Jens Grote ist entsetzt darüber, mit welchen Wahlkampfthemen man Stimmen kriegt. Die AfD wird aus Protest gewählt, andere Parteien werden aus Tradition gewählt, und viele Wähler bleiben direkt zu Hause.

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Da denke ich mir nichts Böses am Sonntagabend, plane wie üblich bei akuter Langeweile einen ausgedehnten „Dr. Who“-DVD-Marathon, und werde plötzlich von meinem Chefredakteur mit der Aufforderung aus allen Versackerträumen gerissen, ein Fazit zu der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern zu schreiben. Und das, obwohl ich mir selber noch nicht klar darüber bin, worüber ich mich eigentlich am meisten aufrege. Allerdings kann man diese Zerrissenheit super als Aufhänger nehmen, also steht ein paar ausufernden Zeilen eigentlich nichts im Weg.




Meinen ersten akuten Fremdschämanfall hatte ich definitiv, als mir mitgeteilt wurde, welche Themen die Wähler in Mecklenburg Vorpommern laut Umfragen am meisten beschäftigen und wo sie den dringendsten Verbesserungsbedarf sehen. Das sind angeblich die Bereiche „Soziale Gerechtigkeit“ und „Asylpolitik“. Kann mir bitte jemand erklären, wie unter diesem Banner ausgerechnet die AfD als Wahlsieger hervorgehen konnte? Waren die zugrunde liegenden Umfragen ein groß angelegter Streich mit der versteckten Kamera, ist die Auswertung auf den Tag einer Betriebsfeier gefallen, so dass die Zuständigen stark alkoholisiert waren, oder verstehe ich wieder als Einziger nicht die Satire hinter dieser Tatsache?

Die Wähler wollten mehr soziale Gerechtigkeit – Und wählten die AfD, die diese noch mehr beschneiden will

Mecklenburg Vorpommern liegt bundesweit nur an 16. Stelle im Lohngefälle, die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Mindestlohn ist die gleiche schäbige Farce wie in Restdeutschland. Das ist alles echt nicht schön, ich kann jeden Frust darüber verstehen, und als Wähler würde ich da auch mit den Hufen scharren, um Denkzettel zu verteilen. Aber mir bleibt komplett schleierhaft, warum man in diesem Szenario eine Partei in eine Machtposition hebelt, die den Mindestlohn abschaffen, die Arbeitslosenunterstützung kippen und nahezu alle Rechte des Arbeitnehmers beschneiden will.

In Meck-Pomm gibt es so gut wie keine Asylbewerber, waren aber trotzdem eines der wichtigsten Wahlkampfthemen

Was soll das für ein Protest sein? Läuft das unter dem Motto „Wenn man mich schon über den Tisch zieht, dann bitte richtig“? So eine Art „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“-Denkweise? Oder wurde da doch die eine oder andere Mittagessensbanane mit Drogen versetzt? Noch bizarrer wird das Ganze beim zweiten Punkt, der „Flüchtlingskrise“. Die ist in Mecklenburg Vorpommern nur existent, wenn die Tagesschau darüber berichtet. In diesem Bundesland leben 1.607.000 Menschen, im Jahr 2016 wurden bisher gut 4.000 Asylanträge gestellt und noch nicht mal alle bewilligt. Ich habe das mal extra mit Nullen ausgeschrieben, um die Lächerlichkeit deutlich zu machen

Asylbewerber sind da urbane Legenden, von denen sich die Leute am Lagerfeuer erzählen, weil die Schwester eines Bekannten des Nachbarn eines Freundes mal einen von weitem gesehen hat, sich aber über die Identität nicht ganz sicher ist, weil sich der Betroffene dabei nicht umgedreht hat. Das ist alles so unfassbar. Die Leute veranstalten eine sogenannte „Denkzettelwahl“, indem sie der Partei die Stimme geben, deren erklärtes Ziel eine Verschlimmerung der sozialen Situation ist, mit der die Wähler laut eigenen Angaben momentan echt unzufrieden sind. Ausgelöst wird das Ganze von einem Asylbewerberproblem, das man in der Realität vor Ort nur durch rechte Mundpropaganda und vom Hörensagen kennt. Ich bekomme gerade allein durch das Festhalten dieser Dinge wieder einen Drehwurm, weil mein Kopf schütteltechnisch Erdbeben performt.

Wieso ärgern wir uns nur über das starke Abschneiden der AfD und nicht über den Wahlsieg der SPD?

Das ist aber noch nicht mal das einzige Thema, das für mich zu einer unlösbaren X-Akte mutiert. Ich verstehe auch nicht, warum meine Startseite plötzlich von Auswanderungsplänen überrannt wird. Wieso kommen diese Pläne erst jetzt und weshalb entwickelt man da einen Tunnelblick auf die AfD? Die SPD hat gewonnen und wird jetzt sehr wahrscheinlich die Koalition mit der CDU weiterführen. Wieso ist das kein Grund, um Hals über Kopf dieses Land zu verlassen, oder zumindest lakonisch solche Überlegungen in den Raum zu stellen? Was wäre hier wohl los, wenn wir noch in einem Sozialstaat leben würden und die AfD diesen morgen ad acta legen würde, indem sie die Hartz4-Gesetze präsentiert? Wie würde man reagieren, wenn die AfD in eine Machtposition käme, die gesetzliche Rentenkasse an Privatversicherer verfüttern und ganze Generationen so in die Altersarmut entlassen würde?

Was würde passieren, wenn die AfD fordern würde, die Bundeswehr nicht mehr nur zur Verteidigung einzusetzen, sondern sie wieder aktiv in die Krisenherde dieser Welt marschieren zu lassen? Wie sähe die Reaktion aus, wenn Beatrix von Storch vorschlagen würde, alle Grenzen dicht zu machen und die Flüchtlinge einem Diktatoren in die Fänge zu treiben? Wie würde man einen Wirtschaftsminister der AfD beurteilen, wenn der die Rüstungsexporte in seiner Amtszeit fast verdreifacht hätte? Ein einziger Aufschrei würde bei jedem Punkt durch dieses Land gehen, man würde diese menschenfeindliche Politik verteufeln und die Verursacher anprangern. Allerdings nur, wenn diese Thesen von der AfD kämen.

Die Große Koalition hat all diese Schreckensszenarien umgesetzt

Da sagt allerdings niemand etwas, und falls es doch jemand tut, wird er belächelt und als politischer Querulant abgestempelt. Trotzdem ist ein Sieg der CDU oder der SPD trotzdem noch ein Sieg der Demokratie und niemand muss sich da für seine Stimmabgabe schämen. Denn von den Traditionsparteien vorgetragen wird jeder Verstoß gegen die Menschenrechte zur Hochpolitik und kein Mensch kräht danach. Hauptsache die widerlichen Metastasen gehen nicht auf eine offiziell ausgelobte No-Go-Partei zurück. Das führt mich direkt zum dritten Punkt, an dem ich mich stoße, und der wahrscheinlich sogar der ekelhafteste des Trios ist.

Eigentlich steht der Wahlverlierer in Mecklenburg Vorpommern und in jeder Wahl seit gefühlten Jahrzehnten nämlich schon fest, und das ist das ganze politische System. Die AfD wird aus Protest gewählt, alle anderen Parteien werden aus Tradition gewählt, und viele Wähler bleiben direkt zu Hause, weil sie im Einheitsbrei eh keine Unterschiede mehr erkennen. Und wie sollten sie das auch? Die Parteien besetzen ja noch nicht mal mehr irgendwelche Standpunkte, einfach aus dem Wissen heraus, dass sich sowieso kaum ein Wähler noch für Inhalte interessiert. Der Höhepunkt dieses Fiaskos war sicher der Wahlkampf der CDU bei der letzten Bundestagswahl.

Die CDU hat überhaupt kein Wahlprogramm

Dort hat man einfach darauf gesetzt, dass jeder Merkel kennt und Mutti gut findet. Da wurde kein Programm angeboten, sondern eine bessere Prominententournee. Was dann sogar gereicht hat, um das höchste Amt in Deutschland abzuräumen. Das ist so gruselig, einfach weil es jede positive Perspektive wegnimmt. Wenn man die Leute in Meck-Pomm heute fragt, aus welchem Grund sie sich für eine Partei entschieden haben, dann werden keine Politikerversprechungen angegeben, diese völlig unnötigen Referenzen werden gar nicht mehr groß gemacht. Da kommt als Antwort, dass man durch Stimmentzug anderen Parteien die eigene Unzufriedenheit vermitteln wollte. Oder dass man sein Kreuz gesetzt hat, weil man das schon immer an dieser Stelle getan hat.

Denn wen interessieren schon Themen? Man regt sich über böse Flüchtlinge auf, die man selber noch nicht live gesehen hat, man ärgert sich über soziale Ungerechtigkeit, indem man eine Partei wählt, die diese verschärfen will und daraus noch nicht mal einen Hehl macht, man gibt seine Stimme ab, weil sich das so gehört und sonst die Nachbarn und der Schützenverein tuscheln. Hauptsache man belastet sich nicht mit irgendwelchen Wahlprogrammen und verpasst dadurch noch das Spiel des Lieblingsvereins. Und wenn Parteien wie zum Beispiel die Linke ihren Fokus auf die soziale Gerechtigkeit legen, ist das uninteressant und reicht nicht für den Protestwähler.

Denn da greift dann direkt die Vorverurteilung, dass Politiker lügen und Aussagen deshalb eh ignoriert werden können. Unter diesen Voraussetzungen wird auch die Bundestagswahl im nächsten Jahr laufen. Das ganze Thema ist einfach zum Heulen und man kann sich den Sonntagabend nicht schöner vermiesen, als die ganze deprimierende Soße Revue passieren zu lassen und auch noch schriftlich zu fixieren. Ich breche an dieser Stelle deshalb auch ab und wandere nicht aus, zumindest nur auf die Couch. Obwohl es von der Länge her keine angemessene DVD-Session gibt, die dieses Schlamassel auch nur ansatzweise aufhübschen könnte.

Jens Grote, Volksverpetzer-Kolumne „Die groteske Weltanschauung“ Jens Grote Texte gibt es jetzt auch als Buch. Wer also das eine oder andere Mal schmunzeln konnte oder sich einfach nur mehr oder weniger gut unterhalten gefühlt hat, kann sich unter diesem Link hier sehr gerne einen 470-Seiten Nachschlag abholen: http://www.book-and-art-affairs.de/
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