Akustische Illusionen: Warum wir hier hören, was wir lesen

Ralf Nowotny, 15. Juni 2021
Akustische Illusion: Warum wir hier hören, was wir lesen
Akustische Illusion: Warum wir hier hören, was wir lesen

Optische Illusionen kennen wir alle ja zur Genüge. Aber es gibt auch akustische Illusionen, und ein schönes Beispiel dafür findet sich auf in sozialen Medien.

Eigentlich nichts Besonderes: In einem Video hört man Fußballfans einen Satz singen. Doch nun das Skurrile: Der gesungene Satz scheint sich zu verändern, wenn man gleichzeitig einen anderen Satz liest.
Eine akustische Illusion allererster Güte:

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Je nachdem, welchen der folgenden Sätze man liest, scheinen die Fans exakt das auch zu rufen:

  • Bart Simpson bouncing
  • Rotating pirate ship
  • That isn’t my receipt
  • Lobsters in motion
  • That is embarrassing
  • Lactates in pharmacy
  • I’m chasing Martian
  • Baptism piracy
  • That isn’t mercy

Lustigerweise klappt das auch mit deutschen Sätzen: Unser Chef Tom hört „Lasst mich doch anziehen“, Kollegin Beate hört „Nazis im Wannsee“.

Warum wir hören, was wir erwarten

Vor knapp einem Jahr, im Juli 2020, ging eine ähnliche akustische Illusion viral (siehe HIER), damals hörte man entweder „Green Needle“ oder „Brainstorm“, je nachdem, welches Wort man beim Hören las.

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Jene akustische Illusion wurde erstmals 2018 auf Reddit gepostet (siehe HIER). Das Spielzeug in dem Video sagt übrigens „Brainstorm“.

Jessamyn Schertz, eine Assistenzprofessorin am Department of Linguistics der University of Toronto, erklärte gegenüber CTVNews das Phänomen:

„Jedes Mal, wenn ein Wort gesprochen wird, sind die physikalischen Eigenschaften des Klangs, der produziert wird, sehr unterschiedlich – das liegt an den physiologischen Unterschieden zwischen verschiedenen Sprechern oder verschiedenen Sprachstilen und verschiedenen Hörumgebungen.

All diese Variationen bedeuten, dass es keine einzigartige ‚Signatur‘ gibt, die ein bestimmtes Wort definiert, sondern dass es eine große Bandbreite an möglichen Klängen gibt, die zu einem Wort passen.“

Einfacher ausgedrückt:
Der Klang eines Wortes ist nie einzigartig, sondern verschiedene Klänge können dasselbe Wort bedeuten – was auch gut ist, denn ansonsten würden wir uns untereinander gar nicht verstehen, weil jeder eine andere Stimme hat und ein Wort in Nuancen anders ausspricht.

Und da kommt dann unser Gehirn dazu: Es empfängt die vom Ohr aufgefangenen Klänge und vergleicht sie mit bereits gespeicherten Klangmustern, um das Wort zu interpretieren.

„Der Mensch ist so sehr daran gewöhnt, Sprache zu hören, dass es einfach und mühelos erscheint, aber tatsächlich ist es eine extrem komplexe Aufgabe, die Botschaft einer Person aus den gehörten Klängen zu rekonstruieren.

Schon das Betrachten eines Wortes – oder sogar das Schließen der Augen und das Vorstellen eines Wortes – beeinflusst die Art und Weise, wie wir genau denselben Klang hören.“

so Jessamyn Schertz.

Und was hört man nun wirklich in dem Video?

Der echte Satz versteckt sich in den oben aufgeführten Sätzen.

Wer aber nicht weiter raten möchte: Es ist „That is embarrassing“ (auf Deutsch: „Das ist peinlich“). Dabei handelt es sich um einen Fangesang des englischen Fußballclubs Derby County.

Das Original ist auf der Seite „Fan Chants“ (siehe HIER) zu hören.

Wenn also wieder mal beispielsweise das Kind „Ja“ hört, obwohl Mama oder Papa eindeutig „Nein“ sagten, dann habt Nachsicht: Vielleicht war es ja eine ähnliche akustische Illusion. 😉

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