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Samstag, 24 Juli 2021
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Faktencheck: „Ich bin das vergessene Opfer der spanischen Kultur.“

Facebook-Themen

Ein viel geteilter Facebookbeitrag zeigt, zusammen mit einem recht dramtischen Text, ein Pferd mit verbundenen Augen.

Es handelt sich um diesen Beitrag:

Screenshot: mimikama.at

Der Beitrag im Wortlaut:

„Ich bin das vergessene Opfer der spanischen Kultur.
Sie haben meine Stimmbänder zerschnitten, damit ich nicht schreien kann. Meine Augen sind verbunden, damit ich die Gefahr nicht sehe. Meine Nüstern sind voll mit Vaseline damit ich das Blut nicht rieche. In meine Ohren haben sie Baumwolle gestopft damit ich die Schreie des Stieres und der einfältigen Schaulustigen nicht hören kann.
Ich bin nichts wert, ich diene nur der Unterhaltung sadistischer Menschen.
Ich bin das vergessene Opfer der spanischen Kultur.“

Hinweis:
Dieser Artikel soll nicht den Stierkampf und deren Methoden verteidigen oder schönreden, sondern einzig und alleine die zu den Pferden gemachten Behauptungen unter die Lupe nehmen.

Der Ursprung des Textes und des Bildes

Das Bild (in Farbe) und der sinngemäße Text stammen von der spanischen Facebookseite „Valencia antitaurina“ die im Juni 2018 diese Behauptungen aufstellten.

Für Eilige: Warum hat das Pferd die Augen verbunden?

Tatsächlich werden manchen Pferden bei Stierkämpfen die Augen verbunden, manche bekommen auch Wattebäusche in die Ohren.
Dies hat auch einen Sinn, da gerade Pferde, die noch nicht so oft in der Arena standen, sonst zu leicht durch visuelle und akkustische Reize abgelenkt werden. Auf diese Art  ist gesichert, dass das Pferd sich vollkommen auf die Befehle des Reiters (durch Ziehen am Zügel, Berührungen etc.) konzentrieren kann.
Dies ist auch äußerst wichtig, da diese Pferde nicht etwa „verheizt“ werden, sondern sehr wertvoll sind, wie wir weiter unten erläutern!

Es gibt allerdings keinen einzigen Hinweis oder Beleg, dass ihnen auch die Stimmbänder zerschnitten werden. Christophe Leprêtre, Vorsitzender des Tierschutznetzwerks „Animavie“ bestätigt gegenüber „AFP„, dass keine Veterinärbehörde bisher jemals Meldungen über Pferde mit zerschnittenen Stimmbändern erhalten habe.

Auch Margaux Justice-Espenan, Tierarzt und Autor einer 2012 erschienen Dissertation über Pferde bei Stierkämpfen, merkt an, dass Augenbinden und Ohrstöpsel dem Tier keinen Schmerz zufügen, kein Tierarzt aber jemals einem Pferd die Stimmbänder durchtrennen würde. Dies mache auch nur wenig Sinn, da ein Pferd nicht aus Angst wiehert, sondern einfach flieht.
Zudem wird eben sehr darauf geachtet, dass dem Tier während des Kampfes eben kein Schmerz zugefügt wird (deswegen auch die spezielle „Rüstung“), was der einzige Grund wäre, dass ein Pferd dann wieher würde: Aus Schmerz bei einer Verletzung.

Der Hintergrund: Warum gibt es Pferde bei Stierkämpfen?

Die Art des Stierkampfes, bei denen Pferde beteiligt sind, nennt sich „Rejoneo“.
Zweifellos sind die Pferde dabei einem großen Stress ausgesetzt, doch würde sicher nicht jedes Pferd, ob alt oder nicht, dies so mitmachen, wie es in den Arenen zu sehen ist.

Die Seiten „Royal Andalusians“ und „Toros y Toreros„, welche sich beide intensiv sowohl mit Stierkämpfen als auch mit dem „Rejoneo“ beschäftigen, erklären genauer, was dabei eigentlich geschieht.

Um was für Pferde handelt es sich?

Oftmals wird behauptet, dass für den Stierkampf mit Pferden alte „nutzlose“ Pferde verwendet werden, die dem Stier als Ziel dienen.

Dies ist allerdings falsch!
Diese Pferde unterschiedlicher Rassen durchlaufen nicht nur eine klassische Dressurausbildung, sondern lernen auch zahlreiche Lektionen der „Hohen Schule“, beispielsweise den „Spanischen Schritt“ oder die „Piaffe“.
Nach der Grundausbildung werden die Tiere langsam an den Anblick von Stieren gewöhnt, indem zuerst mit einer Art Schubkarren mit Stierkopf geübt wird. Erst zu diesem Zeitpunkt zeigt sich, ob das Pferd überhaupt für den Stierkampf geeignet oder vom Charakter her zu ängstlich ist.

In den nächsten Schritten der Ausbildung werden die Pferde dann zunächst mit echten Kühen konfrontiert. Behalten sie da auch die Nerven, nehmen sie am Rande an Stierkampfturnieren teil, um sich an die Atmosphäre während eines Stierkampfes zu gewöhnen.
Erst im letzten Schritt nehmen die Pferde dann tatsächlich an Stierkämpfen teil. Sollten also die Nerven des Pferdes mitmachen, sie sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und exakt auf den Reiter hören, kann das Tier seine Karriere beginnen.

Seine Karriere?

Richtig. Denn es handelt sich keineswegs um alte Tiere, die quasi „verheizt“ werden, sondern um speziell ausgebildete Pferde, deren Ansehen von Kampf zu Kampf steigt, so dass viele Pferde, die eine solche Ausbildung bestanden haben und schon einige Male in der Arena standen, als unverkäuflich gelten.

Eine solche Ausbildung wäre nicht nötig, wenn die Pferde einzig und alleine dem Zwecke dienen würden, von dem Stier aufgespießt zu werden. Dann wäre auch jene Weste, die die Pferde tragen, die dem Schutz vor Verletzungen dient, überhaupt nicht nötig.
Die Augenbinde, welche manche Pferde tragen, gilt auch eher dem Schutz des Pferdes, damit es sich nicht durch optische Reize ablenken lässt und dadurch in Gefahr gerät, sondern sich einzig und alleine auf die Befehle des Reiters konzentrieren kann.
Dazu muss auch ein perfektes Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Reiter aufgebaut werden, welches ebenfalls oft mehrere Jahre dauert.

Fazit

Die Pferde, welche bei Stierkämpfen eingesetzt werden, bekamen eine langwierige, spezielle Ausbildung und sind sehr wertvoll. Sie dienen dem Stier nicht als Ziel, sondern dem Stierkämpfer als Unterstützung. Zudem gibt es keinerlei Belege, dass den Tieren die Stimmbänder zerschnitten werden.

Man kann durchaus darauf aufmerksam machen, dass Pferde dabei auch verletzt werden können, dies wird allerdings so gut es geht vermieden. Die Pferde sind also keineswegs „vergessene Opfer der spanischen Kultur“, sondern sehr wertvoll und teilweise unbezahlbar.

Artikelbild: German Gonzalez Stock / Shutterstock

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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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