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Schon kurz nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin am 19. Dezember 2016 blühten die Verschwörungstheorien. Handelte es sich um eine „False Flag“-Operation? War alles inszeniert? Wurden wir alle belogen?

Wir werfen mal einen Blick auf einige besonders dreiste „Beweise“ für diese Theorien.

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„ES GAB KEINE TOTEN IN BERLIN – Merkel-Regierung=Verarschungs-Regierung
KEINE Todesliste vorhanden“

… so titelt der Blog „Geschichte in Chronologie“ von Michael Palomino. Den Namen behalten wir uns mal im Hinterkopf, gehen wir erst einmal auf die im Artikel versprochenen Beweise ein.

Der Verlauf

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Bildquelle: Spiegel Online

Am Abend des 19. Dezember 2016, gegen 20 Uhr, fuhr der LKW von der Kantstraße aus über den Gehweg mitten auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, fuhr dann ca. 80 Meter zwischen den Buden, raste dann in eine Bude, als er Richtung Budapester Straße abbog, und kam dann zum stehen.

Der Poller

Der Artikel beginnt mit einem Screenshot aus einem Youtube-Video und fragt dazu:

„Warum hat der Lkw vergessen, den Poller umzufahren???“

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Dann werfen wir mal einen Blick darauf, wie der LKW zum Stehen gekommen ist:

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Bild: AFP/Odd Andersen

Wie man sieht, ist der LKW schräg zur Straße zum Stehen gekommen, nachdem er durch eine Bude gerast ist. Auch steht der Zugwagen nicht etwa parallel zum Hänger, sondern nach rechts gedreht. Der Attentäter wollte folglich vom Markt wieder runter und auf die Budapester Straße fahren. Wäre er ein klein wenig weiter links gefahren, hätte er jenen Poller tatsächlich noch „erwischt“, jedoch ist dies kein „Beweis“, dass es inszeniert wurde. Der LKW fuhr schließlich nicht direkt an den Pollern entlang, sondern schräg in Richtung Budapester Straße.

Der Blickwinkel des Bildes im Video alleine lässt einen glauben, dass jener Poller dort gar nicht mehr stehen könne.

Im Folgenden wollen wir mal weniger von Beweisen sprechen, denn diese werden von jenem recht wirren Artikel überhaupt gar nicht gebracht, sondern von Behauptungen. Ihr werdet sehen, warum.

„der Lkw wurde demoliert und von der Strasse her hingestellt“

Kein Beweis, eine reine Behauptung des Blogs. Es gibt zur Stützung der Behauptung nicht einen einzigen Hinweis.

„sie haben vergessen, einen Poller umzufahren“

Siehe oben. Der LKW fuhr schräg auf die Straße, der Kamerawinkel ist ungünstig.

„der Müll wurde hingelegt, sogar ein Brett schief an die Räder angelegt“

Ja. Wenn man die Räumungsvideos rückwärts abspielt, sieht es tatsächlich so aus, als ob der Müll dort hingelegt wird. Ansonsten konnten wir beim besten Willen keinerlei Nachweis dafür entdecken.

„es gab keine Schreie, keine Fluchtbewegungen aus dem Weihnachtsmarkt“

Tatsächlich dachte anscheinend keiner der Besucher zuerst an einen Anschlag, sondern an ein furchtbares Unglück. Ein Augenzeuge berichtete dem „Stern“ von einer gespenstischen Stille vor Ort. Es habe keine Panik oder Schreie gegeben, die Menschen standen paralysiert und geschockt „wie Zombies“ da. Dieses Verhalten ist gar nicht so ungewöhnlich, wie man zuerst meinen sollte. Alleine schon aufgrund eines Schocks sind Menschen oftmals unfähig, zu schreien oder sich zu bewegen. Zu dem Zeitpunkt ging ja auch niemand von einem Anschlag aus, es bestand also quasi gar nicht der Drang, davor schreiend wegzurennen, weil man vielleicht Angst hat, dass noch etwas passiert.

„Krankenwagen kamen und fanden keine Toten vor, die „Verletzten“ waren Schauspieler mit Schminke und Kunstblut“

Gleich mehrere Augenzeugen berichteten von vier Menschen, die unter dem LKW eingeklemmt waren. Unter anderem auf diesem Bild der Agentur Reuters ist ein bereits zugedeckter Leichnam zu sehen:

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Die Aussage, dass dort „Crisis Actor“ zugegen waren, also Menschen, die Opfer spielten, ist wiederrum eine reine Behauptung ohne jeglichen Nachweis.

„Krankenwagenpersonal und Feuerwehr standen nur herum“

Man sieht tatsächlich in einigen kurzen Videos Sanitäter und Feuerwehrleute herumstehen. Stimmt. Weil ein Maximum an Hilfskräften gekommen ist und nicht jeder zu jedem Zeitpunkt etwas zu tun hatte. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass niemand etwas getan hat:

Hier wird ein Verletzter zum Krankenwagen gebracht

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Quelle: REUTERS/Fabrizio Bensch

Hier sichern Feuerwehrmänner den LKW

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Quelle: REUTERS/Fabrizio Bensch

Hier bewachen Polizisten den Tatort

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Quelle: REUTERS/Pawel Kopczynski

„der Lkw soll am Ende eine 45 Grad-Kurve gefahren haben und GENAU NUR EIN HÄUSCHEN umgefahren haben, obwohl der Fahrer keine Sicht mehr hatte. Auch das ist UNMÖGLICH.“

Unklar ist, warum der Fahrer keine Sicht mehr gehabt haben soll. Er hatte sozusagen freie Fahrt auf den Weihnachtsmarkt, die Scheibe des LKW dürfte erst dann beschädigt worden sein, als er durch die Bude fuhr (man beachte die Höhe eines LKW: Menschen sind während der Fahrt sicher nicht so stark gegen die Scheibe geflogen, dass sie zerbricht).

„ES FEHLT AUCH JEDES ÜBERWACHUNGSVIDEO „von oben“, dabei ist Berlin doch die am besten überwachte und ausspionierte Stadt der ganzen Welt“

Da scheint dem Autor ein wenig die die Paranoia zu verfolgen. So gern es sicherlich manche auch einbilden, doch nicht jeder Ort wird zu jeder Zeit ständig überwacht, und es gibt auch wirklich keinen besonderen Grund, einen Weihnachtsmarkt, auch wenn er in Berlin ist, abends mit einer Nachtsichtdrohne zu beobachten.

„ES FEHLT AUCH JEGLICHE BLUTSPUR AM Lkw“

Da hat der Autor wohl ein wenig zu sehr Hollywood-Filme geschaut. Gehen wir den Tathergang noch einmal durch: Der LKW fährt auf den Weihnachtsmarkt, überfährt mehrere Personen und kracht schließlich in eine Bude. Zum Zeitpunkt, als der LKW auf dem Markt fuhr, dürfte er eine weitaus geringere Geschwindigkeit als normal auf der Straße gehabt haben. Menschen, die nun von diesem LKW getroffen wurden, platzen nicht einfach auf und hinterlassen Blutspritzer, wie man es so manchmal in schlechten Actionfilmen sieht. Dazu hätte der LKW mit einer weitaus größeren Geschwindigkeit die Opfer treffen müssen.

„ES FEHLEN LEICHEN VON ÜBERFAHRENEN PERSONEN, also mit aufgeplatzten Bäuchen, Gedärmen auf dem Pflaster, abgetrennten Beinen, zerquetschten Köpfen usw.“

Siehe oben. Der Autor erwartet von einem Unfall anscheinend ein Splatter-Szenario und genug Leute, die davon nicht etwa geschockt sind, sondern begeistert Bilder machen.

„es fehlen Kleider am LKW“

Das macht uns jetzt total stutzig. Kleider am LKW? Warum sollen da Kleider sein? Wenn Charlie Brown in einem Comic von einem wahnsinnig schnellen Curve-Ball beim Baseball getroffen wird, dann wirbelt er durch die Luft und verliert seine Klamotten. Glaubt der Autor etwa, dass so auch ein richtiger Unfall aussieht?

„Am Laster unten gar keine Beschädigungen“

Da fragen wir uns, wie der Autor es geschafft hat, einen Blick unter den LKW zu werfen. Laut Zeugenaussagen befanden sich sogar, wie oben erwähnt, vier Menschen direkt unter dem LKW eingeklemmt. Aber gut zu wissen, dass diese laut dem Autor den LKW wohl nicht beschädigten.

„KEINE Todesliste vorhanden – Merkel-Regierung=Verarschungs-Regierung“

Das scheint viele Menschen zu stören: Es gibt keine „Todesliste“. Das geht ja mal gar nicht, wie soll man denn neben all dem Gräuel auch noch trauern, wenn man nicht mal weiß, wer die Toten sind?

Tatsächlich wurden am 23.12.2016 alle Toten identifiziert, es wurde aber keine offizielle Liste der Verstorbenen veröffentlicht. Und genau das stört aber auch viele Menschen, da die Toten für uns „abstrakt“ bleiben, sie haben kein Gesicht, sondern sind nur eine Zahl in einer Statistik. Eine deutschlandweite Trauer ist somit für Menschen kaum möglich. Wir trauern mit einem Bild vor uns, nicht mit einer Zahl. Genau dieser Umstand wurde auch in einem Artikel der „Welt“ ausführlich kritisiert.
Aber nur, weil die Namen und Gesichter der Toten nicht veröffentlicht wurden, heißt dies noch lange nicht, dass sie nicht existieren!

Wir sind nun in diesem Artikel nicht auf alle Punkte eingegangen, die als angebliche Beweise dienen sollen, jedoch hoffen wir, dass euch diese Übersicht bereits zeigt, wie verzweifelt so Mancher versucht, in jenem Anschlag eine Verschwörung zu entdecken.

Was Verschwörungen angeht, wollen wir noch einmal kurz auf den Autor des Artikels, Michael Palomino, eingehen.

Der Verfasser des Artikels

Michael Palomino ist kein Unbekannter, wenn es um Verschwörungstheorien jeglicher Art geht. 1999 stand er bereits wegen Leugnung des Holocaust vor Gericht, seitdem taucht er immer wieder einmal in diversen Foren und Blogs auf, wenn es darum geht, hinter irgendetwas eine Verschwörung zu sehen, beispielsweise der Absturz der MH-17 im Jahre 2014. Er fühlt sich laut seiner Homepage vom „kriminellen Schweizer Geheimdienst“ verfolgt, ebenso sind, so glaubt er, die „Freimaurer-Illuminaten mit Tettamanti und die schweinzer Zionisten-Sozialisten“ hinter ihm her.

Wir lassen das mal unkommentiert.

Fazit

Mit dem Artikel wollte der Autor anscheinend versuchen, zu beweisen, dass auch hinter diesem Anschlag ein geheimes Muster steckt. Allgemein kann man zu jedem seiner jetzigen und vergangenen Artikel sagen, dass immer eine Verschwörung dahintersteckt. Er selber lehnt das Wort „Verschwörungstheoretiker“ ab, da seine Behauptungen ja keine Theorien seien, sondern Fakten.

Tja. Aber genau diese Fakten suchten wir in seinem Artikel vergeblich. Wir fanden nur ziemlich haltlose und teilweise sehr wirre Behauptungen. Und mit Behauptungen alleine sind wir nicht zu überzeugen.

Autor: Ralf, mimikama.at