Auffällig: in den letzten Tagen müssen wir leider immer häufiger Medienkritik ausüben. Auch nun wieder, denn wir haben Zweifel an der Medienberichterstattung zur „48-Stunden-Challenge”.

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Was ist los? In Print- und Onlinemedien wird über eine 48-Stunden-Challenge geschrieben. Die Regeln werden so dargestellt: Es geht für Kinder und Jugendliche darum, sich 48 Stunden zu verstecken. Weder Freunde noch Familie sollen Bescheid wissen. Die Eltern sollen denken, ihre Kinder seien spurlos verschwunden. Nach dieser Zeit tauchen die Jugendlichen dann auf einmal wieder auf.

So weit die These. Mit dieser Challenge, der Titelthese und zudem auch einer Warnung vor der Challenge, gibt es seit wenigen Tagen nun zur Genüge Medienberichte, welche sich dem Thema widmen. Doch schaut man sich diese Artikel an, so glänzen diese nicht gerade mit Fakten, überprüfbaren Zahlen oder nachlesbaren Polizeiberichten.

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Im Gegenteil, viele dieser eher boulevardesken Artikel stellen einfach in den Raum, dass es die Challenge gibt und dass sie gefährlich sei, Nachweise in irgendeiner Form gibt es jedoch nicht.

Urbane Legende!

Was wir uns an diesen Stellen immer Fragen: Liegt bei den Medien kein Eigeninteresse vor, korrekt zu berichten? Wird hier nicht vorher kontrolliert, ob der Sachverhalt stimmt? Hat es niemand für nötig befunden, ein paar Sekunden lang Google zu nutzen? Schade, denn so haben wir ERNEUT eine Phantomdiskussion vorliegen.

Denn bei der 48-Stunden-Challenge handelt es sich um eine mutierte Variante der… 72-Stunden-Challenge, bzw. dem “Game of 72″. Bereits im Mai 2015 gingen Warnungen vor diesem vermeintlichen Spiel durch die Medien und sie sind dort auch heute noch zu lesen:

„Kettenbriefe sind harmlos gegen dieses neue Internet-Spiel: Teenager bekommen auf Facebook eine private Nachricht mit der Aufforderung, „Game of 72“ zu spielen. Bei dem krassen „Spiel“ geht es darum, sich 72 Stunden zu verstecken. Weder Freunde noch Familie sollen Bescheid wissen. Die Eltern sollen denken, ihre Kinder seien spurlos verschwunden.“

Es hat übrigens nie nachweisbare Fälle gegeben. Problematisch damals wie heute, wenn Medien ein solches Thema aufgreifen und damit Polizei und Behörden kirre machen und sie zu Aussagen bringen, die man mit dem Thema verbinden könnte. Beispiel aus der MAZ-online:

„Die Erfahrungen aus den vergangenen Vermisstenfällen zeigen, dass es sich bei den Jugendlichen meist um Abendteuerlust [sic!] als Ursache handelt“, so Dörte Röhrs. Trotzdem wird jede Meldung ernst genommen und verfolgt. Vermutlich haben die aktuellen Fälle ihre Ursache in einer sogenannten „Facebook-Challenge“. Dies kann die Polizei aber nicht bestätigen.

Ja, was denn nun? Die Polizei verneint es deutlich, aber es wird vorangestellt, dass die Fälle „vermutlich” doch etwas mit einer Challenge zu tun haben.

Auch Snopes hat ein Update

Die Medienberichterstattung über die 48-Stunden-Challenge ist letztendlich kein deutschsprachiges Ungetüm, sondern ein internationales Problem. Daher hat Snopes bereits sehr ähnlich festgestellt, dass es sich bei dieser Challenge um eine Variante des „Game of 72“ handelt:

Variations:     In October 2017, readers spotted a resurgence of stories about a purported social media challenge, virtually identical to the “Game of 72” and dubbed the “48-hour challenge”:

Laut Snopes hat die gesamte Welle mit einem Artikel in den Belfast Live news begonnen, auf den sich auch alle anderen beziehen. Boulevardmedien wie “The Sun” haben das Thema aufgegriffen und aufgeblasen. Schaut man sich nun diesen Belfast Live Artikel an, so findet man dort nichts als Behauptungen und anonyme Elternaussagen. Keine Polizeistimmen, keine Polizeimeldungen, lediglich eine „mum”, also eine Mutter wird als Quelle genannt.

Bezug auf „Game of 72”

Im Gegensatz zu den deutschsprachigen Medienmeldungen beziehen sich die englischen Vorlagen hierbei auf das „Game of 72”. Dass es sich hierbei bereits um einen Hoax handelte, haben auch diese IMMER NOCH NICHT mitbekommen. Bereits im Jahr 2015 wurde deutlich, dass diese Challenge nicht existierte, sondern die eher unbedachte Ausrede eines Teenagers war. Ein Mädchen war drei Tage lang verschwunden. Nachdem “Emma”, wie sie in den Medien genannt wurde, wohlbehalten zurückkehrte, weigerte sich die 13-Jährige, sowohl den Grund für ihr Verschwinden als auch ihren Aufenthaltsort preiszugeben. Mit Andeutungen über ein mysteriöses Facebook-Spiel habe sie wohl Eltern und Polizei verwirren wollen. Es waren auch damals primär Boulevardzeitungen (wie beispielsweise DailyMail), die darüber geschrieben haben:

“ So far, police say, the only evidence is dozens of panicked Facebook posts being shared by parents, warning each other about the game, and Emma’s testimony, to suggest the challenge exists.“

Und auch zu dieser Zeit haben Medien die Polizeiaussagen zu diesem Thema so verdreht, als würde die Polizei vor dieser Challenge warnen. Polizeisprecher Brian Montague von der Vancouver Police (Kanada) teilte gegenüber der Webseite mic.com mit, dass Medien die Polizeiaussagen zu diesem Thema verdreht haben:

„We never issued a warning about the game as has been reported,“ Constable Brian Montague, a spokesman for the Vancouver Police Department, told Mic in an email.
(Wir haben niemals eine Warnung, so wie es berichtet wird, zu diesem Spiel herausgegeben. Wir haben Fragen der Medien zu diesem Thema beantwortet und daraus wurde eine Warnung der Polizei gestrickt.)

Auch die Washington Post hat seinerzeit das “Game of 72″ zum Internet-Fake der Woche ernannt. Deutschsprachige Medien haben auch reagiert, so gab es bei Heute.at zum Beispiel eine Komplettrevision des ursprünglichen Artikels vom 13.05.2015. In dem Update weist man nun darauf hin, das dieses makabre Spiel ein Fake ist.

Medien lieben Challenges…

…und erfinden gerne mal welche, bzw. blasen Vorfalle zu Challenges auf. Der Anlass dürfte auch logisch sein: Wir alle haben die großen Challenges, wie die Cold Water Challenge, noch im Kopf. Sehr viele Menschen haben mitgemacht, es war ein Massenphänomen. Und genau damit spielen Medien: Indem man Einzelfälle oder Behauptungen zu einer Challenge deklariert, betreibt man einen lupenreinen Alarmismus und baut eine allgemeine Betroffenheitslage auf.

Dies trifft jedoch weder auf die 48-Stunden-Challenge, noch auf das „Game of 72“ oder diverse andere Challenges zu, die sich als reine Phantomdiskussionen der Medien [¹][²][³] entpuppt haben. Das waren alles keine Challenges, das hatte nicht mit viralen Herausforderungen und Trends zu tun. Social Media Challenges haben bestimmte wiederkehrende Elemente, die wir zur Orientierung gerne nochmal aufzählen:

  • Es gibt eine mehr oder weniger klar definierte Aufgabenstellung in Form einer Herausforderung (-> Challenge).
  • Diese Aufgabenstellung muss durch den Herausgeforderten bewältigt werden.
  • Nach erfolgreicher Bewältigung wird der Herausgeforderte selbst zum Herausforderer und nominiert mindestens eine weitere Person.
  • Eine Challenge soll nach Möglichkeit viral gehen und so viele Teilnehmer wie möglich haben.

Challenges sind also mehrfach nachweisbar. Es handelt sich jedoch nicht um Challenges, wenn jemand vor einer Challenge warnt, die NICHT nachweisbar ist. Das ist dann wiederum eine Phantomdiskussion.

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