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Pinky Gloves – oder: Wenn das Brainstorming zu früh abgebrochen wird

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Wer kennt diese Situation nicht? Du lebst als Mann in einer Wohngemeinschaft mit Frauen, also Menstruierenden. Ihr nutzt ein gemeinsames Badezimmer und da beginnt auch schon das Elend.

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Warnhinweis: Dieser Text kann Spuren von Sarkasmus der Autorin enthalten.

Jeder unbedarfte Blick in den Badmülleimer kann dich unweigerlich in Schockstarre versetzten. Miefige, rot triefende Schandmale der Mitbewohnerinnen starren dir entgegen und verhöhnen dich geradezu. Du weißt nicht, was du tun sollst, Hilflosigkeit macht sich breit. Das Entleeren des Beutels scheint keine Option, das Ertragen dieses scheußlich indiskreten Anblicks schon gar nicht.

Da für das solidarische Mitbluten leider der Uterus fehlt, muss eine andere Lösung her. Du bist ein Machertyp, du schaffst das – aber nicht allein. Du sammelst deine Gedanken. Wer ist hier wohl der beste Ansprechpartner? Wer kennt sich am besten mit der Periode aus? Richtig: Dein männlicher Mitbewohner, dein Leidensgenosse.

Bald sprecht ihr sogar mit den Verursacherinnen über die Problematik und ihr findet einen Weg. Natürlich nicht du und deine weiblichen Mitbewohner, nein: Du und dein männlicher Kompagnon. Ihr, die ihr diesen unwürdigen Anblick ständig ertragen müsst. Dieser Weg scheint nicht nur möglichem Ekel-Herpes vorzubeugen und alle WG-Probleme zu lösen, er könnte sogar lukrativ sein.

Wie man es so macht, als „echter Frauenversteher“, tüftelt und werkelt ihr an eurer Idee. Ihr befragt Freundinnen, echte von der Monatsblutung Betroffene sozusagen. Diese am Unternehmen zu beteiligen, ginge aber zu weit, das machst du schön weiter mit deinem Freund aus. Ihr bringt ein Produkt auf den Markt und wollt damit ganz groß rauskommen. Schließlich habt ihr soeben den Damenhygieneartikel-Entsorgungsmarkt revolutioniert und damit der Damenwelt einen wertvollen Dienst erwiesen. Ihr wisst was Frauen brauchen! Also: Her mit der Kohle! Doch irgendwie kommt es anders als geplant.

Was ich hier ein wenig überspitzt dargestellt habe, hat sich in ähnlicher Form so zugetragen.

Zwei Männer, Eugen Raimkulow und André Ritterswürden, lernen sich bei der Bundeswehr kennen, werden Freund und ziehen in eine WG mit Frauen. Dort fallen ihnen die Damenhygieneartikel im Mülleimer unangenehm auf. Also entwickeln André und Eugen „Pinky Gloves“. Ein pinker Handschuh (denn pink mögen Frauen bekanntlich am liebsten) mit dem die Damenwelt ihre Menstruationsprodukte künftig „hygienisch, auslaufsicher, geruchlos“ und vor allem „diskret“ entsorgen können. Diesen stellen sie in einem Pitch in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ vor, um ihr Unternehmen zu pushen und einen Investor an Land zu ziehen. Hier berichten sie davon, wie es zu der Idee kam und welche Entwicklung sie hinter sich haben und was das Produkt alles kann – stilecht mit einer pinken Toilette im Präsentationsraum, wie sie jede Frau aus den eigenen vier Wänden kennt. Entsorgte Tampons und Binden würden nach einer Weile unangenehm riechen und selbst in Klopapier eingerollt, sähe man das durchgenässte Stück Watte. „Das ist einfach ziemlich unangenehm“ offenbaren sich die Gründer.

Außerdem sei der Handschuh perfekt für unterwegs. Optimal – Damit hatte er den „Löwen“ Carsten Maschmeyer an der Angel, dem es offenbar schon oft ein Dorn im Auge war, wenn seine weibliche Begleitung beim Waldspaziergang ihren Tampon einfach dort entsorgt, wo sie gerade steht. Wer hat das nicht schonmal erlebt? Ich selbst stolpere ständig über benutzte Tampons im Wald, die sich tretminenartig im Geäst verstecken. Das ist nicht nur gefährlich, sondern schadet auch der Umwelt! Pfui Bah! (Was übrigens auch der Umwelt schadet, sind Plastikhandschuhe, die einzeln in Plastik verpackt wurden – just saying)

Wo kämen wir denn hin, wenn Frau mit dem Wechseln ihres Hygieneprodukts einfach bis zum nächsten Toilettengang warten würde? Mit den Tampons schöne Muster auf dem Waldboden drapieren, klingt da deutlich attraktiver.

Das Ende vom Lied: Es findet sich ein Investor, Ralf Dümmel (übrigens auch ein Mann), die Gründer freuen sich, dass es nun richtig losgehen kann und dann passiert es: Der Shitstorm entlädt sich über den Erfindern des pinken Handschuhs mit dem Klebestreifen.

Die Kritik von vielen Seiten lautet unter anderem: Pinky Gloves seien unnötig, nicht nachhaltig und stigmatisieren die Menstruation. Es suggeriere, die Monatsblutung sei etwas, das es zu verstecken gilt, für das man sich schämen müsse.

Und jetzt komme ich – Frau und Menstruierende und dementsprechend auch etwas voreingenommen, was dieses Thema betrifft.

Ich möchte den Gründern des Start-Ups eigentlich nichts Schlechtes unterstellen, denn ich glaube grundsätzlich an das Gute in Menschen. Aber mal im Ernst: Es ist 2021. Wir müssen unsere benutzten Tampons nicht in pinken, blickdichten Plastikröllchen vor der Welt verstecken, um sie vor deren Anblick zu schützen. Solange wir sie nicht als Weitwurf-Geschoss oder Weihnachtsbaum-Dekoration benutzen, sollten doch alle cool damit sein, oder? Wir bluten also einmal im Monat, so what? Die meisten Frauen hatten schonmal Menstruationsblut an Händen oder anderen Körperteilen und das hat uns nicht zum Schmelzen gebracht. Wirklich nicht.

Dass André und Eugen jetzt in einem Statement auf Instagram kundtun, dass es nicht ihre Absicht gewesen sei, den Eindruck zu erwecken, Menstruation sei etwas Ekliges oder Unhygienisches, zeigt nur, dass sie sich nicht mit dem auseinandergesetzt haben, womit sie nun Geld verdienen wollen. Es ist schön, dass ihr, lieber Eugen, lieber André, euch mit dem Thema auseinandersetzt, aber bitte sagt Frauen nicht, was sie brauchen, denn das wissen sie selbst meist am besten.

Ich denke, was Frauen deutlich besser gebrauchen können, als pinke Menstruationshandschuhe wäre wohl eher die Enttabuisierung der Menstruation, Aufklärung und Sichtbarkeit (würde vielleicht sogar zur Selbstverständlichkeit von Mülleimern auf Toiletten führen). Und vielleicht sogar Beteiligung an Dingen, die sie angehen und echtes Mitspracherecht aber keine Männer, die ihnen erklären, was ihre „Probleme“ während der Menstruation löst. Und vor allem nicht noch ein Produkt, für das sie während der Periode Geld ausgeben sollen. Da gibt es wirklich genug. Manches davon sogar nachhaltig und gut durchdacht!

Gäbe es nicht dieses Bohei, das uns zu blutenden Außerirdischen macht, wäre es auch für uns entspannter. Die Periode ist weder ekelhaft noch etwas, das es zu verstecken gilt. Es ist normal und gehört zu uns und wir können in den meisten Fällen gut damit umgehen. Und wenn nicht, fragen wir vermutlich eher eine andere Frau um einen Ratschlag.

Aber ich möchte euch dennoch danken, lieber André, lieber Eugen. Dank eures nicht ganz zu Ende gedachten Handschuhes bekommt ein Thema Aufmerksamkeit, dass sonst oft unter den Tisch gekehrt wird.

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Quelle:
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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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