Momentan macht ein Bild die Runde, in dem von „eingekochtem Wasser“ die Rede ist. Nach Ayurvedischer Tradition soll dies gut für die Gesundheit sein. Was genau ist da nun dran?

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Um dieses Bild geht es:

Quelle: virales Bild auf Facebook, ursprüngliche Quelle: Bild der Frau

Laut dem Bild, einem Foto eines Teils eines Artikels aus der Zeitung „Bild der Frau“, soll das Einkochen von einem Liter Wasser auf 875 ml die Wassermoleküle neu ordnen und den Molekularverbund verdichten. Und es soll immunstärkende Eigenschaften intensivieren, wenn man es über den Tag verteilt in kleinen Schlucken trinkt, so die Autorin dieses Artikels, Kerstin Rosenberg, laut Ihrem Autorenportrait eine Dozentin und Autorin für Ayurveda-Ernährung,-Therapie und -Psychologie.

Wo kommt diese Weisheit eigentlich her? Was ist Ayurveda?

Ayurveda ist eine ganzheitliche indische Gesundheitslehre. Auf Sanskrit bedeutet „आयुर्वेद“, bzw. „āyurveda“ einfach „Wissen vom Leben“. Hierzulande kennt man Ayurveda häufig im Zusammenhang mit Wellness-Kuren und damit zusammenhängenden Produkten. Als Begründer des Ayurvedas wird unter anderem die mythische Figur Dhanvantari angesehen, der als „Arzt der Götter“ und Ursprung aller Heilkunst gilt. Entsprechend alt sind die Überlieferungen zur Theorie und Praxis des Ayurveda: Die ältesten bekannten Aufzeichnungen sind ca. 3000 Jahre alt.

Nun lässt sich sicherlich nachvollziehen, dass das Alter der Überlieferungen einige Probleme mit sich bringt: Manche der beschriebenen Praktiken sind durchaus in der ein oder anderen Weise wirksam, jedoch fehlt der wissenschaftliche Hintergrund, den wir heute haben. Zum Beispiel der über die molekulare Zusammensetzung von Wasser. Dies bedeutet, dass wir gut daran tun, uns die überlieferte Praxis und die gelehrte Theorie noch einmal anzusehen, bevor man diese vorbehaltlos akzeptiert. Manches in der Tradition des Ayurveda ist nämlich eigentlich zum beabsichtigten Ziel eher kontraproduktiv oder zumindest komplett sinnfrei, so auch die Geschichte mit dem eingekochten Wasser.

Psiram schreibt dazu: „Die Lehren der Ayurveda entstammen einem veralteten medizinischen Konzept und sind somit nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaften. Daher besteht immer das Risiko einer falschen Diagnose und darauf fußend einer falschen Behandlung. Obwohl es Hinweise auf eine therapeutische Wirksamkeit einzelner Behandlungsformen der Ayurveda gibt, fehlen für das Gesamtkonzept wissenschaftliche Nachweise über die Zuverlässigkeit und Wirksamkeit. Ayurvedische Mittel sind in Deutschland keine zugelassenen Arzneimittel. Ihre pharmazeutische Qualität wird deshalb nicht regelmäßig überprüft.“


Sicherlich steht in den überlieferten Schriften nichts von „Wassermolekülen“ – davon wusste man damals einfach noch nichts. Vieles wurde zum Beispiel anhand von Beobachtungen oder damals logischen Schlussfolgerungen zum Teil der Lehre. Wenn man heute im Zusammenhang mit Ayruveda also etwas von Molekülen liest, kann man davon ausgehen, dass dies in neuerer Zeit formuliert wurde, vielleicht um sich mit heutigem Wissen zu erklären, was da das Prinzip der Wirkung sein soll. Leider ist bei der Erklärung mit dem eingekochten Wasser hier einiges auf grundlegender Ebene komplett falsch.

Eventuell kommt die ayurvedische Praxis des Wasserkochens überlieferungsmäßig aus einer Zeit, wo Abkochen von Wasser noch aufgrund der Keimbelastung sinnvoll war. Die Erkenntnis, dass dies helfen kann, könnte allein aufgrund von Beobachtungen gereift sein, ohne die biologischen Hintergründe zu kennen.

Fun Fact: Dass Abkochen hilft, Wasser genießbar zu machen, hat sich in Europa erst mit der Aufklärung verbreitet. Vorher hat man stattdessen verdünnten Wein oder Bier getrunken, in denen Alkohol die Keime in Schach hält. Damit war ein Großteil der Bevölkerung nie ganz nüchtern…

Was ist denn nun mit dem Wasser?

Gehen wir die Aussage einmal Stück für Stück durch:

Man soll 1 l Wasser auf 875 ml einkochen

Was passiert denn nun beim „Einkochen“ von Wasser? Nun, beim Kochen von Wasser wird diesem Energie in Form von Wärme zugeführt. Diese Energie zeigt sich im Wasser durch immer schnellere Bewegungen der Wassermoleküle, bis diese schließlich den Molekülverband des Wassers verlassen und quasi „flüchten“: Das Wasser verdampft, bzw. verdunstet. Dieser Dampf schwirrt dann durch unsere Küche und schlägt sich irgendwo nieder, zum Beispiel an der Brille, wenn man in den Topf guckt.

Bleiben wir mal in der Küche und schauen uns dort einmal um. Den Begriff „einkochen“ bzw. „einreduzieren“ kennen wir auch aus dem Küchenlatein. Man lässt eine Soße einreduzieren, indem man sie länger kochen lässt. Dabei wird sie dicker. Und zwar deswegen, weil das Wasser in ihr – wie oben beschrieben – verdampft und damit, im Verhältnis zum übrig gebliebenen Wasser, mehr nicht flüssige Bestandteile der Soße übrigbleiben.

Oder sehen wir uns den Wasserkocher an. Je nachdem, wie kalkhaltig das Wasser ist, bildet sich dort mehr oder weniger schnell an den Innenwänden eine weiße, pulverige bis harte Schicht. Dies passiert, weil beim Kochen Wasser verdampft und der enthaltene Kalk sich dort absetzt. Es verdampft nämlich immer nur das Wasser, nicht die Stoffe, die darin gelöst sind. Kocht man zum Beispiel einen Topf Salzwasser so lange, bis alles Wasser verdunstet ist, bleibt nur noch das Salz übrig. So gewinnt man übrigens Meersalz: Wasser verdampfen, Salz einsammeln. Ganz grob gesagt.

Nächste Aussage im Text:

„Dieser Prozess ordnet die Wassermoleküle neu (und) verdichtet ihren Molekularverbund“

Ganz einfach und salopp gesagt: Nein.

Durch das Erhitzen führen wir dem Wasser Energie zu, wie oben schon beschrieben. Dabei bewegen sich die Moleküle schneller, manche „hauen ab“ (verdunsten), und das Wasser wird weniger. Dabei wird der Molekularverbund aber nicht dichter. Es wird einfach nur weniger Wasser, und die Konzentration der darin gelösten Stoffe wird höher. Denn diese hauen nicht ab, sondern bleiben im Topf. Es wird also immer weniger Wasser bei gleicher Menge an gelösten Stoffen – das Wasser wird unter Umständen härter*).

Die „Härte“ des Wassers beschreibt, grob gesagt, das Verhältnis der gelösten Stoffe zur Menge des Wassers. Genauer gesagt die Äquivalentkonzentration der im Wasser gelösten Ionen der Erdalkalimetalle wie Magnesium (Mg), Caclium (Ca), Strontium (Sr) und Barium (Ba), wobei für die Härte hauptsächlich Calcium und Magnesium verantwortlich sind. Diese gelösten Härtebilder können unlösliche Verbindungen bilden, wie zum Beispiel Calciumcarbonat, dessen Kristallstruktur aus den Ionen Ca2+ und CO32- besteht, oder umgangssprachlich „Kalk“. Dies sehen wir im oben erwähnten Wasserkocher sehr deutlich.

Ob es wirklich eine gesunde Wirkung hat, solch warmes Wasser zu trinken, bleibt zu bezweifeln. Und auf das Immunsystem hat es erst recht keine Wirkung – hier fehlt jeglicher Zusammenhang zu immunbiologischen Vorgängen im menschlichen Körper.

*) Anmerkung: Das Löslichkeitsprodukt der Salze von Ca und Mg wird beim Kochen und Verdampfen des Wassers überschritten, weshalb diese dann als Bodensatz ausfallen. Daher verkalken Wasserkocher auch schneller als beispielsweise ein Topf, in dem man nur kaltes Wasser aufbewahrt. Man könnte jetzt bestimmt ausrechnen, ob bei Wasser, das man nach der Reduktion sofort umfüllt, die ausgefallenen und mit umgeschütteten Salze der Kationen Ca2+ und Mg2+sofort wieder in Lösung gehen, und wie viel das dann anteilsmäßig wäre, aber das ändert nichts an der Gesamtaussage, dass die Geschichte mit dem „eingekochten Wasser“ von der Wirkung her absoluter Blödsinn ist. (Danke an Lars Dittrich und Holger Kest für die Hinweise!)

Aber: Energie!

„Ich führe dem Wasser doch Energie zu! Das muss doch gesund sein: Energetisches Wasser!“

Diesen Versuch einer Erklärung habe ich häufiger von Verfechtern dieses „Ayurvedischen Wasserkochens“ gehört. Im Prinzip ja: Ich führe dem Wasser Energie zu, aber nur in Form von Wärme. Und mehr als ca. 100 °C kann ich sowieso nicht erreichen, weil das Wasser dann – wie oben beschrieben – verdampft. Mit jeder weiteren Energie heize ich also nur meine Küche. Und auch, wenn die Energie des heißen Wassers in der Tat auf mich übergeht, wenn ich es trinke, so heißt das nur, dass ich mir gehörig den Mund verbrenne, wenn ich es wirklich so heiß trinke. Ich muss das Wasser also erst genügend abkühlen lassen. Und dann hätte ich es auch gar nicht erst so stark zu erhitzen brauchen.

Wie man es dreht und wendet: Wasser bleibt Wasser

Wenn man Wasser kocht, bleibt es Wasser. H2O. Verdampft dabei Wasser, wird es im Topf weniger Wasser. Aber es ist immer noch Wasser. Da werden keine Moleküle verdichtet oder neu angeordnet. In einer Flüssigkeit wuseln die Moleküle sowieso ständig durch die Gegend, eben weil es eine Flüssigkeit ist. Es entsteht lediglich eine höhere Konzentration von Stoffen darin, die nicht mit verdunstet sind.

Wenn Leute Stein und Bein schwören, dass ihnen das mit dem eingekochten Wasser wirklich hilft, dann handelt es sich entweder um einen Placebo-Effekt, oder einfach um den psychologischen Effekt eines kleinen „Wasser-Rituals“ am Morgen. Aber das kann man auch anders haben, ohne physikalischen und chemischen Blödsinn, was Moleküle angeht.

Ich nehme dafür einfach Kaffee.

Autor: Rüdiger, mimikama.at

Quellen

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