Bitte entschuldigt die Überschrift, aber genau darum geht es doch derzeit: ab wann darf man jemanden als “Mensch mit Migrationshintergrund” bezeichnen, ab wann gilt man als “Deutscher”. Wo liegen da die Maßstäbe und vor allem: wer definiert diese?


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Also ich vor ein paar Jahren bei Mimikama als Ehrenamtlicher einstieg, hätte ich nie gedacht, dass sich auf Facebook irgendwann Fragestellungen ergeben, die weit über jede technische Problematik hinein in die Bereiche der Ethik oder Sozial- und Kulturanthropologie reichen. Doch wir sind schon lange in diesen Bereichen angekommen, da Facebook nicht mehr allein ein Spaß- und Spielplatz ist, sondern ein Volksmedium geworden ist, dass sich zu einer Art Diskussionsparallelwelt entwickelt hat.

So schafft es das soziale Netzwerk immer wieder, sich in seinem Diskussionsk(r)ampf zu steigern. Es ist der Kampf zwischen den Filterblasen, der Kampf zwischen den Profilen und ihrer auf Facebook dargestellten “Wahrheit”. Und eine der neuesten Früchte ist die Frage nach dem “Deutschsein”. Ab wann MUSS man als “Deutsch” betitelt werden, ab wann gilt es, virtuell jemanden das “Deutschsein” absprechen zu können, um einen Migrationshintergrund darstellen zu dürfen.

Klingt albern – ist es aber nicht!

Wäre diese Frage nicht vor einem hochernsten Hintergrund, so würde sie in keiner Weise auch nur Belang haben. Doch sie hat einen ernsten Hintergrund: am gestrigen Tage, den 10.05.2016 griff ein Mann an einem Bahnhof bei München 4 Passanten mit einem Messer an. Einer der 4 Personen verstarb an den Verletzungen, ein weiterer ist schwer verletzt. In einer Pressekonferenz am gestrigen Tage gab es wenige Aussagen, diese wurden von der Polizei und Staatsanwaltschaft zumindest als gesichert dargestellt:

Die wenigen Fakten sagen: männlich, 27 J., Single, Deutscher, aus Gießen. Er rief bei Tatausführung „Allahu Akbar!“ und äußerte des Weiteren „Ihr Ungläubigen sollt sterben!“. Die Klinge des Messers betrug 10×3 cm.

Viel mehr Informationen gab es nicht. Auch keinen Namen. An dieser Stelle endet dann auch alles an bis dato polizeilich bestätigten Angaben. Und die Netzdiskussion beginnt.

Paul H.

Recht schnell kam über die Medien der Name Paul H. ins Spiel, der als Täter angegeben wird. Ich weiß nicht genau wer, aber ich glaube die BILD war es, die recht früh mit einem Foto des Täters glänzte. Wie sich ableiten lässt, stammt dieses Foto augenscheinlich von dem Facebookaccount des Mannes, da dort das Foto als Profilbild vorliegt.

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Bis dato muss man zudem sagen, dass es sich um den mutmaßlichen Täter handelt. Das Facebookkonto ist schon interessant anzuschauen: es zeigt keinerlei Tendenzen zum IS oder überhaupt einer bedrohlichen Weltanschauung. Urlaubsfotos, Bilder mit Freunden und bekannten, Bilder im Winter und ein oft lachender Paul H., sowie ein Freundeskreis, dessen Namen „deutschtypisch“ klingen.

Der Kampf um Paul H.s “Deutschsein”

Es ist wirklich selten, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Nationalität eines Täters so deutlich betonen, es wirkt vielmehr als ein Resultat der letzten Monate, dass man angeblich die Nationalitäten verschweigen würde. Und nun gab es die offizielle Aussage, dass es sich um einen deutschen Bürger handle, da liest man auch schon auf Blogs und in den sozialen Netzwerken Gegenstimmen. Der Mann muss offensichtlich entdeutscht werden. Der bekannte rechtspopulistische und islamfeindliche Blogger Michael Mannheimer, mit bürgerlichem Namen Karl-Michael Merkle, veröffentlichte gestern unter der deutlichen Überschrift “Moslem sticht vier (!) deutsche Männer nieder. 56-jähriger Deutscher tot.” [1] folgenden Inhalt (sic!):

Nachtrag:

LÜGENMEDIEN VERSUCHEN, DEN TÄTER ALS
EINEN DEUTSCHEN NAMENS PAUL H. DARZUSTELLEN!

Deutsche Medien bemühen sich, den Täter als „Deutschen Paul. H.“ hinzustellen. Was eine dreiste Lüge ist. Der Name des Täters wurde einige Stunden lang in der ausländischen Presse mit „Rafik Youssef“ angegebn. Doch dieser name scheint ebenfalls falsch zu sein.

Auf der deutschsprachigen Website auf „delgardo.tv„ erfährt man Näheres über die Tat. Der Betreiber der Website erhielt von der Polizei die folgende Auskunft:

Entdeutschung unter Aberkennung der Identität also. Merkle bezieht sich dabei auf einen Artikel aus “delgardo.tv” den nicht nur wir am gestrigen Tage hinreichend widerlegen konnten (recht einfach: “Rafik Youssef[sic]” ist bereits seit September 2015 tot), sondern der Autor der These selbst, Marco Delgardo (O-Ton Spiegel [2] “Vom Weltproduzenten zum AfD-Sympathisanten: Welch eine atemberaubende Karriere, die Marco Delgardo da hingelegt hat. Er gehörte einst zu den erfolgreichsten Musikproduzenten Europas. “), mittlerweile revidierte. Dennoch ist diese Revision interessant, da Delgardo in einem zweiten Artikel nun einräumt, dass der Täter wohl doch “Paul H.” heiße, jedoch nach Aussagen eines “Mika” kein Deutscher sei, sondern nur einen deutschen Pass habe [2]:

Allerdings sagt Mika auch: „…Paul H. ist kein Deutscher. Hat nur einen deutschen Pass. Ich will nicht nicht lügen, ich meine er ist Moslem…“.

Ab wann ist man ein Deutscher? Ab wann nicht?

Und ist die Frage überhaupt wichtig? Offensichtlich ja, denn es offensichtlich ist die Frage nach der Herkunft, sowie in diesem Falle recht deutlich um der “deutschen Blutlinie” eine Wichtige. Denn bringen wir es mal auf den Tisch: es geht um nichts anderes, als diesen grauenvollen Angriff als einen islamistischen Terrorakt werten zu können. An vielen Stellen tut man sich da recht einfach und spricht einfach direkt von einem Moslem, sowie einen islamistischen Anschlag.

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Interessanterweise muss man aber auch einen Blick auf die andere Filterkampfblase werfen: es wirkt streckenweise wie pure Erleichterung (wenn man vor dem Hintergrund dieses Angriffes es so schreiben darf) und ein Fingerzeig, dass auch Deutsche grauenvolle Taten verüben. Ist am Ende ebenso eine Instrumentalisierung und hat einen recht ähnlichen “Ätschibätsch” Charakter.

Daher steht Paul H. derzeit zumindest virtuell in einer Grauzoneneinbürgerung: darf er als “rein deutsch” tituliert werden?  Klingt verrückt, ist aber augenscheinlich so wichtig, dass selbst das Bayerische Landeskriminalamt einen Schwerpunkt in eine Klarstellung mit diesem Thema besetzte. Am 11. Mai um 11:08 Uhr veröffentlichte das Bayerische Landeskriminalamt:

So liest man als Punkt 4:

4. Bei dem festgenommenen 27-Jährigen liegt kein Migrationshintergrund vor.

Nun hat zwar das Landeskriminalamt eine klare Aussage getroffen, aber der Willen, Paul H. ein wenig “unreines” Blut unterzumischen, ist offensichtlich vorhanden. Vielleicht seien ja der unbekannte echte leibliche Vater oder die Großeltern nicht “ganz deutsch”.

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Diese Art der Suche die nun, welche zugegeben ein spezieller Personenkreis betreibt, klingt dann doch sehr stark an den “Ariernachweis” angelehnt. Fraglich ist also: würde die Entdeckung, dass einer seiner Großeltern nicht deutscher Herkunft sei, Paul H. aufgrund “unreinem” Blutes per se zu einem ausländischen Attentäter machen?

Was nun noch im Raume steht

In der Diskussion werden jedoch weiterhin die „Allahu Akbar“ Ausrufe stehen. Diese hat die Polizei aufgrund der einheitlichen Zeugenaussagen bestätigt. Warum Paul H. während seiner Angriffe diese Aufrufe nutzte, wird er wahrscheinlich nur selbst erörtern können. Das Bayerische Landeskriminalamt schreibt dazu:

Es wurde von uns zu keiner Zeit dementiert, dass der Tatverdächtige bei der Tatausführung „Allahu Akbar“ gerufen haben soll. Dieser Ausruf wurde von uns am Vormittag nur nicht bestätigt, weil verschiedenen Zeugenaussagen abzugleichen waren. Um 15:00 Uhr haben wir in einer weiteren Pressemitteilung veröffentlicht, dass Zeugenaussagen zufolge diese Aussagen vom Tatverdächtigen gemacht worden sein sollen.

Fraglich ist …

… ob die Debatte nach der “Reinheit” des Blutes von Paul H. in irgendeiner Weise würdig des verstorbenen Opfers ist oder einfach nur dem Kampfe der Politfilterblasenmonstren dienlich ist. Ich für meinen Teil glaube ausschließlich Letzteres. Gekränkte politische Eitelkeiten beider Filterblasenextreme versuchen sich an der Darstellung der Nationalität des Täters gesund zu stoßen. Anschlagshoffnungen sind zerplatzt, Theorien konnten nicht bestätigt werden und die ganz banale Idee, dass da jemand eventuell einfach mal durchgedreht sein sollte (Amoklauf), scheint es in unserer modernen mitteleuropäischen Netzweltdiskussionskultur einfach nicht mehr zu geben.

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