„Es ist gut so, daß Deutsche bald in der Minderheit sind“ – Nein, das sagte sie nie!

Von | 6. September 2018, 11:56

Aktuell verbreitet sich wieder ein Bild mit einem angeblichen Zitat der Grünen-Abgeordneten Stefanie von Berg.

Auf jenem Bild wird behauptet, Stefanie von Berg habe folgendes gesagt:

„Es ist gut so, daß wir Deutsche bald in der Minderheit sind.“

Screenshot mimikama.at

Screenshot mimikama.at

Die Behauptung, dass Frau von Berg dies gesagt habe, geistert bereits seit Anfang 2016 durchs Internet.

Hat sie das wirklich gesagt?

Nein. Dabei handelt es sich nicht um ein wörtliches Zitat, sondern um eine Interpretation aufgrund einer kurzen Rede, die Frau von Berg am 11.11.2015 hielt. Sie hat diese Rede übrigens auch selbst auf Youtube hochgeladen, hier könnt ihr diese euch anschauen:

Zwei Sätze aus der Rede werden auf dem Bild als Grundlage der Interpretation verwendet.

  1. Ich bin der Auffassung, dass wir in 20, 30 Jahren gar keine ethnischen Mehrheiten mehr haben in unserer Stadt.
  2. Und ich sage Ihnen ganz deutlich (…): Das ist gut so.

Man beachte den kleinen, aber bedeutenden Unterschied:
Aus „keine ethnischen Mehrheiten“ (bedeutet: gleicher Anteil aller Ethnien) wird in der Interpretation auf dem Bild ein „Deutsche sind bald in der Minderheit“.

So kann man das zwar interpretieren, wenn man nur zwei Gruppen kennt, nämlich Deutsche und den Rest der Welt, ist aber, wenn man sich die ganze Rede anhört, eine Fehlinterpretation. Sie geht nämlich speziell auf die Probleme und Herausforderungen ein, die eine Vielzahl von Ethnien mit sich bringen. Auch richtet sich der Satz „Das ist gut so“, wie sie betont, speziell an die AfD, um jenen zu sagen, dass sie nichts gegen mehrere Ethnien an einem Ort hat.

Es gab Drohungen

Bereits im Dezember 2015 thematisierte Die Zeit diese Rede und ihre Konsequenzen recht umfangreich. Diese Reduktion der Rede auf diesen Bereich inklusive der Invertierung der Aussage bescherte der Politikerin im November 2015 bereits Drohungen. Neben Morddrohungen gab es auch sexuell aggressive Drohungen. So schrieb Die Zeit am 29. Dezember 2015:

„Die Morddrohungen haben mich am Anfang erschreckt“, sagt sie. „Aber nachhaltig verletzend finde ich die vielen, vielen sexuellen Bemerkungen: Ich sei lesbisch, untervögelt, müsse mal richtig vergewaltigt werden – das hat mich schockiert.“

Die Folgen solcher Sharepics: Ein Interview

Kollege Andre Wolf durfte 2017, als das Bild immer noch verbreitet wurde, ein Interview mit Stefanie von Berg führen, welches wir hier noch einmal wiedergeben möchten.

Frau von Berg, dieses Sharepic dürfte Ihnen durchaus bekannt sein. Wann sind sie zum ersten Mal auf dieses Bild aufmerksam gemacht worden (und was waren die ersten Reaktionen der Menschen)?

Anfang Januar 2016 erhielt ich persönliche Nachrichten auf Facebook s mit größtenteils sehr beleidigenden Inhalten. Auslöser war ganz offensichtlich dieses Bild, denn es wurde immer mitgesendet. In einigen Nachrichten wurde auch sachlich nachgefragt, ob ich das gesagt habe und warum ich dieser Meinung sei. Ich habe größtenteils auf diese Fragen geantwortet. Zur gleichen Zeit ging eine Welle auf Twitter und per Mail los – auch über Twitter und per Mail erhielt ich viele Beleidigungen und Bedrohungen. Bis heute hat das nicht aufgehört – dieses Sharepic taucht immer wieder auf.

Aus welchem Anlass heraus ist dieser verdrehte Satz entstanden?

In einer Rede in der Hamburgischen Bürgerschaft im November 2015 – in der es eigentlich um die Beschulung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen ging – äußerte ich mich über die Zukunft deutscher Großstädte. Ich führte aus, dass es laut Studien in 20 bis 30 Jahren in deutschen Großstädten keine ethnischen Mehrheiten mehr gäbe, dass wir vielmehr zu einer superkulturellen Gesellschaft würden. Nachdem in den Reihen der AfD Unruhe entstand, fügte ich den Satz hinzu, „Und das ist gut so!“ Etwa zwei Wochen später stellte die AfD-Fraktion Hamburg den Ausschnitt der Rede auf ihrer Facebook-Seite ein. Überschrift des Posts war „Grüne Politikerin lässt Maske fallen“ – meine Aussage wurde dann von der AfD-Fraktion verdreht zu dem im Sharepic genannten Satz.

Kennen sie den Ersteller dieses Sharepics überhaupt – und falls ja: haben Sie sich jemals mit diesem in Verbindung gesetzt

Ich kenne den Ersteller nicht und habe mich daher auch nicht mit ihm in Verbindung setzen können.

Haben sie eine Anzeige erstattet / überlegt, eine Anzeige zu erstatten? (Falls ja: was ist daraus geworden, falls nein: warum nicht?)

Da ich zu dieser Zeit bereits sechs Wochen Shitstorm hinter mir hatte, der immer neue Ausmaße annahm und mir zudem ein Medienanwalt sagte, da könne man eh nichts machen, habe ich nichts weiter unternommen.

Welche Konsequenzen hatte dieses Sharepic für Sie? Gab es bestimmte Anfeindungen oder Drohungen?

Dieses Sharepic hat den Shitstorm erheblich angeheizt und ihm dann noch einmal eine gewaltige Wucht verliehen. Es hat dazu geführt, dass ich nach wie vor Anfeindungen, Beleidigungen und Bedrohungen erhalte.

Wie haben Ihre Bekannten auf das Bild reagiert?

Meine Bekannten sind nicht auf den Seiten im Netz unterwegs, auf denen dieses Bild offensichtlich kursiert (Facebookseiten von rechten Gruppierungen, AfD-Facebookseiten, PI News etc.). Ich bin von Bekannten nie darauf angesprochen worden.

Hat das Bild ihren Ruf in irgendeiner Weise nachhaltig geschädigt?

Ja, da es mich als Deutschenhasserin hinstellt. Ich bin jedoch leidglich Befürworterin einer vielfältigen, liberalen Gesellschaft, weil ich weiß, dass wir alle davon profitieren können in einer globalisierten Welt – wenn wir die Voraussetzungen für Integration schaffen. Diese Auffassung ist völlig verzerrt worden.

Haben sie aktuell noch häufig mit diesem Bild zu tun.

Ich habe nicht mehr so häufig mit diesem Bild zu tun wie noch im letzten Jahr – aber es taucht, wie gesagt, immer wieder auf. Die sozialen Medien vergessen nicht.

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