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Montag, 20 September 2021
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Seuchenarzt mit Pestmaske und die Vergewaltigungen. Was ist daran?

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Derzeit verängstigt eine urbane Horrorgeschichte um einen Seuchenarzt mit einer Pestmaske Kinder und Jugendliche in Österreich und Deutschland.

Urbane Horrorgeschichten! Diese Geschichten sind uns nicht unbekannt. Sie tauchen regelmäßig auf, und verängstigen Kinder, Jugendliche, aber auch deren Eltern. So wie es derzeit eine Geschichte um einen Seuchenarzt mit der Pestmaske tut.

Short & simple:

  • In einem Video ist ein Mann mit Pestmaske zu sehen
  • Video verbreitete sich über TikTok
  • Ursprung dürfte Schottland sein
  • Keine Vergewaltigungen! Keine kriminellen Hintergründe
  • Keine Meldungen in Deutschland oder Österreich
  • Am Ende des Artikels geben wir Tipps für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer!

Schauen wir uns kurz die urbane Horrorgeschichte an. Auslöser ist ein Video, in dem ein Mann mit einer Pestmaske und in einem mittelalterlich wirkenden Pestkostüm mehr oder weniger tanzend zu sehen ist.

Zu diesem Video gibt es die Geschichte, dass er vor Schulen jungen Mädchen auflauern würde. Er würde sie vergewaltigen wollen heißt es. Daneben gibt es auch mehr oder weniger konkrete Ortsangaben. Angeblich sei er schon in Berlin gesehen worden, in Hamburg, in München oder einer nicht näher definierten Freiberg.

Urbane Horrorgeschichten: Seuchenarzt mit Pestmaske in bester Gesellschaft!

Wie eingangs erwähnt, sind uns urbane Horrorgeschichten nicht fremd. Auch das Problem mit diesen Geschichten ist uns nicht fremd, denn es ist nur sehr schwer gegen diese verängstigenden und emotionsbasierten Geschichten anzugehen. Dennoch haben wir beobachtet, dass Sie in regelmäßigen Abständen diese Art von Geschichten auftauchen. Um es zu verdeutlichen:

Im Jahr 2016 gab es im Herbst die Geschichte um die sogenannten Horrorclowns. Damals hieß es, diese Clowns würden auf den Straßen herumlaufen und mit einem Messer bewaffnet Menschen auflauern. Vor dieser Geschichte haben Kinder, Jugendliche und Eltern natürlich Angst gehabt. Über Kettenbriefe oder Elternbriefe wurde davor gewarnt, das Problem wurde sogar in die Medien getragen. Die Horrorclowns wurden jedoch nie in diesem Umfang gesichtet, sondern höchstens Trittbrettfahrer.

Das Problem der Trittbrettfahrer ist überhaupt ein Begleitphänomen, das immer dann auftaucht, wenn über häufig in den Medien vor urbanen Horrorgeschichten gewarnt wird. Rückblickend gesehen wissen wir also, dass die Horrorclown-Geschichte nichts anderes als eine Mischung aus gutem Marketing, einer urbanen Horrorlegende, und übersteigerter Angst der partizipativen Kulturen war.

2017, also ein Jahr später ungefähr tauchte die sogenannte Blue-Whale-Challenge auf. Hier wird es schon spannender, wenn diese Geschichte sagt aus, dass Jugendliche und Kinder an einer Challenge (Wettbewerb) teilnehmen würden, bei welcher die letzte Aufgabe der eigene Tod wäre.

Auch hier konnten wir wieder dasselbe Phänomen beobachten: Kinder, Jugendliche und Eltern waren alarmiert, doch die Blue-Whale-Challenge an sich hat niemals jemand gesehen. Aus dieser Angstsituation heraus wurden auch Lehrerin und Lehrer alarmiert und Elternbriefe tauchten auf, die vor der Blue-Whale-Challenge gewarnt haben.

Medien und Polizei haben ebenso davor gewarnt. Doch wir müssen weiterhin festhalten: die Blue-Whale-Challenge hat es nicht gegeben. Niemand hat diese Challenge jemals gesehen. Sie war eine reine urbane Horrorgeschichte, die sich viral verbreitet hat.

2018, also wieder ca. ein Jahr später tauchte dann ein neues Phänomen auf. Dieses Phänomen dürfte vielen noch im Kopf sein: Momo! Bei Momo handelt es sich um eine urbane Horrorgeschichte, die sich selbst an vielen anderen Geschichten bedient hat. Wir finden beispielsweise bei Momo Elemente von alten Kettenbriefen wieder (Teresa Fidalgo Kettenbrief), aber auch substanzielle Bestandteile von anderen urbanen Horrorgeschichten. Ich erinnere hier an die Momo-Challenge, die in ihrem Wortlaut 1 zu 1 der Blue-Whale- Challenge übereinstimmt. Auch diese Challenge hat niemals jemand gesehen.

Ganz ähnlich der Horrorclown-Geschichte entwickelte sich im Laufe der Zeit auch bei der Momo-Challenge eine Trittbrettfahrer-Kultur. Das bedeutet, je häufiger gewarnt und darüber berichtet wurde, desto mehr Menschen erlaubten sich einen „Spaß“ aus der Geschichte.

YouTuber haben das Phänomen Momo aufgegriffen, um Angstgeschichten zu erzählen und damit Klicks zu generieren. Andererseits berichteten Einzelpersonen prahlerisch oder dramaturgisch innerhalb ihrer Freundeskreise, dass sie von Momo angeschrieben worden sind. Das kann entweder ein sogenannter Prank (Scherz) gewesen sein, oder einfach nur eine Lüge, um im Mittelpunkt der Diskussion zu stehen.

Auch 2019 Momo: Mit Momo hatten wir wirklich lange zu kämpfen, im Grunde feierte Momo 2019 sogar ein Revival! Somit war die urbane Horrorgeschichte „Momo“ 2 Jahre vorherrschend. Mittlerweile steht deutlich fest: Momo und auch die dazugehörige Momo-Challenge, waren nichts anderes als urbane Horrorgeschichten.

Diese Horrorgeschichten haben allein durch ihre Viralität und die dadurch erzeugten Ängste gewirkt. Wir haben es also wieder mal mit plausibel klingen im Narrativen zu tun, jedoch waren diese Geschichten erfunden.

Und 2020? Was viele nicht bemerkt haben, im letzten Jahr gab es eine Nachfolge Geschichte von Momo! Im Laufe des Jahres tauchte auf einmal der Spooky Goofy auf. Angeblich hätte es dazu auch eine Spooky-Goofy-Challenge gegeben, denn dieser Mann mit dem Goofy als Titelbild, hätte angeblich Kinder und Jugendliche in eine Challenge gelockt, bei welcher die letzte Aufgabe der eigene Tod wäre.

An dieser Stelle bemerken wir: Wir haben es zum dritten Mal mittlerweile mit ein und derselben Geschichte zu tun, die immer dynamisch ein neues Gewand bekommen hat.

Doch die Spooky Goofy Geschichte hat sich nicht durchgesetzt. Der Grund dafür ist die Corona-Pandemie. Diese hat medial alles in den Schatten gestellt, was sonst aufgetaucht ist. Insofern konnte sich die Spooky Goofy Geschichte gar nicht erst etablieren und wir sind 2020 von einer großen urbanen Horrorgeschichte verschont geblieben.

Der Seuchenarzt mit der Pestmaske

2021 sieht das jedoch ganz anders aus. Hier verbindet sich nun eine urbane Horrorgeschichte mit der Corona-Pandemie. Wir haben also einen realen Aufhänger, an der die urbane Horrorgeschichte gedeihen kann.

Pestmasken tauchen in der Corona-Pandemie immer wieder auf. Speziell auf Demonstration gegen Corona Maßnahmen tragen einzelne Teilnehmende immer wieder Pestmasken. Insofern wird dadurch ein Zusammenhang errichtet.

Diese Pestmasken wurden auch schon im Mittelalter von solchen Seuchenärzten getragen. Insofern haben wir auch einen historischen Aufhänger. Also klingt das gesamte Narrativ an dieser Stelle erneut plausibel und kann somit seine Wirkung entfalten.

Genau das ist nun auch geschehen.Die urbane Horrorgeschichte zum Seuchenarzt spricht davon, dass es ein oder gar mehrere als Seuchenärzte verkleidete Menschen gebe, die auf dem Schulweg jungen Mädchen und jungen Frauen auflauern. Diese würden dann vergewaltigt werden.

Diese Geschichte wird speziell auf Tiktok verbreitet, aber mittlerweile auch über die Messenger geteilt. Das verunsichert nicht nur die jungen Menschen, sondern auch ihre Eltern. Ebenso sind Lehrerinnen und Lehrer hilflos dieser urban Horrorgeschichte ausgesetzt. Denn zunächst steht ja die Frage im Raum, ob die Geschichte um den Seuchenarzt mit der Pestmaske stimmt oder falsch ist.

Keine Vergewaltigung durch Seuchenarzt mit Pestmaske!

An dieser Stelle haben wir nach dem Ursprung der Geschichte gesucht. Die gesamte urbane Horrorgeschichte hat sich über die Social-Media-Plattform Tiktok zunächst verbreitet. Es ist nicht ganz einfach, den Ursprung des Videos auszumachen, aber die plausibelsten Hinweise deuten auf Schottland hin.

Hier erfahren wir aus der Zeitung Edinburgh Live, dass eine Person in Falkirk gesehen wurde, die sich als Arzt mit Pestmaske verkleidet hat. Die Polizei ist dementsprechend schon alarmiert worden, und haben laut Medienangaben den man in der Pestkleidung aus dem Video identifizieren können und auch aufgesucht. In diesem Zusammenhang stellten die Beamten fest, dass es keinerlei kriminelle Aktivitäten gab.

„We have identified the male youth who was seen and he has been visited by officers who have offered appropriate advice to him.

„We have no reports of any criminal activity and officers have been out in the community providing reassurance, including speaking at schools in the area.“

Da es sich hierbei um die ältesten Medien-Fundstellen handelt, ist entsprechend nach bisherigen Kenntnissen Schottland als Ausgangspunkt für dieses Video zu nennen.

Auf Social Media ist durch dieses eine Video zudem eine urbane Horrorgeschichte entstanden, die ungeprüft immer weiter geteilt wurde. Dem gruselig anmutenden Video wurde eine Geschichte mit Vergewaltigungen junger Mädchen und Frauen angedichtet. Angst ist hier der Motor gewesen. Angst und die Alltagstauglichkeit, da dieser Seuchenarzt der Geschichte nach den Kindern auf dem Schulweg auflauere.

Dadurch klingt die Geschichte auch aus der Angst heraus plausibel und alltagstauglich. Mit der Corona-Pandemie auf der Metaebene (Seuchenarzt) bietet diese urbane Horrorgeschichte eine allgemeine Betroffenheitslage.

Was sagt die Polizei bei uns dazu?

Wir haben in Deutschland und Österreich mit der Polizei Kontakt aufgenommen, da auf Tiktok ebenso behauptet wurde, dass der Seuchenarzt mit der Pestmaske in Deutschland und Österreich unterwegs ist. Auch hier steht die Behauptung im Raum, dass es Vergewaltigungen gegeben habe.

Wie zu erwarten, fallen die Antworten der Polizei recht eindeutig aus. Wir haben mit verschiedenen Pressestellen der Polizei Kontakt aufgenommen und bereits erste Antworten bekommen. Die Polizei Berlin schreibt uns:

Sehr geehrter Herr Wolf,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Aufgrund einer ähnlichen Anfrage am gestrigen Tage kann ich Ihnen bereits jetzt antworten.
Nach Prüfung des Landeskriminalamtes Berlin liegen derzeit keine Erkenntnisse im Zusammenhang mit Straftaten vor, die auf Vergewaltigung von sogenannten Seuchendoktoren oder Pestärzten zurückzuführen sind.

Mit freundlichen Grüßen
Der Polizeipräsident in Berlin
Polizeipräsidium Stab – Stabsabteilung Kommunikation

Sowie die Polizei Hamburg:

Sehr geehrter Herr Wolf,
der Hamburger Polizei sind keine Fälle von Sexualdelikten durch Personen, die als „Seuchendoktor“ verkleidet sind, bekannt.

Mit freundlichen Grüßen,
Polizei Hamburg
Polizeipressestelle

Und hier eine sehr deutliche Aussage der Polizei München:

Sehr geehrter Herr Wolf,

auf Ihre Frage bezüglich der aktuellen Videos zum „Seuchendoktor“ habe ich Rücksprache mit unserer Abteilung Einsatz gehalten, welche die aktuellen Einsatzlagen überwacht. Ebenso wurde Rücksprache mit der zuständigen Kriminalpolizei, welche Delikte im Zusammenhang mit Sexualstraftaten verfolgt, gehalten. Es gibt in München bisher keinerlei Fälle, welche im Zusammenhang mit dem „Seuchendoktor“ stehen.

Somit gibt es KEINE Vorfälle im Zusammenhang mit einem Seuchendoktor.

Hoffentlich hat dieser TikTok-Trend bald ein Ende.

Sollten Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit telefonisch oder per Mail erreichen.

Mit freundlichen Grüßen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/ Team Digitale Medien
Polizeipräsidium München
Präsidialbüro – Pressestelle

Aber auch in Wien gab es KEINE Hinweise:

Sehr geehrter Herr Wolf,

vielen Dank für Ihre E-Mail und generell für die wichtige Arbeit, die Sie und das Team von Mimikama tagtäglich leisten. Nach Rücksprache mit unseren Kolleg*innen des Landeskriminalamts Wien können wir Ihnen mitteilen, dass in Wien keine polizeilichen Wahrnehmungen bzw. angezeigte Fälle von strafbaren Handlungen in Zusammenhang mit diesem „Seuchendoktor“ oder ähnlichen Figuren vorliegen.

Mit freundlichen Grüßen
Landespolizeidirektion Wien

Keine dieser Polizeistellen hat also in irgendeiner Form eine Vergewaltigung in Zusammenhang mit einem Seuchendoktor mit Pestmaske zu vermelden.

Tipps für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer!

  • Thematisieren.
    Sprechen Sie das Thema urbaner Horrorgeschichten und Kettenbriefe von sich aus an, auch ohne dass es einen konkreten Anlassfall gibt.
  • Erklären.
    Erklären Sie das Prinzip von urbanen Horrorgeschichten und Kettenbriefen und machen Sie Ihrem Kind klar, dass man die in Kettenbriefen verbreiteten Horrorgeschichten nicht ernst nehmen muss – es droht keine echte Gefahr.
  • Nachfragen.
    Fragen Sie bei Ihrem Kind immer wieder nach, ob es in letzter Zeit urbane Horrorgeschichten und Kettenbriefe bekommen hat oder welche Nachrichten gerade in der Klasse im Umlauf sind.
  • Ängste ernst nehmen!
    Wenn ein Kind sich Sorgen macht, dass es selbst oder eine nahestehende Person sterben könnte oder dass es in der Klasse unbeliebt wird, weil es eine Nachricht nicht weitergeschickt hat, dann sind diese Sorgen ganz real und oft auch sehr mächtig. Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass es jederzeit zu Ihnen kommen kann, falls ihm ein Foto, ein Video, eine Nachricht etc. Angst macht oder es nicht schlafen kann.
  • Regeln vereinbaren.
    Besprechen Sie mit Ihrem Kind, welche Kettenbriefe weitergeschickt werden können und welche nicht. Angstmachende Nachrichten sollte Ihr Kind keinesfalls weiterverbreiten, da sonst noch mehr Kinder Angst bekommen.
  • Im Anlassfall:
    Bleiben Sie ruhig! Reagieren Sie nicht mit Verboten, sonst könnte es sein, dass sich Ihr Kind beim nächsten Mal nicht wieder an Sie wendet.

 


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