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Aus Sankt Martin wurde Laternenfest. Ja das stimmt. Und wer sich mit deutscher Geschichte auskennt …

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… sollte wissen, dass dies nicht erst in diesem Jahr geschehen ist. Denn schauen wir einfach mal ein wenig in die Vergangenheit. Die Österreicher mögen es mir als (deutschstämmiger) Autor verzeihen, hier wird es sich um ein hauptsächlich deutsches Phänomen handeln.

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(Screenshot: Facebook, öffentlicher Status)

Und da schauen wir zunächst in die junge Vergangenheit. Ich kann mich da an einen kleinen Jungen erinnern, der im November 1982 im Kindergarten in Peckeloh am Tisch saß und eine Laterne gebastelt hat. Gefreut hat er sich, wirklich! Er übte auch kräftig mit seinen Freunden Lieder, “Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne” stand dabei ganz vorne auf der Liste.

Dieser Junge freute sich auf einen ganz bestimmten Tag, er freute sich auf den Tag, an dem alle Kinder aus dem Kindergarten mit ihren Eltern und dem Musikzug Wiltmann durch den kleinen Ort gehen und dabei die Laterne halten und Lieder singen. Er freute sich genau auf diesen Abend – er freute sich auf das …

… Laternenfest

Ja. Das Laternenfest im Jahre 1982. Und auch 1983 und 1984. Und auch schon vorher, aber auch danach: in diesem kleinen westfälischen Örtchen hieß das immer schon Laternenfest. Sankt Martin? Kannte dort niemand, auch heute noch ist der Brauch des Sankt Martins im Grunde recht unbekannt in dieser Stadt.  Man kennt und feiert dort ein klassisches Laternenfest.

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Das liegt jedoch nicht daran, weil dieser Ort vielleicht einen hohen Anteil an Moslems oder Juden hat – nein, das liegt eher daran, dass dieser Ort stark protestantisch geprägt ist. Und auch immer schon war. Die Ausrichter des Laternenfestes waren immer die (evangelischen) Kindergärten.

Das Laternenfest: eine deutsche Erfindung

Schauen wir nun kulturgeschichtlich ein wenig weiter in die Vergangenheit: Ich habe heute Vormittag mit drei verschiedenen PfarrerInnen in Deutschland telefoniert und wir haben uns über die Namensgebung dieses Festes unterhalten. Ob Sankt Martin oder Laternenfest: auf beiden wird das Gleiche gefeiert. Lediglich der Name ist unterschiedlich und auf Martinsumzügen steht der heilige Martin von Tours im Mittelpunkt, welcher als römischer Soldat gekleidet symbolisch seinen Mantel einem Bettler schenkt. Dieser ist auf Laternenfesten eher nicht zu finden, wobei es auch regional zu Unterschieden oder Mischformen kommen kann.

Aus Sankt Martin wurde Laternenfest

Das ist völlig korrekt und auch eine eine Wandlung, welche in der eigenen Geschichte verwurzelt ist: dass der heilige Marin in weiten Regionen Deutschlands keine Rolle auf Umzügen spielt, wurzelt in der Reformation und den daraus resultierenden Ergebnissen. Faktisch sind knapp 50% aller Christen in Deutschland einer Gemeinde der evangelischen Kirche zugehörig.

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(Screenshot & Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland)

Man muss es auf den Punkt bringen: im protestantischen Glauben gibt es schlichtweg keine Heiligenverehrung. Das trifft in diesem Fall auch auf den Sankt Martin zu (nach dem interessanterweise Martin Luther ja benannt ist). Insofern veranstaltet ein protestantischer Träger (Kindergarten, Kirchengruppe, etc.) eher keinen Sankt Martinsumzug. Es geht sogar so weit: Einzelne stark protestantisch geprägte Gemeinden kennen auch kein Martinssingen, dieser Brauch des von Haus zu Haus Gehens wurde ebenso adaptiert und in Richtung des Reformationstages gezogen, so dass am 1. November die Kinder von Haus zu Haus ziehen (wie z.B. der nicht so sehr bekannte Brauch des “Oller Hilgesmann” am 1. November). Wie gesagt: das ist nicht überall so und auch ein Phänomen in stark Protestantischen Gegenden. Das war immer schon so, das war auch teilweise eine beabsichtigte Adaption katholischer Bräuche mit einhergehender Umbenennung.

Jedoch wurde auch der katholische St. Martin in einigen Regionen adaptiert, und man machte aufgrund der Namensgleichheit hier kurzen Prozess. Die Evangelische Kirche in Deutschland schreibt dazu auf ihrer Homepage:

„So feiert man heute entweder den katholischen Heiligen mit Laternenumzügen und Martinsfeuern oder den Reformator.“
Sprich: man hat gedanklich aus dem Sankt Martin den Martin Luther gemacht.
„Auch in protestantischen Gegenden wird der Martinstag gefeiert, hier teilweise mit Bezug auf Martin Luther. Er wurde am 10. November geboren und am darauffolgenden Tag auf den Namen Martin getauft. „

Also ganz deutlich: seit je her ist in protestantisch geprägten Gegenden tendenziell eher ein Laternenfest anstatt eines Martinsumzuges anzutreffen. Nicht erst seit diesem oder letzten Jahr. Ebenso kennen viele Protestanten gar nicht die Sankt Martinsbräuche (Reiter, Mantel, Martinsfeuer), gerade in den Regionen, wo es wenige Katholiken gibt nicht.

Aktuelle Mischformen (wichtiger Absatz!)

Nun gibt es Mischformen, gerade weil heutzutage die Regionen nicht mehr so stark einseitig konfessionell geprägt sind.  Das ist ganz wichtig an dieser Stelle! Die Festivität an sich hat sich vermischt. Viele Gegenden sind mittlerweile bereits kaum noch homogen konfessionell geprägt. Der Martinsumzug mit seinen Bräuchen ist jedoch, speziell für Kinder, ein erfreuliches Ereignis. Ebenso ist es für Protestanten überhaupt kein Problem einzugestehen, dass die Legende und das Handeln des St. Martin ein positives und durchweg unterstützenswertes Handeln darstellt. Insofern ist es für Protestanten kein Hindernis, an einem Martinsumzug teilzunehmen, im Gegenzug ist es auch für Katholiken kein Problem, an einem Laternenfest teilzunehmen. Dies geschieht auch häufig und daher ist in vielen Regionen auch kein homogenes Fest mehr anzutreffen, sondern eine gemeinsam ausgeübte Festivität, an der Menschen jeder Konfession teilnehmen.

Daher wird auch der Martinsumzug / das Laternenfest regional unterschiedlich genannt und auch unterschiedlich ausgeführt. Dem muss man sich bewusst sein, es handelt sich dabei um Unterschiede, die schon sehr lange existieren. Daher fallen auch die regionalen Mischformen unterschiedlich aus.

Wer bestimmt den Namen

Den Namen hat der Ausrichter immer bestimmt. Ein katholischer Träger wählt wohl eher den Namen “Martinsumzug”, ein protestantischer Träger wird da womöglich doch in Richtung Laternenfest tendieren. Letztere Benennung findet man auch öfter bei konfessionslosen Veranstaltern wie der AWO vor, da der St. Martin schon spezifisch katholisch ist. Es handelt sich hier also um Tendenzen, eine feste, gar gesetzliche Namensbindung gibt es nicht und gab es nie.

Also wenn man schon einen Schuldigen sucht …

… der für die Umbenennung des Martinszuges verantwortlich ist, dann sollte man bitte die Protestanten an den Pranger stellen. Nennt sie beim Namen, es waren Luther, Zwingli, Calvin, Melanchthon oder Bugenhagen, die letztendlich die Auslöser sind, dass katholische Feste umbenannt wurden, damit auch Protestanten diese feiern konnten.

Das ist deutsche Geschichte – das ist deutsche Kultur.

An dieser Stelle möchte ich mich für die weiterführenden Informationen in Bezug auf die praktizierten Konstellationen von Laternenfest und Martinsumzug in den verschiedenen Gemeinden, sowie auch die geschichtlichen Zusammenhänge in Bezug auf die Reformation bei Kirsten und Ulrich Potz, sowie Matthäus Monz bedanken.

Artikel Vorschaubild: Herzstaub / Shutterstock.com & jorisvo / Shutterstock.com