Geschäfte mit abgetrieben Föten – Ein echter Aufreger! Da kochen die Emotionen hoch, da will man laut schreien, aber vor allem: Es bringt Klicks.

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Und wenn es um Klicks geht, muss man es mit den Fakten auch nicht so genau nehmen, wie die Netzfrauen mal wieder eindrucksvoll beweisen.

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Es geht mit einem Schocker-Bild los, ein abgetriebener Fötus in einer Petrischale (Verpixelung von uns). Ein echter Trigger-Garant, das haben die Netzfrauen „richtig“ gemacht. Da ein Bild alleine aber noch keine Story ist, haut uns die Überschrift den nächsten Schock um die Ohren:

„Das schmutzige Geschäft mit abgetriebenen Föten – auch für die Nahrungsindustrie!“

So leitet der Artikel mit der Behauptung ein, es gäbe Firmen, die abgetriebene Föten aufkaufen und gewinnbringend weiterverkaufen. Der Artikel schweift ein wenig zum Abtreibungsgesetz in den USA ab, verlinkt eigene Artikel zum Thema Organhandel und Inhalten von Impfstoffen, bevor er zum eigentlichen Thema kommt, eben der Verwendung von abgetriebenen Föten in der Industrie.

Wir wollen uns jenen Artikel nun einmal Schritt für Schritt vornehmen und die Aussagen überprüfen.

Los geht es mit zwei Absätzen über die Organisation „Planned Parenthood“ in den USA, welche in Hunderten Kliniken medizinische Dienste anbietet, unter anderem auch Abtreibungen.

„2015 gab es einen großen Skandal. Die amerikanische Non-Profit-Organisation sollte abgetriebene Föten an Wissenschaftler vermittelt haben. Dieses wurde von der Organisation bestätigt. In den aufgetauchten Videos erklärte die heimlich gefilmte Direktorin des medizinischen Dienstes der Organisation, wie man den abgetriebenen Fötus zerstört, ohne besonders wertvolle und begehrte Körperteile wie Herz, Lunge und Leber zu beschädigen.“

Richtig, aber…

Die Netzfrauen verweisen diesbezüglich auf einen anderen Artikel von ihnen, der näher auf die Organisation eingeht. Insbesondere ein knapp 9 Minuten langes Video steht im Fokus, wo man sieht, wie die heimlich gefilmte Direktorin Deborah Nucatola von „Planned Parenthood“ jene Aussagen auch bestätigt. Das Material ist auch authentisch, so „Coalfire“, eine Firma, die sich auf digitale Sicherheit und Forensik spezialisiert hat.

Wieso existiert also diese Organisation noch? Wie das Video richtig behauptet, würde „Planned Parenthood“ damit gegen US-Gesetze verstoßen. Haben wir es mit einer großen Verschwörung zu tun, einer Verstrickung der US-Regierung mit der Non-Profit Organisation?

Und nun kommen wir zum „Aber…“:
Jenes kurze Video zeigt nämlich nur einen sehr kleinen Teil der Aufnahmen, welches willkürlich so geschnitten wurde, um einen vermeintlichen Skandal aufzudecken. Fairerweise veröffentlichte die Anti-Abtreibungsgruppierung „Center for Medical Progress“ auch das unediterte und unkommentierte Komplettvideo, welches 2 Stunden und 42 Minuten lang ist, nur unterbrochen durch kürzere Schnitte wie Toilettenpausen. Wer sich nun nicht jenes komplette Video ansehen möchte: Es existiert auch ein PDF-Dokument, in dem man den kompletten Dialog nachlesen kann.

Und hier wird es nun interessant, denn es gibt auch Passagen, die wichtig sind, aber nicht in dem „Aufreger-Video“ gelandet sind. Hier einige Beispiele:

“Affiliates are not looking to make money by doing this. They’re looking to serve their patients and just make it not impact their bottom line.”

Auf Deutsch:

“Unsere Geschäftspartner wollen damit kein Geld verdienen. Sie versuchen, ihren Patienten zu helfen, ohne das Endresultat zu beeinflussen.“

Ein wichtiger Punkt: Planned Parenthood verkauft tatsächlich etwas, was mit Föten zu tun hat (um was es sich genau handelt, dazu kommen wir gleich noch), allerdings an medizinische Einrichtung zu Forschungszwecken. Man sollte dies im Hinterkopf behalten, da bei medizinischer Forschung man nicht von „schmutzigen Geschäften“ reden kann. Aber schauen wir mal auf weitere Aussagen:

“No one’s going to see this as a money making thing.”

und

“Our goal, like I said, is to give patients the option without impacting our bottom line. The messaging is this should not be seen as a new revenue stream, because that’s not what it is.”

Übersetzt:

“Niemand sieht das als Geldeinnahmequelle an. Unser Ziel, wie ich bereits sagte, ist es, unseren Patienten eine Option zu geben, ohne unser Ziel aus den Augen zu verlieren. [Der Handel] sollte nicht als neue Einnahmequelle gesehen werden, denn das ist es nicht.“

Machen sie vielleicht doch einen Profit damit?

In dem Video sagt Deborah Nucatola aus, dass die Preise für Gewebeproben, welche jene medizinischen Institute benötigen, zwischen 30 Dollar und 100 Dollar liegen. Hier haben wir einen weiteren wichtigen Punkt: Die Organisation verkauft keine Föten, sondern Gewebeproben der abgetriebenen Föten. Es werden also weder komplette Föten noch Körperteile davon verkauft (wie in dem kurzen Video behauptet wird), sondern Gewebeproben. Für den Laien: Gewebeproben sind wortwörtlich mikroskopisch kleine Teile auf Objektträgern, beispielweise von der Haut oder von inneren Organen.

2015 fragte die Seite „Factcheck“ die Direktorin der Harvard Universität und Vorsitzende der sogenannten „Biorepository“ Sherilyn Sawyer, welche sich auf Zellbiologie, Molekularbiologie und Biochemie spezialisierte, nach dem möglichen Gewinnfaktor.
Ihre Einschätzung:

“In reality, $30-100 probably constitutes a loss for [Planned Parenthood]. The costs associated with collection, processing, storage, and inventory and records management for specimens are very high. Most hospitals will provide tissue blocks from surgical procedures (ones no longer needed for clinical purposes, and without identity) for research, and cost recover for their time and effort in the range of $100-500 per case/block. In the realm of tissues for research $30-100 is completely reasonable and normal fee.”

Kurz gesagt: In der Realität bedeutet dies eher einen Verlust für “Planned Parenthood”. Die Kosten für Entnahme, Lagerung und Weiterverarbeitung von Gewebeproben sind sehr hoch, Krankenhäuser verlangen für einzelne Gewebeproben zwischen 100 $ bis 500 $. Im Bereich der Gewebeforschung liegt der Betrag von 30 $ bis 100 $ [für eine Non-Profit Organisation] im absolut annehmbaren Bereich.

Und was ist mit den anderen Videos?

Ja, es gibt noch mehr Videos der Anti-Abtreibungsgruppe „Center for Medical Progress“. Allerdings gibt es von jenen Videos (noch) keine uneditierten Fassungen. Gegen die Ersteller der Videos laufen derzeit mehrere Klagen, da sie stark geschnitten und nachbearbeitet sein sollen, um einen falschen Eindruck zu erwecken.

Gibt es irgendwelche Folgen für „Planned Parenthood“?

Die gibt es, allerdings nicht wegen jener anderen von den Netzfrauen verlinkten Videos, deren Wahrheitsgehalt derzeit vor Gericht angefochten wird. Interessanterweise kooperiert „Planned Parenthood“ dabei mit den Behörden und gibt ihnen volle Akteneinsicht. Allerdings schützt es sie nicht vor der Politik des neuen Präsidenten Donald Trump: Jener unterzeichnete persönlich im April 2017 ein Gesetz, welches den einzelnen Bundesstaaten erlaubt, Organisationen, die Abtreibungen durchführen (also auch „Planned Parenthood“) keine Gelder mehr zukommen zu lassen.

Was wird noch in dem Artikel behauptet?

Ein weiterer Absatz in dem Artikel besagt Folgendes:

„Das Biotech-Unternehmen Senomyx benutzt menschliches embryonales Nierengewebe, um Geschmacksverstärker und Parfum herzustellen. Unter anderem benutzen Nestlé, Firmenich und Pepsi die Dienste dieses Unternehmens. Die menschlichen Zellen reagieren auf künstliche Geschmacksstoffe, also anstatt Geschmackstests mit Personen durchzuführen, werden diese menschlichen Zellen benutzt. Wir sind dem nachgegangen und haben uns eine Reihe von Patenten des Unternehmens angeschaut.“

Und weiter?

Nichts weiter. Mit dem letzten Satz endet auch der Stichpunkt „Senomyx“. Wir lesen nichts von den Patenten des Unternehmens oder den konkreten Nachforschungen der Netzfrauen. Nicht mal ein Link zu einem anderen Artikel. Der Leser wird mit jener Behauptung in der Luft hängengelassen.

Also erklären wir das halt weiter.

Was ist dran an der Aussage?

Sie stimmt, lässt aber auch sehr vieles aus. Im Anbetracht der Überschrift des Netzfrauen-Artikels sollte man meinen, dass die Firma „Senomyx“ ebenfalls Föten verkauft, damit Nestlé, Firmenich und Pepsi Geschmacksverstärker und Parfüm herstellen können. Andere Seiten gingen sogar so weit, zu behaupten, die Zellen der Föten fänden sich dann in den Getränken und Parfüms wieder.

Dem ist aber nicht so!

1973 entwickelte die Firma „Senomyx“ eine möglichst einfache und schnelle Methode zur Herstellung zukünftiger Geschmacksverstärker in Getränken und Lebensmitteln. Dazu wurden die Nierenzellen eines abgetriebenen Fötus aus den Niederlanden zu Hilfe genommen.

Jene Zellen mit dem Namen HEK-293 (Human Embryonic Kidney) wurden seit den 70er Jahren von Senomyx weiter kultiviert und finden auch heute noch bei der Entwicklung von Geschmacksverstärkern Verwendung. Das Patent dazu wurde an verschiedene Firmen verkauft. Dazu zählen unter anderem Nestlé, Pepsi und Coca-Cola.

Wer es wissenschaftlich mag, kann sich hier eine englischsprachige Abhandlung zu dem Thema durchlesen.

Unterm Strich werden also nicht Föten an jene Firmen verkauft, sondern sie benutzen eine Zellprobe eines abgetriebenen Fötus aus den 70er Jahren, welche kultiviert und an jene Firmen verkauft wurde.

Fassen wir zusammen

Mit einem Schocker-Teaserbild und halbwahren Behauptungen, bei denen, so wie wir die Netzfrauen kennen, bewusst die andere, erklärende Hälfte weggelassen wurde, möchte diese Seite mal wieder für Aufregung sorgen und Klicks erzeugen. Eigentlich dachten wir ja, dass wir über Netzfrauen-Artikel nicht mehr berichten müssten, da sie sich ja im August 2017 zur Ruhe setzen wollten (einige Wochen vorher hieß es auch noch „nach den Bundestagswahlen“).
Nun sind sie also doch wieder da, und uns erreichen dadurch auch viele Anfragen zu dem Wahrheitsgehalt mancher Artikel.

Wir können den treuen Lesern der Netzfrauen nur empfehlen, sich auch andere Quellen anzusehen. Tendenziell verlinken die Netzfrauen entweder nur die eigenen Artikel oder Artikel von tendenziell eher unseriösen oder sehr populistischen Seiten, welche selbst kaum oder gar keine Quellen nennen.

Seriösere Quellen findet man zwar auch gelegentlich, jene werden dann aber sehr oft nur zur Hälfte „zitiert“ (andere Formulierung für „kopiert & eingefügt“, nicht selten ohne Quellenangabe).

Wir hoffen, dass ihr nach diesem etwas ausführlicheren Artikel euch ein wenig kritischer mit den Artikeln der Netzfrauen auseinandersetzt. Echte Fakes findet man dort nur selten, aber als Quelle der reinen Wahrheit dürft ihr sie auch nicht unbedingt betrachten.

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