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Gegen Ende März 2016 schaffte es mal wieder ein Twittertrend, das Volk zu entzweien. Unter dem Hashtag #ImZugpassiert erzählten weibliche Tweeter von unangenehmen Erlebnissen in der Bahn, wodurch auf 140 Zeichen begrenzt eine Feminismus-Debatte entbrannte, welche darin gipfelte, dass eine Regionalbahn nun spezielle Frauenabteile einführen möchte. Männchen und Weibchen ab jetzt nur getrennt? Wir betrachten mal die Hintergründe dieser kuriosen Meldung, beleuchten auch einige Aussagen von Facebook-Seiten und Politikern und enden mit einem Appell.

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Kein Scherz – Die Meldung

„Die mitteldeutsche Regiobahn führt spezielle Frauenabteile ein. Wie das Unternehmen MRB mitteilte, sollen sie in den Zügen zwischen Leipzig und Chemnitz eingerichtet werden. Sie seien auch für Mütter mit Kindern gedacht. In jedem Zug der Regional-Expresslinie RE 6 würden in den kommenden Wochen jeweils zwei Frauenabteile zur Verfügung stehen. Dadurch solle das Sicherheitsgefühl der weiblichen Fahrgäste gestärkt werden.“

Quelle: mdr Info auf Twitter

Auf Nachfrage des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr) teilte ein Sprecher der MRB mit:

„Es hat nichts mit sexueller Belästigung zu tun. Dies ist eine zusätzliche Service-Leistung nach Vorbild der Österreichischen Bahn und in Anlehnung an ICE und IC.“


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Ich hab eine Mumu, ich brauche Schutz!

Die äußerst dürftige Erklärung der MRB lässt viel Platz für Spekulationen. Welche Service-Leistung wird denn genau damit geboten, wenn Frauen Extra-Abteile bekommen? Wem fällt da nicht zuerst der Schutz vor sexueller Belästigung ein? Wem ist damit gedient, dass im Gegenzug Männer mal wieder als potentielle Vergewaltiger hingestellt werden, vor denen frau geschützt werden muss? „Gleichberechtigung von Mann und Frau, ja. Aber Frauen sind gleicher!“, hört man da raus.

Midnight Meat Train – Die Meldung wird propagandistisch ausgeschlachtet

Die AfD, allen voran Dr. Frauke Petry, sahen die Gunst der Stunde, dadurch wieder einmal Wählerstimmen zu gewinnen. Wohlwissend, dass diese Nachricht ein echter Aufreger ist, wird dem Volk aufs Maul geschaut und nachgeplappert, auch wenn das eigene Grundsatzprogramm Frauen lieber am Herd und mit vier Kindern sieht, als in der Arbeitswelt: Wir drehen jetzt einfach mal das Fähnchen, machen einen auf „Partei der Gleichberechtigung“ und streuen noch unterschwellig ein „Das liegt nur an diesen Flüchtlingen“ mit ein:

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„Frauenabteile im Zug – Wenn eine Armlänge Abstand nicht mehr reicht…“

…so witzelt das Meme der AfD, indem es auf die Vorfälle von Silvester 2015 am Kölner Bahnhof anspielt.

Noch deutlicher wird das Anonymous.Kollektiv, auch bekannt als „Fake Anonymous“, indem sie von der „kriminellen Schundregierung“ schreiben, die nicht in der Lage sei, Frauen und Kinder „vor den sexuellen Übergriffen testosterongesteuerter Migranten“ zu schützen.

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Regensburg? Da auch?

Nun liegt doch schon die klare Aussage vor, dass jene Abteile in einer Regionalbahn zwischen Chemnitz und Leipzig eingesetzt werden. „Fake Anonymous“ schafft es trotzdem, die Meldung zu verhunzen: Im November 2015 wurde vom Regensburger Stadtrat Christian Janele von der CSB (Christlich-soziale Bürger) jener Vorschlag unterbreitet und im Januar 2016 vom Regensburger Verkehrsverbund abgelehnt. Regensburger Busse und Bahnen bleiben somit unisex.

Strikte Geschlechtertrennung – tatsächlich nur in totalitären Regimen?

„Fake Anonymous“ setzt noch einen drauf: Angeblich gäbe es diese Art der Geschlechtertrennung nur in „totalitären Regimen“ wie Saudi-Arabien oder Israel. Sie schaffen es also, die Meldung komplett umzudrehen: Frauenabteile seien nicht etwa zum Schutz der Frauen da, sondern um sie zu unterdrücken und von dem edlen Männergeschlecht fern zu halten.

Doch werfen wir mal einen Blick über die Grenzen:
Außerhalb Europas, unter anderem in Indonesien, Indien, Japan und Mexiko, also in Ländern, in denen es tatsächlich eine erhöhte Anzahl von sexuellen Übergriffen auf Frauen gibt, werden reine Frauenabteile schon lange eingesetzt, so die „Huffington Post“. Von einer zusätzlichen Unterdrückung von Frauen kann da keineswegs die Rede sein.

In Europa selber kann man sich mit dem Gedanken nicht wirklich anfreunden. In Großbritannien wurden Frauenabteile bereits 1977 abgeschafft, da von beispielsweise 1000 Plätzen nur 248 genutzt wurden, ein Großteil der Frauen saß lieber zusammen mit Männern in den Raucherabteilen. In Tschechien scheiterte 2012 der Versuch, Frauenabteile einzuführen, an der Klage einer Organisation zum Schutz der Rechte von Vätern.

Wird es solche Abteile bald überall geben?

Lassen wir den Zug mal im Bahnhof: Es wird jetzt keine bundesweite Geschlechtertrennung von Frauen in der Bahn geben. Einzig und alleine die Mitteldeutsche Regionalbahn (MRB), ein privates Konkurrenzunternehmen zur Deutschen Bahn, möchte diese Abteile auf einer Teilstrecke zwischen Chemnitz und Leipzig einsetzen. Wie aber ein Sprecher der Deutschen Bahn gegenüber „Westfalenpost“ versicherte, habe die DB keinerlei Pläne diesbezüglich. Zwar seien sexuelle Belästigungen von Frauen zu verurteilen und zu ahnden, dafür sei aber dann die Bundespolizei zuständig.

Der Sonderzug nach Pankow

Wie ja mittlerweile recht eindeutig ist, hat man anscheinend gerade im Osten Deutschlands große Angst vor Flüchtlingen. Ja, wir nennen das jetzt mal wirklich Angst. Nicht Hass. Denn um gehasst zu werden, muss man sich erst einmal etwas zuschulden kommen lassen. Und auch wenn es tatsächlich auch kriminelle Flüchtlinge gibt, so hat das in der Kriminalstatistik so gut wie nichts geändert. Die Angst vor dem Flüchtling, dem unbekannten Wesen, herrscht aber trotzdem vor, so dass die MRB im Osten Deutschlands den ängstlichen Frauen dort entgegenkommt: eigene Abteile nur für Frauen, dann kann euch auch niemand etwas tun.

Und wer weiß, vielleicht hat das sogar was Gutes: vielleicht werden sich auch allein reisende Flüchtlingsfrauen dort hinsetzen. Vielleicht kommt es dann auch zu Dialogen von Frau zu Frau. Und vielleicht kann sich dadurch die Angstschwelle zwischen den Kulturen ein wenig lösen. Zu wünschen wäre es.

Fazit:

Man kann diese Frauenabteile nun als Diskriminierung der Männer sehen, die dadurch als potentielle Vergewaltiger hingestellt werden. Man kann sie auch als Diskriminierung der Frauen sehen, die dadurch wieder zu einem schwachen Geschlecht degradiert werden, das sich nicht wehren kann. Unsichere Frauen werden diese Abteile begrüßen. Selbstsichere Frauen werden diese Abteile nicht nötig haben. Aus Sicht der MRB gibt es aber wohl nur unsichere Frauen. Nicht aber unsichere Männer, denn Männer kommen mit jedem Geschlecht zurecht. Die brauchen kein Sonderabteil, denn wer einen Dingelidong hat, der beherrscht die Zugwelt.

Liebe MRB,
denkt doch noch einmal darüber nach, ob ihr den richtigen Schritt damit tut. Ist es nicht ein Wesenszug der Gleichberechtigung, dass kein Geschlecht bevorzugt oder benachteiligt wird? Wenn ihr schon so um die Sicherheit der reisenden Frauen besorgt seid, wäre es da nicht sinnvoller, mehr Wachpersonal einzustellen? Oder ist euch das zu teuer? Malt ihr dann lieber mit Edding „Frauenabteil“ auf einen Waggon, und glaubt, dass damit ein Problem gelöst sei und ihr eure Schuldigkeit getan habt?

Denn wenn es vielleicht vermehrt zu sexuellen Übergriffen in eurer Bahn kommt, solltet ihr wirklich an mehr Wachpersonal denken. Wir wissen es nicht, wir kennen nicht die Statistiken der Bundespolizei für eure Bahnstrecke. Mit euren Sonderabteilen für Frauen setzt ihr jedoch ein falsches Signal. Ihr diskriminiert Männer UND Frauen. Ihr stellt die eine Seite als Löwen dar und die andere Seite als Gazellen. Von dem Problem, was Transgender-Personen, also Menschen mit den Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter, damit haben, wollen wir gar nicht erst anfangen, aber Jene zählen dann doch eher zu einer Minderheit.

Wir wissen, dass ihr euch von unserem Artikel ganz sicher nicht überzeugen lasst. Vielleicht lest ihr den Artikel, schmunzelt kurz und klickt dann weiter. Aber wir wissen, dass Frauen, die diese Bahnstrecke nutzen, diesen Artikel lesen, und genau an die appellieren wir:

Nutzt die Chance einfach. Kehrt die teilweise hetzerischen Aussagen einer AfD und eines „Fake Anonymous“ ins Gegenteil um. Wenn ihr in einem solchen Abteil eine Flüchtlingsfrau seht, dann sprecht sie an. Seid sozial. Redet von Frau zu Frau. Interessiert euch für euer Gegenüber.

Ihr werdet erstaunt sein, wenn ihr feststellt, dass diese seltsame Dame mit Kopftuch oder Schleier nämlich vor allem eines ist: ein Mensch.

Autor: Ralf, mimikama.at