Faktencheck: „Die traurige Geschichte hinter dem Klassiker The Green Mile…“

Von | 27. August 2019, 15:16

In mehreren Beiträgen auf Facebook und Twitter wird die Geschichte von George Stinney Jr. erzählt, der mit 14 Jahren die jüngste, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Person war.

In den Beiträgen auf Facebook, die man auf Englisch und Deutsch findet, wird die Geschichte im Großen und Ganzen richtig erzählt, enthält allerdings auch einige Fehler und Unklarheiten, auf die wir eingehen möchten.

"Die traurige Geschichte hinter dem Klassiker TheGreenMile kannte ich nicht 😿George Stinney Jr. war die jüngste…

Gepostet von Boban Desine am Sonntag, 25. August 2019

„Die traurige Geschichte hinter dem Klassiker TheGreenMile kannte ich nicht 😿

George Stinney Jr. war die jüngste Person, die im 20. Jahrhundert in den USA zum Tode verurteilt wurde. Er war erst 14 Jahre alt, als er von einem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde.

Während seiner Gerichtsverhandlung hatte er bis zum Tag seiner Hinrichtung immer eine Bibel in der Hand und behauptete, unschuldig zu sein. Er wurde beschuldigt, zwei weiße Mädchen getötet zu haben, Betty von 11 Jahren und Mary von 7 Jahren. Die Leichen wurden in der Nähe des Hauses gefunden, in dem der Teenager bei seinen Eltern wohnte. Zu dieser Zeit waren alle Geschworenen weiß.

Der Prozess dauerte nur 2 Stunden und das Urteil wurde 10 Minuten später ausgesprochen. Die Eltern des Kindes wurden bedroht und daran gehindert, ihm Geschenke im Gerichtssaal zu geben und sie dann aus dieser Stadt zu vertreiben. Vor der Hinrichtung verbrachte George 81 Tage, ohne seine Eltern sehen zu können. Er war in einer Einzelzelle gefangen, 80 km von seiner Stadt entfernt. Er wurde allein ohne die Anwesenheit seiner Eltern oder eines Anwalts gehört.

Er wurde mit 5.380 Volt am Kopf durch einen Stromschlag getötet. 70 Jahre später wurde seine Unschuld schließlich von einem Richter in South Carolina bewiesen. Der Strahl, mit dem die beiden Mädchen getötet wurden, wog mehr als 19,07 Kilogramm. Daher war es für Stinney unmöglich, ihn zu heben, geschweige denn hart genug zu schlagen, um die beiden Mädchen zu töten. Das Kind war unschuldig, jemand fügte alles zusammen, um ihm die Schuld zu geben, nur weil es schwarz war.

Stephen King ließ sich von diesem Fall inspirieren, sein Buch #TheGreenMile zu schreiben, das 1999 in die Kinos kam.“

Die Bilder

Das Schwarz-Weiß Foto in dem Tweet zeigt den echten George Stinney Jr., der am 16. Juni 1944 im Alter von 14 Jahren auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Die anderen Bilder auf Twitter und Facebook stammen aus dem Film „Carolina Skeletons“ (deutscher Titel: „Das Ende des Schweigens“) von 1991, dem der Fall als Grundlage dient. Der Film wiederum basiert auf der Novelle „Carolina Skeletons“ von 1988. Die Bildern sind Screenshots der Hinrichtungsszene des Jungen, der im Roman und im Film „Linus Bragg“ heißt.

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Die Fakten

George Sinney Jr. wurde nicht nach 70 Jahren freigesprochen

Die Geschwister Georges, Charles Stinney, Catherine Stinney Robinson und Amy Ruffner, beantragten 2014 eine Wiederaufnahme des Falles nach dem sogenannten „Coram nobis“ (lateinisch für „in unserer Gegenwart“). Bei dieser Art von Anträgen geht es darum, dass das Gericht einen vorher getätigten Irrtum zugibt und möglichst korrigiert.

Richterin Carmen Tevis Mullen stimmte dem Antrag am 17. Dezember 2014 zu. Sie hat George Stinney Jr. allerdings nicht freigesprochen, sondern streng genommen nur die Verurteilung aufgehoben. Ein Freispruch kann nur in einem neuen Prozess erfolgen, der jedoch nicht stattfinden kann, da sowohl der Junge als auch potentielle Zeugen tot sind. Es gibt kaum noch Dokumente über den Fall, physische Beweismittel existieren nicht mehr.

Zu einer Aufhebung des Urteils konnte es aber kommen, da das Gericht damals, wie Richterin Mullen feststellte, nicht ordnungsgemäß arbeitete. Beispielsweise wurden keine Zeugen gehört (seine Geschwister beteuern, dass der Junge zum Tatzeitpunkt zu Hause war), die verfassungsmäßigen Rechte des Jungen wurden nicht beachtet, das Tatwerkzeug war unklar, der Pflichtanwalt des Jungen legte keine Berufung gegen das Urteil ein, obwohl dies möglich gewesen wäre.

Die Mädchen wurden nicht in der Nähe seines Hauses gefunden

Die Anwälte der Familie Stinney vermuten, dass es sich bei dem Tatwerkzeug um ein 30 Zentimeter langes und breites Stück Metall oder Eisen handelte, welches beim Schienenbau, aber auch auf Holzverarbeitungsplätzen Verwendung fand.
So wird vermutet, dass der wahre Täter der mittlerweile verstorbene Sohn eines Sägewerkbesitzers war, auf dessen Grundstück die Leichen der Mädchen gefunden wurden.

Es ist unklar, ob der Junge immer eine Bibel in der Hand hatte

Einzig belegt durch verschiedene Zeitungsartikel, die die Kollegen von „Snopes“ gefunden haben, ist dass George während seiner Hinrichtung eine Bibel unter dem Arm hatte.

George hatte einen Anwalt

Dies macht den Fall eigentlich noch erschreckender, denn mit Charles H. Plowden hatte George zwar einen Anwalt, der jedoch eher gegen den Jungen arbeitete: er erhob keinen Einspruch gegen die rein weiße Jury, er rief keine Zeugen auf (wie oben erwähnt hatten die Geschwister ein Alibi für George), er verlangte keine Beweisstücke während des sehr kurzen Prozesses und legte auch keine Berufung gegen das Todesurteil ein.

Die Spannungsstärke betrug 2.400 Volt

Zugegeben, dies ist jetzt nicht unbedingt ausschlaggebend, da sowohl 2.400 Volt, wie Charles Kelly in seinem Buch „Next Stop, Eternity“ beschreibt, als auch die im Posting geschriebenen 5.380 Volt tödlich sind.
Nach dem ersten Stromstoß von 2.400 Volt rutschte George die Maske vom Gesicht, seine Augen waren offen. Danach bekam er noch zwei weitere Stromstöße von 1.400 Volt und 500 Volt, bis er für tot erklärt wurde.

Es ist unklar, ob Stephen King davon inspiriert wurde

Die Geschichte erinnert an die Stephen King-Novelle „The Green Mile“, da dort ebenfalls ein Schwarzer zum Tode verurteilt wurde, da er zwei kleine Mädchen umgebracht haben sollte. Allerdings findet sich keine Aussage Kings, dass der Fall von George Stinney Jr. ihm als Grundlage zu dieser Geschichte diente.
Jene Tat spielt auch in dem Buch eher eine Nebenrolle als Begründung, warum Coffey im Todestrakt saß, und spielte sich ganz anders ab, da in dem Roman ja John Coffey tatsächlich bei den toten Mädchen aufgegriffen wurde, er also subjektiv für Zeugen als schuldig galt, auch wenn sie die Tat selbst nicht sahen.

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Fazit

Die auf Facebook und Twitter geschilderte Geschichte ist in großen Teilen korrekt. Jedoch wurde er nicht nach 70 Jahren freigesprochen, sondern die Veurteilung wurde aufgrund von Verfahrensfehlern aufgehoben. Zudem stimmen einige Details der Geschichte nicht, welche jedoch die Geschichte selbst nicht weniger erschreckend machen.

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