Faktencheck

Der Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri starb wirklich erst im Juli 2022!

Am letzten Juli-Wochenende wurde der Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri bei einem Drohnenangriff getötet. Jedoch wird behauptet, er starb bereits im November 2020 an einem Asthma-Anfall. Welche Version stimmt denn nun?

Ralf Nowotny, 5. August 2022

Die Behauptung

Es wird behauptet, dass Ayman al-Zawahiri bereits im November 2020 an einem Asthma-Anfall starb, nicht erst Ende Juli bei einem Drohnenangriff.

Unser Fazit

Die damalige Todesmeldungen beruhten mehr auf Gerüchten, eine offizielle Todesbestätigung gab es damals von keiner Seite. Zwischen November 2020 und Juli 2022 bewiesen mehrere Videos, dass al-Zawahiri noch lebendig war.

Am 1. August verkündete der US-Präsident Joe Biden in einer Rede, dass Ayman al-Zawahiri, Führer der Al-Qaida und Nachfolger von Osama bin Laden, bei einem Drohnenangriff am Sonntagmorgen um 6:48 Uhr (Ortszeit, Samstagabend in den USA) getötet wurde.
Allerdings kursierten bereits im November 2020 Artikel, dass al-Zawahiri an einem Asthma-Anfall verstarb, weswegen manche nun glauben, dass die jetzige Meldung reine Propaganda sei, um Bidens Umfragewerte nach oben zu pushen.
Doch der Al-Qaida-Führer wurde nach dem November 2020 nie für tot erklärt.

Die Behauptungen

Tatsächlich erschienen im November 2020 mehrere Artikel, in denen vom vermeintlichen Tod des Al-Qaida-Führers berichtet wird (siehe HIER und HIER und HIER). Übereinstimmend wird geschrieben, dass er wahrscheinlich an einem Asthma-Anfall starb, doch wird in den meisten Artikeln auch mal mehr, mal weniger daran gezweifelt, da es keine Bestätigung gab und schon früher falsche Todesmeldungen kursierten.

Diese Artikel wurden nun von diversen Nutzern und Seiten gefunden, weswegen die aktuelle Meldung reine Propaganda genannt wird, beispielsweise hier auf Twitter:

Zweifel auf Twitter an seinem jetzigen Tod
Zweifel auf Twitter an seinem jetzigen Tod

Auch eine in bestimmten Kreisen bekannte Seite für „ungeschnittene Nachrichten“ (archiviert HIER) vermutet hinter der aktuellen Meldung reine Propaganda für Joe Biden, da im November 2022 die Midterms (Vorwahlen) stattfinden.

Die Quelle der Behauptung vom November 2020

Was uns bei der Durchsicht sehr vieler Artikel aus dem November 2020 aufgefallen ist, dass als Quelle sich entweder gegenseitig verlinkt wurde oder die damaligen Todesmeldungen auf eine einzige Quelle zurückzuführen sind: Einem Artikel der Seite „Arab News“ vom 20. November 2020 (archiviert HIER).

Dort steht Folgendes:

„Arab News sprach mit mindestens vier Sicherheitsquellen in Pakistan und Afghanistan, die den Tod Zawahiris bestätigten. Zwei sagten, er sei gestorben.
[…]
„Er [Zawahiri] ist letzte Woche in Ghazni gestorben“, sagte ein Al-Qaida-Übersetzer, der immer noch enge Beziehungen zu der Gruppe unterhält, am Dienstag gegenüber Arab News. „Er starb an Asthma, weil er keine formale Behandlung hatte.“
[…]
Ein pakistanischer Sicherheitsbeamter in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan sagte ebenfalls, Zawahiri sei tot.
„Wir glauben, dass er nicht mehr am Leben ist“, sagte er und wollte seinen Namen nicht nennen. „Wir sind sicher, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist“.
[…]
Ein Sprecher der afghanischen Spionagebehörde National Directorate of Security sagte gegenüber Arab News, er habe nichts vom Tod Zawahiris gehört und die Organisation habe keinen Kommentar zu dieser Angelegenheit.“

Quelle: Arab News

Es gab also Bestätigungen gegenüber „Arab News“ von unbekannten Quellen, aber auch damals bereits Unsicherheiten, da es keine Bestätigung seines Todes gab, was auch viele der damaligen Artikel widerspiegelten.

Der Zweifel an seinem Tod wuchs in den darauffolgenden Monaten, da es auch von der US-Regierung keine Bestätigung seines Todes gab. Auch das FBI listete al-Zawahiri weiterhin als Lebendig und Gesucht auf (siehe HIER). Auch wurde es als ungewöhnlich angesehen, dass die Al-Qaida seinen Tod nicht meldeten: Normalerweise wird ein neuer Führer innerhalb von zwei Monaten bestimmt und bekannt gegeben, doch auch von dieser Seite herrschte Schweigen… bis zum März 2021.

Erstes Lebenszeichen im März 2021?

Am 12. März 2021 tauchte ein Video mit dem Titel „Die Rohingya sind die Wunde der gesamten Umma“ auf. In dem fast 22-minütigen Video hört man al-Zawahiri allerdings nur drei Minuten und fünfundvierzig Sekunden lang, zu sehen ist er kaum, was zumindest ungewöhnlich ist.

Deswegen wurde weiterhin vermutet, dass der Al-Qaida-Führer möglicherweise bereits im November 2020 verstarb.

Durch diverse Formulierungen nährt das Video sogar die Gerüchte über seinen Tod, andererseits wurde dahinter auch ein taktischer Zug der Al-Qaida vermutet: Wenn die USA glaubt, dass al-Zawahiri tot und Al-Qaida schwach sei, hätten sie eher einen Grund, aus Afghanistan abzuziehen – und der Abzug begann ja dann auch im April 2021 und war im August 2021 abgeschlossen.

September 2021: Ayman al-Zawahiri ist quicklebendig

Das Timing hätte nicht besser sein können: Nachdem die USA endgültig aus Afghanistan abgezogen sind, meldete sich al-Zawahiri zum 20. Jahrestag der Anschläge am 11. September 2001 in einem Video zu Wort (siehe HIER, HIER, HIER, HIER, HIER und HIER).

Diesmal gibt es kaum noch Zweifel an der Echtheit: In seiner über 60 Minuten langen Rede spricht er auch neuere Ereignisse an, beispielsweise den Angriff Al-Qaidas auf eine russische Militärbasis in Syrien Anfang Januar 2021 und den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan.

April 2022: al-Zawahiri lobt eine indische Muslimin

Am Video vom September 2021 gab es noch leise Zweifel, da der Al-Qaida Führer manche wichtigen Themen nicht ansprach, doch das Video vom April überzeugte auch die letzten Zweifler, dass al-Zawahiri noch lebendig ist: In einem Video lobt der Al-Qaida-Chef eine indische Muslimin, die sich im Februar dem Verbot des traditionellen Kopftuchs (Hijab) widersetzt hat.

Mai 2022: al-Zawahiri gibt der USA die Schuld am Angriff auf die Ukraine

In einem 27 Minuten langen Video, in dem Ayman al-Zawahiri an einem Schreibtisch mit Büchern und einem Gewehr sitzt, sagt er, dass die „Schwäche der USA“ der Grund dafür sei, dass ihr Verbündeter Ukraine „Beute“ für die russische Invasion wurde (siehe HIER, HIER und HIER).

Er rief zur Einheit der Muslime auf, sagte, die USA befänden sich in einem Zustand der Schwäche und des Niedergangs und verwies auf die Auswirkungen der Kriege im Irak und in Afghanistan, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begonnen wurden.

Der Tod des Al-Qaida-Führers

Am 1. August wurde der Tod al-Zawahiris offiziell vom Weißen Haus verkündet. Demnach starb er bei einem gezielten Drohnenangriff auf sein Haus in Kabul. Dieser Angriff wurde monatelang vorbereitet, um absolut sicher zu sein, dass al-Zawahiri sich auch in dem Haus befindet.

Laut Reuters wussten hochrangige Regierungsbeamte seit Anfang April, wo sich al-Zawahiri versteckt hielt. Durch mehrere, voneinander unabhängige Quellen konnte ein Verhaltensmuster erstellt werden, welches als Grundlage für die Operation diente.

Da in dem Haus auch seine Familie wohnt, erwies sich eine „einfache“ Bombardierung als schwierig, da dann zweifellos auch Zivilisten getötet werden würden. Deswegen wurde eine bewaffnete Drohne in Stellung gebracht, die dann auf al-Zawahiri schoss, als er sich alleine auf dem Balkon befand.

Fazit

Seit dem November 2020, als nur wenige, unbekannte Quellen einem Medium gegenüber den Tod des Al-Qaida-Führers bestätigten, gab es mehrere Videos mit ihm. Insbesondere nach dem August 2021, als die USA die Truppen aus Afghanistan abzog, mehrten sich die Videos wieder, während er Anfang 2021 kaum auftauchte und sein Tod weiterhin spekuliert wurde.

Die Behauptung, dass er nun quasi zum zweiten Mal starb und die aktuelle Todesmeldung reine Propaganda sei, ist somit als falsch anzusehen: Die damalige Todesmeldungen beruhten mehr auf Gerüchten, eine offizielle Todesbestätigung gab es damals von keiner Seite.

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