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Rät eine Psychologin zum Stillhalten bei Vergewaltigungen?

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Im Juni 2017 verbreitete sich auf mehreren populistischen Seiten die Meldung, dass eine Psychologin dazu rate, bei Vergewaltigungen einfach stillzuhalten. Nun taucht diese Meldung wieder auf, und viele fragen sich „Rät sie das wirklich?“

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Screenshot Facebook
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So titelt die Seite „Freie Welt„:

„Kriminalpsychologin rät: bei einer Vergewaltigung stillhalten“

Weiter heißt es im Text, dass die Kriminalpsychologin Lydia Benecke sich im Gefängnis mit einem Vergewaltiger aus Ghana unterhielt und daraufhin in einem Interview mit dem „Kölner Express“ die These aufgestellt haben solle: „Frauen sollen bei Vergewaltigungen möglichst still halten. Die Täter würden nämlich nur so viel Gewalt wie unbedingt nötig einsetzen, um zu ihrem Ziel zu kommen.“

Was steckt dahinter?

Dazu müssen wir zurück in den April 2017 reisen. Damals überfiel der Ghanaer ein campendes Pärchen und vergewaltigte die Frau vor den Augen ihres Freundes. Im Juni 2017 beschäftigte sich Benecke mit dem Täter, der „Kölner Express“ bat daraufhin um ein Interview, um herauszufinden, „wie so ein Mensch ticke“. Die Kriminalpsychologin erklärte daraufhin, dass es sich bei dem Täter um den Typus „Gelegenheitsvergewaltiger“ handelt. Weiter erklärt sie:

„Solche Täter haben eine dissoziale Persönlichkeitsstruktur, sie empfinden kaum Mitgefühl oder Schuldgefühl, sind impulsiv und auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung aus. Wenn solche Täter auf Gegenwehr stoßen, dann schrecken sie allerdings auch vor drastischen Gewalthandlungen, im Extremfall sogar Tötungsdelikten, nicht zurück.“

Und darauffolgend der Satz, welcher den Stein ins Rollen brachte:

„Sich solch einem Täter zu widersetzen kann also eine tödliche Gewalteskalation bewirken, weshalb das Verhalten des Freundes des Opfers – so tragisch das Erlebnis auch für alle Beteiligten war – das einzig richtige Verhalten in dieser Situation war.“

Zudem machte sie klar, dass jener Tätertyp mit diesem Ausmaß an Gewaltbereitschaft ein statistisch eher seltener Ausnahmefall ist und sich in diesem Fall im nachhinein bestätigt hatte, dass er bereits einen Menschen getötet hat, also auch vor diesem Ausmaß an Gewalt nachweislich nicht zurückschreckte.

Die Empörungslawine

Wenn ihr die obigen Sätze aufmerksam gelesen habt, werdet ihr schnell merken, dass Lydia Benecke mitnichten allgemein dazu riet, bei Vergewaltigungen stillzuhalten, es aber in dem konkreten Fall die beste Möglichkeit war. Diese Schlussfolgerung wird noch dadurch unterstrichen, dass der Täter mit einer Machete bewaffnet war und vorher damit auf das Zelt des Pärchens einschlug. Auch die Polizei war der Ansicht, dass der Freund, welcher erst die Polizei informierte, als der Täter flüchtete, angesichts der Gefährlichkeit der Situation richtig gehandelt hat.

Nun sehen das diverse Seiten allerdings anders. Den Anfang machte die Seite PI-News, welche am 15. Juni 2017 von der „Kriminalpüchologin“ berichten, welche „dem dummen Volk erklärt, wie der Neger aus Ghana psychisch gestrickt ist“.
Darauf folgten diverse Verlinkungen und spöttische Beiträge auf Facebook, die sich allesamt auf zwei Dinge bezogen:

  1. Eine Kriminalpsychologin wagt es, einen Täter zu analysieren (ist das nicht auch eigentlich deren Aufgabe?)
  2. der letzte Satz des Interviews

Jener wird in jedem Posting und Artikel aus dem Zusammenhang gerissen, die Behauptung, dass Benecke allgemein zu so einem Verhalten rate, festigte sich mehr und mehr.

Der Blog „Journalistenwatch“ setzte dem am 19. Juni 2017 noch einen drauf, einleitend mit der Überschrift „Pippi aus Balla-Balla-Land: Psychologin rät zum Stillhalten bei Vergewaltigung“, bis zu giftspritzenden Sätzen wie „Also, Mädels, is nix mit Migräne. Brav die Beine spreizen und stillhalten“.

Die Artikel wurden nun fröhlich durch die „alternativen Medien“ gereicht, von Staseve über Eva Herman bis zu Unzensuriert und der oben genannten „Freie Welt“ wurde copypasted und verlinkt, bis man in Google auf den ersten Seiten eigentlich nur noch die Meldungen jener Seiten fand. Denn ein krimineller Flüchtling ist Wasser auf deren Mühlen, und wenn sich dann auch noch eine Kriminalpsychologin damit auseinandersetzt, ist das gefundenes Fressen für die sich empörende Masse der Leserschaft.

Fassen wir zusammen

Ein Ghanaer vergewaltigt eine Frau, ihr Freund reagiert erst, als der Mann flüchtete. Der Mann wird gefasst, die Kriminalpsycholgin Lydia Benecke beschäftigt sich mit dem Täter und gibt einer Zeitung ein Interview darüber. Populistischen Seiten gefällt es nicht, wenn jemand versucht, einen Täter zu verstehen, sie verstehen auch nicht, wenn man, wie der Freund, einfach stillhält. Somit wurde in den sozialen Netzwerken sowohl über den Freund als auch nachhaltig über die Kriminalpsychologin hergezogen. Dazu reißen sie den letzten Satz des Interviews aus dem Zusammenhang, ohne auch nur einmal zu erwähnen, dass sie bestätigte, das Verhalten des Freundes und der Frau sei in dem konkreten Fall richtig gewesen.

Zu keinem Zeitpunkt rät sie, wie die Seiten behaupten, zu einer „Täteranalyse“ (für den Laien ohnehin schwierig) während einer Tat, auch rät sie nicht zu einem allgemeinen „Stillhalten bei einer Vergewaltigung“.

Letztendlich haben wir es hier mit einer fast perfekt vernetzten organisierten Hetzkampagne zu tun, welche vor einem Jahr bereits losging und anscheinend jetzt wieder auflebt.

Wahrer werden aber diese Behauptungen dadurch trotzdem nicht.

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