogar gar nicht mal so ganz falsch, wenn man es genau nimmt. Der (hypothetische!) Planet um den es geht, ist groß und – da er, wenn es ihn gibt, sehr weit von der Sonne weg ist – auch kalt. Und mit einem „gekippten Sonnensystem“ hat es im weitesten Sinne auch zu tun, dazu später mehr.

Aber damit endet auch hier jeglicher Bonus, den man auch dieser Zeitung hinsichtlich der korrekten Behandlung dieses Themas geben könnte. Warum er nächstes Jahr gefunden werden wird? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo der Daily Star diese Weisheit hernimmt…

Es existiert natürlich kein Planet, der einer Prophezeihung folgend, die Erde auslöschen wird. Es hat auch nichts, aber auch gar nichts, mit irgendwelchen alten Babyloniern zu tun, oder mit einem ominösen Planet „Nibiru“, der bereits in der Vergangenheit für Theorien gesorgt hat, angesichts derer so mancher Science-Fiction- und Fantasy-Autor neidisch werden könnte.

Wir werden auch nicht alle sterben. Das heißt, an sich genommen natürlich schon, aber ganz sicher nicht an einem „Killer-Planeten“.

Aber was ist denn genau an dieser Meldung dran?

An dieser Meldung, so wie sie in diesen Boulevard-Blättern zu finden ist, quasi gar nichts.
Der Hintergrund, auf dem diese aufbaut, ist jedoch sehr cool. Dieser geht im Grunde zurück auf eine Meldung zu einem „Planet 9“, für dessen Existenz man Anfang des Jahres Hinweise gefunden hat. [4]

Wohlgemerkt: Hinweise. Den Planeten hat man noch nicht entdeckt. Man hat lediglich anhand von Auffälligkeiten bei den Umlaufbahnen von gewissen Asteroiden, die sich weit draußen in den äußeren Bereichen unseres Sonnensystems bewegen, darauf geschlossen, dass diese Auffälligkeiten durch ein anderes massereiches Objekt, zum Beispiel einen Planeten, hervorgerufen worden sein könnten.

Dieser Planet – wenn es ihn denn gibt – befände sich dann allerdings ebenfalls sehr weit draußen in unserem Sonnensystem, was auch der Grund ist, warum wir ihn bis jetzt noch nicht entdeckt haben.

Eine Vermutung der Astronomen Konstantin Batygin und Michael Brown, die diese Erkenntnisse Anfang des Jahres in einem Fachartikel veröffentlicht haben haben, ist, dass dieser Planet ungefähr zehnmal so schwer wie die Erde und ungefähr 700 Mal so weit von der Sonne entfernt sein könnte. Gleichzeitig weisen sie aber darauf hin, dass diese Werte nur eines von vielen Szenarien ist, die die Asteroidenbewegungen erklären könnten. Vielleicht ist er auch 20 Mal schwerer und 250 Mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde. Man weiß es einfach (noch) nicht. Es ist lediglich ein Ansatz einer Erklärung, kein Nachweis, geschweige denn eine Entdeckung.

Kurz gesagt: Es kann eventuell einen weiteren Planeten dort draußen geben, der aber so weit entfernt ist, dass er auf die inneren Planeten, zu denen die Erde ja zählt, keine Auswirkungen hat. Diese hätten wir sonst schon längst bemerkt. Ob man diesen Planeten, wenn es ihn denn geben sollte, auch entdecken wird, und wann das ggf. sein wird, kann man nicht genau sagen. Er wäre wie schon erwähnt sehr weit entfernt, reflektiert nur wenig Sonnenlicht und bewegt sich extrem langsam auf einer eliptischen Bahn um die Sonne (wir reden hier von Größenordnungen von 10.000 Jahren und mehr für eine Umkreisung). Alles keine guten Voraussetzungen für eine baldige Entdeckung.

All diese überall nachlesbaren wissenschaftlichen Fakten zu dem potenziellen Planeten haben übrigens OE24 seinerzeit auch nicht davon abgehalten, mit der Schlagzeile „Neunter Planet in unserem Sonnensystem entdeckt“ zu titeln [5]…

Und das „gekippte Sonnensystem“?

Basierend auf der Hypothese dieses weiteren Planeten haben sich Forscher in den letzten Monaten viel mit Auswirkungen beschäftigt, die so ein Planet noch haben könnte, wenn er existiert. Eine der Überlegungen war, dass die Rotationsachse der Sonne nicht senkrecht auf der Ebene steht, in der sich die Planeten unseres Sonnensystems bewegen, sondern um 6 Grad geneigt ist. Dafür hatte man bisher noch keinen schlüssigen Grund gefunden. Ein massereicher Himmelskörper wie zum Beispiel ein „Planet 9“ könnte hierfür gegebenenfalls die Ursache sein.

Was im Detail dahinter steckt, kann jedoch der Astronom Florian Freistetter viel besser erklären, was er in seinem Artikel hier auch gemacht hat [6]. Man kann aber definitiv sagen, dass das Sonnensystem jetzt nicht einfach umkippen wird oder irgendwas in der Richtung, was man aufgrund der Schlagzeile des „Daily Star“ vermuten könnte.

Fazit

Dieser Artikel ist im Prinzip nichts weiter als eine mit viel Fantasie und Geschwurbel aufgeblasene, reißerische Version der damals schon nicht korrekten Meldung zu einer angeblichen „Neuentdeckung eines Planeten“ plus einer neuerlichen Forschungsarbeit, die aber von den Journalisten anscheinend überhaupt nicht verstanden wurde.

Es besteht keinerlei wie auch immer geartete Gefahr durch diesen eventuell vorhandenen Planeten.

Die einzigen Auswirkungen, die wir davon „abbekommen“ ist ein detaillierteres Wissen über unser Sonnensystem, wenn wir uns mit diesen Phänomenen weiter befassen.

Was wir uns wünschen würden…

Wir erleben es immer wieder, dass besonders im wissenschaftlichen Bereich, und dort vor allem im Feld der Astronomie, eine reißerische Schlagzeile, die für Klicks und Interaktion auf Facebook sorgt, viel wichtiger ist, als die Wissenschaft, die dahinter steht. Das ist oft unnötige Panikmache und Desinformation. Zudem trägt sowas auch nicht gerade zur Glaubwürdigkeit des betreffenden Mediums bei, wenn wir oder andere kritische Stellen dann jedes Mal einen Artikel wie diesen hinterher schieben müssen.

So jedoch bereiten uns Artikel wie dieser von OE24 regelmäßig Kopfschmerzen durch das unvermittelte Auftreffen des Kopfes auf der Tischplatte und verhelfen Hoaxbuster-Seiten, Astronomen und Wissenschaftsjournalisten zu mehr Arbeit. Nicht dass wir das nicht gerne tun würden, aber wenn man eine solche Ikone der schlechten Recherche vor sich hat, fragt man sich doch schon, ob das denn wirklich Not tut.

Um den Astronomen Phil Plait zu zitieren, der sich ebenfalls in seinem Blog „Bad Astronomy“ mit Falschmeldungen und Fehlinterpretationen dieser Art beschäftigt:

„Not everything that’s cool is science, but everything in science is cool.“

Oder anders gesagt: Das Weltall ist auch ohne Bullshit schon spannend genug. Wenn die Medien das auch mal beherzigen würden, wäre das toll!

Autor: Rüdiger / ZDDK

Quellen

[1] http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/category/schlechte-schlagzeilen/
[2] http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/weltuntergang-2012-fragen-und-antworten/
[3] http://www.dailystar.co.uk/news/latest-news/556080/planet-9-nine-x-nibiru-Cataclysm-tilt-sun-solar-system-found-winter-2017-Annunaki-caltech
[4] http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2016/01/21/einige-informationen-zur-entdeckung-des-neuen-planeten-in-unserem-sonnensystems/
[5] http://www.oe24.at/welt/Neunter-Planet-in-unserem-Sonnensystem-entdeckt/220718636
[6] http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2016/10/26/schlechte-schlagzeilen-17-forscher-sagen-das-ende-der-welt-voraus-planet-9-und-sein-einfluss-auf-das-sonnensystem/