Ein Auszug aus einem typischen Arbeitstag bei Mimikama.

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„Plingoo” schallt es durch den hellen Büroraum im 3. Wiener Gemeindebezirk. Wieder ist eine E-Mail eingetroffen, eine von rund 130 Benachrichtigungen, die am heutigen Tag wohl eintreffen werden. Die schwarze Zahl der Mengenangabe meiner E-Mail im Postfach färbt sich blau und erhöht sich um +1.

Neugierig öffne ich das Postfach, habe gerade ein wenig Zeit und vielleicht findet sich ja mal ein brandneuer Fake dazwischen. „Überprüfung erbeten! Soll der Polizei bereits gemeldet worden sein” spricht mich die Anfrage aus unserem „Fake melden” Formular an. Ich ahne bereits, was dahinter steckt.

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„Tom, ich glaube, wir haben wieder eine Anfrage zu den vergifteten CDs.” prognostiziere ich über meinen Bildschirm hinweg zu Chef Tom. Wir sitzen uns bei der Arbeit direkt gegenüber, uns trennen lediglich gut 1,50 Meter und zwei Bildschirme.

„Ja, ist auch erst die Dritte heute.” antwortet mir eine Stimme, zu der ich täglich immer nur einen Haarbüschel und eine Stirn sehe. Wenn ich so genau hinschaue, dann bemerke ich, dass Toms Haar immer grauer wird. Auch die Stirn war schon mal kleiner. Ich frage mich, ob das an der Arbeit liegt (meine Stirn war übrigens auch schon mal kleiner).

Ich schaue durch die Anfragen und kann Tom nur zustimmen. Auch die gerade herein gekommene Anfrage hat sich als Frage zu dem Kettenbrief entpuppt, welcher vor chemischen Substanzen an CDs warnt, die angeblich Koranverse enthalten.  Wieder eine dieser vielen islamophoben Falschmeldungen, nur diese hier hat es geschafft, in Form eines Kettenbriefes zu einer urbanen Legende zu werden.

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Das letzte Mal habe ich am 25. Oktober dazu einen Artikel veröffentlicht.” murmelt mir Tom durch die Luft zu. Ich nicke, weiß dabei genau, dass er mein Nicken eh nicht sehen kann. Schweigen herrscht. Da ich gerade mit meinem Artikel über „Schrödingers Zwarte Piet” fertig geworden bin (“Besorgte Bürger so: diese Schokofigur ist die Islamisierung des Abendlandes / Besorgte Bürger so: wir lassen uns den Zwarte Piet nicht wegnehmen”), habe ich etwas Luft und schaue mir alle eingegangenen Mails an.

Oh, das Führerscheinverbot ist wieder da!” entweicht es mir. Beim angeblichen Führerscheinverbot handelt es sich um eine absichtlich erfundene Falschmeldung, die über einen Ableger der Fake-News Webseite 24aktuelles .com erschaffen wurde. Dieser Fake besagt, dass der Führerschein ab 2019 nicht mehr Führerschein heißen darf, sondern den Begriff Fahrerlaubnis tragen muss und somit alle heute gültigen Führerscheine ihre Gültigkeit verlieren.

Ist natürlich Bullshit. aber hey, so ein oder zwei Fragen kommen seit geraumer Zeit täglich dazu herein.

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„Da siehst du mal, wie viel Unsicherheit herrscht!”, fügt Tom hinzu. Ja, er hat Recht. Es ist die Unsicherheit. Das hat nichts mit Dummheit zu tun, sondern eher damit, dass man unsicher ist und oftmals auch ein wenig überfordert mit den vielen dramatischen Meldungen im Netz. Überfordert zum einen, aber ich muss auch kritisieren, oftmals zu oberflächlich in der Wahrnehmung der vielen Informationen.

Ich markiere den Kollegen Mike auf Facebook mit der Frage, ob er das Thema nicht erneut aufgreifen möchte. Er hat morgens bereits angekündigt, dass er sehr dankbar wäre, heute ein oder zwei Themen bearbeiten zu dürfen. Ich halte dieses Thema für angemessen, da er vielleicht eine neue Nuance in die Publikation einbauen könnte, die Katrin, Tom oder ich in den vorherigen Veröffentlichungen nicht drin hatten.

Mike ist zufrieden, meldete sich auch prompt auf die Markierung. Das Thema ist letztendlich nicht schwer, die Schwierigkeit liegt eher darin, es so zu beschreiben, dass die Auflösung auch in den Köpfen hängen bleibt, denn erfahrungsgemäß ist eine Falschmeldung in puncto Festsetzen im Hirn wesentlich erfolgreicher als die Richtigstellung, was natürlich daran liegt, dass sie sich diverser Emotionen bedient. Wut, Angst, Verlangen sind häufig genutzte Trigger, um Menschen dahin zu bewegen, eine Falschmeldung zu glauben. Die Aufklärung oder Richtigstellung ist da echt langweilig und ich verstehe es, wenn Menschen sich durch eine langweilige und gar besserwisserische (wenngleich richtige) Aufklärung verärgert fühlen.

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Während ich so sinniere, was uns alles in den letzten Jahren an Beschimpfungen entgegengebracht wurde, kommt per E-Mail der Artikel von Mike herein. Er ist kürzer und auch anders, als ich ihn geschrieben hätte. Das ist nicht nur gut so, sondern auch genau das, was ich wollte, denn jeder von uns aus dem Team hat einen anderen Zugang zu einem Inhalt und ich bin davon überzeugt, dass man selbst auf Dauer auch Schreibblind wird.

Man verfällt in Floskeln, nutzt immer wieder dieselben Floskeln und verkommt zur reinen Kopie seiner selbst. Ich habe schon häufig überlegt, ob ich nicht zwischendurch auch mal als Gastautor etwas auf einem Kochblog oder Reiseblog verfasse. Meinen kleinen Ausflug zu den Ruhrbaronen neulich empfand ich beispielsweise als erfrischend, obschon ich dasselbe Thema bei uns direkt auch verwursten konnte. Also doch mal Rezepte oder Reisen, ja vielleicht gar Mode ausprobieren. Ein Text über die Renaissance der Skater-Klamotten aus den 90ern vielleicht…

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Über die Wichtigkeit des Kampfes gegen Windmühlen

Du, gegen Wochenende müssen wir trotzdem nochmal über die vergifteten CDs schreiben. Das geht gerade in WhatsApp-Gruppen stark umher.” Stimmt, seit neuestem haben wir ja eine offizielle Mobilrufnummer, über die man uns WhatsApp Inhalte senden kann. Tom schaut gerade die einzelnen Eingänge an und staunt, weil die vergifteten CDs derzeit der absolute Renner unter den typischen Fakes bei WhatsApp sind.

Gerade auf WhatsApp fällt das Monitoring schwer, da man ja nicht in einzelne Gruppen hereinschauen kann. Man kann ebenso nicht feststellen, welche Kettenbriefe derzeit versendet werden, so sind wir natürlich froh über jede Anfrage (und sei sie noch so doppelt, dreifach oder vierfach), die uns eine gewisse Übersicht beschert, was denn gerade so geteilt wird.

Und ob wir jetzt zum ersten oder zum zehnten Mal über den Fake mit den vergifteten CDs berichten, es muss immer dieselbe Priorität haben, denn den Fake selber kümmert es ja auch nicht, wie oft er aufgekocht wurde. Wenn ein falscher Kettenbrief immer und immer wieder auftaucht, dann werden wir ihm als Gegengewicht immer und immer wieder mit unseren Lanzen entgegentreten.

Ach, ihr lieben sozialen Netzwerke

Es ist einfach so, dass man irgendwie immer wieder von neuem anfängt. Irgendwie kommen immer wieder die alten Geschichten auf den Tisch, vor gut 4 Wochen ist beispielsweise flächendeckend ein alter Fake aus dem Jahr 2011 wieder verteilt worden, wir kamen kaum dagegen an. Und so wird es auch bleiben, die alten Methoden tauchen immer wieder auf, manche Fakes mutieren, manche bleiben unverändert. Nur wenige verschwinden.

Ich lehne mich zurück, scrolle zur Entspannung und Abwechslung durch meine Timeline auf Facebook. Mache ich häufig so, da ich meine Filterbubble sehr mag und auch das Glück habe, beruflich hin und wieder einfach planlos durch den Newsstream zu scrollen. Heute habe ich Glück, denn heute gibt es mal was Heiteres zu sehen, obwohl der Anlass wie immer nicht so heiter ist.


(Anmerkung falls Statustext nicht sichtbar: „Georg W. aus Zwickau schreibt mir: „Beweisen Sie, dass Sie Deutscher sind!!! Ein deutscher Pass genügt nicht!!!“Na gut, Georg, alte Blockflöte, hier der Beweis!“)

Meist ist es eben so. Soziale Netzwerke bergen ein tiefes Hasspotential in sich, dabei sind sie doch erschaffen worden, um genau das Gegenteil zu erreichen. Ein Aufbau von Kontakten, konstruktive Kommunikation untereinander und Vernetzung. Ich werde die Hoffnung auch nicht aufgeben, dass am Ende diese Art der Kommunikation siegen wird.

Daher werde ich weiter täglich meinen Beitrag leisten, so wie auch Tom und alle anderen im Team diese Idee verfolgen. Ob es am Ende immer wieder Windmühlen sind, oder uns doch auch Riesen gegenüber stehen, das wird sich mit der Zeit zeigen.

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