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Und ein unbedachtes, vielleicht „witzig“ gemeintes Foto auf Facebook kann einen schon mal jahrelang verfolgen, weil manche Motive geradezu danach schreien, dass man sich darüber aufregt. Hier haben wir ein schönes Beispiel.

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Quelle: Facebook, öffentlicher Status, von uns verpixelt

Zu sehen ist eine junge Frau, die einem Baby eine Bong an den Mund hält, versehen mit dem Text (auf Englisch):

Rette ein Leben!

Melde es, wenn du diese Person kennst.
Wirst du dieses Bild teilen oder kümmerst du dich einen Schei* darum, diesem Baby zu helfen?

Das Schlechte Gewissen-Prinzip

So etwas kennen wir ja von vielen viralen Bildern: Man soll ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man irgendetwas nicht teilt. Es wird einem suggeriert, dass man dann Kinder oder Tiere hasst. Eigentlich fehlt nur noch ein Countdown, dass man es innerhalb einer Minute teilen sollte. Dieser einfache psychologische Trick ist so alt und abgedroschen, dass kaum einer mehr darauf eingeht. Sollte man meinen, denn immerhin fanden sich hier über 11.000 Facebook-User, die das Bild innerhalb eines Monats teilten.

Aber es ist doch wichtig, diese Frau zu finden!

Nein. Und warum dem so ist, erklären wir gleich. Zuerst möchten wir euch noch darauf hinweisen, dass es sich hierbei um einen privaten Fahndungsaufruf handelt, welcher strafbar ist… und zwar nicht nur für den Ersteller des Statusbeitrages, sondern auch für jede Person, der dies teilt.
Davon mal abgesehen wurde dieses Bild nicht nur auf Facebook geteilt, sondern sehr viel auch auf Twitter, Pinterest und vielen, vielen „Funseiten“ mit Bilderstrecken, die die „worst parents“ (die schlechtesten Eltern) zeigen.

Okay. Nicht teilen. Verstanden. Und nun?

Wenn ein Bild so oft geteilt wird und in so vielen Ecken des Internets auftaucht, sollte man doch meinen, dass die Behörden mittlerweile auch darauf aufmerksam geworden sind. Richtig? Richtig!

Dieses Bild ist nämlich keineswegs neu, sondern geistert bereits seit 2012 durch das Netz. Und es kommt noch besser: Die örtlichen Polizeibehörden kümmerten sich bereits um diesen Fall, als das Bild noch gar nicht viral online ging.

Wie das denn?

Also: Das Bild ist echt. Kein Zweifel, nix Photoshop, auch wenn das so mancher Kommentator vermutet. Dazu sei noch angemerkt, dass zumindest zum Zeitpunkt, an dem das Foto entstand, die Bong nicht „in Aktion“ war, es befindet sich kein Dampf im Kolben.
Dies soll aber sicher keine Entschuldigung für dieses Motiv sein! Dies sah die Polizei in Washington auch so, als sie von einem „Child Protection Service“ jenes Bild vorgelegt bekamen, welches ihnen anonym zugesendet wurde.

Keine Spuren von Drogenmissbrauch

Die Polizei fand sehr schnell heraus, wer diese Frau ist, da das Kind zu dem Zeitpunkt im Mittelpunkt eines Sorgerechtsstreits zwischen der Mutter und dem Kindesvater stand. Somit dürfte auch klar sein, wer der „anonyme“ Sender des Fotos war. Bei der Durchsuchung der Wohnung der Mutter wurden jedoch keine Drogen gefunden, auch die Drogentests bei Mutter und dem Baby waren negativ.

Wie ging das Foto viral?

Nach den negativen Drogentests beschloß ein Gericht, das Kind der Mutter wieder zurück zu geben. Daraufhin erstellte die 13jährige Tochter einer Freundin des Kindsvaters eine Facebook-Seite, um gegen diese Entscheidung zu protestieren. Auf dieser Seite war dann auch jenes Foto zu finden, welches dem Mädchen anscheinend vom Kindsvater zur Verfügung gestellt wurde.
Einige Zeit später wurde diese Seite wieder gelöscht, in der Zwischenzeit jedoch kopierten sich diverse Leute das Bild, versahen es mit diversen „Share this if you…“ Botschaften und posteten es erneut auf Facebook und Pinterest. Ein Viral Picture war geboren.

Letzte Frage: Wo kam die Bong her?

Sowohl die Mutter als auch der Kindsvater gaben zu, früher Drogen genommen zu haben.
Die Untersuchungen der Polizei und des Child Protection Service fanden jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass das Heim der Mutter unsicher für das Baby sei. Auch stimmte die Mutter einem weiteren Drogentest zu, welcher ebenfalls negativ ausfiel, genau wie ein weiterer Drogentest ein wenig später. Ebenso bat die Mutter von sich aus um einen unabhängigen Betreuer, welcher sicherstellt, dass es dem Kind an nichts fehle.

Weiterhin stimmte die Mutter zu, an Elternseminaren teilzunehmen und künftige Drogentests zuzulassen. Ihr Anwalt, Neil Fuller, legte zudem noch Unterlagen vor, die belegen, dass in Haarproben des Babies keinerlei Drogenrückstände gefunden wurden.

Fazit:

Ein nicht wirklich witziges Foto, welches nur privat sein sollte. Ein hässlicher Sorgerechtsstreit, der die Polizei, den Child Protection Service und schlussendlich sogar das Internet mit einbezieht. Ein Viral Picture, welches die Mutter heute noch online verfolgt. Like- und share-geile Personen, die ohne nachzudenken, das Bild posten.

Gratulation Internet. Leider verteilen sich diese Bilder weitaus besser, als Aufklärungen wie jene. Warum auch?

Sich darüber aufregen macht doch viel mehr Spaß!

 

Autor: Ralf, mimikama.at

Quellen:
Hoax Slayer
That’s Nonsense
The Wenatchee World