Im mit Sensationen überladenen Internet braucht es schon eine knallige Überschrift, um Leser anzulocken. „Clickbaiting“ nennt man das.

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Mimikama: Halbwahrheit

Und da es auch sehr viele Nur-Überschriften-Leser gibt, verteilen sich auch solche Meldungen sehr gut, auch wenn sogar im Artikel selber die Überschrift abgeschwächt wird.

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„Wenn Du Traubenzucker in der Halloween-Tüte Deiner Kinder findest, dann schmeiß es dieses Jahr weg!“

So brüllt einem die Überschrift der Seite „Buzzhearts“ entgegen. Auf manchen seien Totenköpfe, auf anderen sogar (!) das Superman Zeichen drauf gedruckt. Das klingt gefährlich, also lesen wir den Artikel mal weiter (Ja, wir machen sowas. Ganze Artikel lesen. Ist eine aussterbende Kunstform, wissen wir.)

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„Wenn Du unter den Süßigkeiten, die Deine Kinder dieses Jahr mit nach Hause bringen, bunte Pillen mit lustigen Figuren darauf findest, dann sei gewarnt! Es handelt sich dabei NICHT um Süßigkeiten, sondern um eine große Gefahr für Kinder!“

So weit, so beunruhigend. Und tatsächlich ist dies nicht einmal eine an den Haaren herbeigezogene Story, sondern in der Tat warnt das Jackson, MS Metro Police Department in einer Statusmeldung auf Facebook mit genau jenem Bild.

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Man darf in jenem Fall also „Buzzhearts“ keinen Vorwurf machen, schließlich warnt eine offizielle Polizeiseite vor jenen Drogen.

Aber hat die Polizei auch recht?

Im Prinzip ja. Auf dem Bild sind tatsächlich sogenannte Ecstasy-Pillen zu sehen, wie sie auch (natürlich illegal) erhältlich sind. Und ja, durch eine Überdosis davon können Kinder sterben. Und ja, man kann diese Pillen sehr leicht mit Süßigkeiten verwechseln.

Aber nein, es fand sich noch nie Ecstasy in Halloween-Tüten

Ein findiger Facebook-User hat ausgerechnet, dass auf dem Bild Ecstasy im Wert von 350 Dollar zu sehen ist. Wir haben nicht gefragt, warum er das so genau weiß, dies ist aber irrelevant, auch wenn man sich fragt, welcher Dealer so viel zu verschenken hat, um Kinder zu ärgern. Wichtiger ist, dass wir es hier mit einer typischen, jedes Jahr aufkommenden Urban Legend zu tun haben.

Woher wollt ihr denn das wissen?

Indem wir nachschauen, ob es irgendwelche offiziellen Fälle gibt, in denen Kinder mittels vermeintlicher Halloween-Süßigkeiten vergiftet wurden. Wie die Kollegen von snopes.com berichten, wurde in einem Artikel der Los Angeles Times beleuchtet, dass es von 1958-1988 ganze 78 Fälle von gesundheitlichen Schäden durch Halloween-Süßigkeiten gab, die meisten stellten sich als sehr schlechter Scherz raus. Auch gab es zwei Todesfälle. In dem einen Fall wurde das Kind absichtlich vom Vater vergiftet, im anderen Fall starb das Kind an einer Überdosis Heroin – es hatte den Heroin-Vorrat des Vaters gefunden und hielt es für eine Süßigkeit.

Und die gesundheitlichen Schäden der 78? Drogen?

Nein, sondern tatsächlich wurden in jenen 78 Fällen Nadeln oder Rasierklingen in Obst gefunden, wodurch es zu Schnittwunden im Mund- und Rachenbereich kam. In den meisten Fällen konnte ermittelt werden, dass jenes präparierte Obst von anderen Kindern in die Tüten geschmuggelt wurde.

Wie schaut die Statistik hierzulande aus?

Null. Nix. Nada. Auch wenn sich Halloween hierzulande wachsender Beliebtheit erfreut, so gibt es bisher keinen einzigen Fall, in dem Kindern Drogen in die Halloween-Tüten geworfen wurden. Nichtsdestotrotz sollten Eltern immer darauf achten, was ihre Kinder essen und was in ihren Tüten ist, so unwahrscheinlich die Gefahr auch ist!

Warum diese Panik immer an Halloween?

Seit Jahrzehnten wird vor Halloween-Süßigkeiten gewarnt, und der Grund ist einfach:
364 Tage im Jahr sagen Eltern ihren Kindern, dass sie keine Süßigkeiten von Fremden annehmen sollen. Und an jenem einen Tag im Jahr wird es ihnen erlaubt. Natürlich machen sich dann Eltern sorgen, dass unter den Süßigkeiten-Spendern irgendein Irrer ist, der die Kinder vergiften will. Das ist nur verständlich. Genau aus jenem Grund entstanden jene Urban Legends über „Fremde, die Drogen an Kinder verteilen“.

Fazit:

Ja, liebe Eltern, achtet bitte darauf, was eure Kinder an Halloween in den Tüten haben. Seid ruhig besorgt. Immer. Wir wissen, dass euch eure Kinder am Herzen liegen. Aber bitte lasst euch nicht unnötig durch solche Schauergeschichten in Panik versetzen!

Trick or Treat!

Autor: Ralf, mimikama.at

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