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Mittwoch, 1 Dezember 2021

Nein, Naomi Seibt widerlegt nicht den PCR Test von Prof. Drosten

Die YouTuberin Naomi Seibt soll angeblich den Nutzen des PCR-Tests auf SARS-CoV-2 widerlegt haben.

In einem knapp 18 Minuten langen YouTube-Video von der 2. Konferenz der Freien Medien, die am 10. Oktober stattfand,  führt die YouTuberin Naomi Seibt mehrere Punkte an, die beweisen sollen, dass der PCR-Test auf den neuen Coronavirus sinnlos sei.

Im Folgenden werden wir auf die einzelnen Behauptungen in dem Video eingehen.

Die Behauptungen

Dr. Li Wenliang und die sieben Patienten

Seibt erzählt, dass der Augenarzt Dr. Li Wenliang am 30.12.2019 sieben Fälle von SARS in seiner Klinik vorgefunden hätte. Daraufhin habe er eine WhatsApp-Nachricht an seine Kollegen geschickt. „Und wir reden hier von sieben Patienten, von Milliarden von Menschen, die in China leben“, kommentiert Seibt.

Übersehen wir mal die wahrscheinliche Vereinfachung, dass er die Nachricht per WhatsApp verschickt habe, denn die App ist seit Jahren in China blockiert. Stattdessen postete er die Nachricht auf WeChat, eine Art chinesisches WhatsApp mit mehr Funktionen.

Was eher auffällt, ist das Herunterspielen, da Seibt nur auf die sieben Patienten eingeht, die Dr. Li Wenliang in seiner Klinik entdeckte und dies leicht spöttisch kommentiert.
Zu diesem Zeitpunkt gab es aber bereits 266 bestätigte Fälle jener mysteriösen Lungenkrankheit, die SARS ähnelt.

Dr. Li Wenliang war allerdings der erste Mediziner, der auch öffentlich auf die wahrscheinlich neue Krankheit aufmerksam machte und deswegen von den Behörden wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ angeklagt wurde.

Drosten und der PCR-Test

Bereits am 1. Januar 2020 soll Prof. Drosten sich eingeschaltet und den PCR-Test entwickelt haben. Er haben diesen entwickelt, obwohl es noch keine klinischen Daten aus China gegeben habe, das Virus noch nie sequenziert oder isoliert wurde.

Zur Verdeutlichung zeigt Seibt auf einer Powerpoint-Präsentation eine Forschungsarbeit für einen Workflow zur Entwicklung eines PCR-Tests und zitiert einige Sätze daraus.


KORREKTUR 22.10.

Christian Drosten wird in jener Forschungsarbeit auch genannt, wenn auch nur an letzter Stelle. Wir wurden freundlicherweise darauf hingewiesen, dass dies nicht bedeutet, er habe damit am Wenigsten zu tun, sondern dass an dieser Stelle der Wissenschaftler steht, der das Projekt ermöglichte.

Der genaue Anteil eines jeden Autors kann man auch am Ende des Fachartikels unter „Author Contribution“ einsehen. Für Christian Drosten ist unter dem entsprechenden Artikel aufgeführt: „Planned experiments, conceptualised the laboratory work, conceptualised the overall study, wrote the Manuscript draft“ (Geplante Experimente, konzeptualisierte die Laborarbeit, konzeptualisierte die Gesamtstudie, schrieb den Manuskriptentwurf).

Drosten an letzter Stelle
Drosten an letzter Stelle


Aus dem gesamten Workflow für einen künftigen PCR-Test zitiert Seibst nur zwei Sätze aus verschiedenen Stellen, in denen geschildert wird, dass zu dem Zeitpunkt das neue Coronavirus nicht physikalisch verfügbar war.

Das ist auch korrekt, denn das ist das Besondere an dieser Forschung: Es wurden hunderte Proben von genetischem Material verwandter Viren genommen, um einen künftigen Test schnell entwickeln zu können, sobald das neue Coronavirus für die Medizin verfügbar sei.

„Im vorliegenden Fall von 2019-nCoV sind Virusisolate oder Proben von infizierten Patienten der internationalen Gemeinschaft für das öffentliche Gesundheitswesen bisher nicht zugänglich. Wir berichten hier über die Einrichtung und Validierung eines diagnostischen Arbeitsablaufs für das 2019-nCoV-Screening und die spezifische Bestätigung, der in Ermangelung verfügbarer Virusisolate oder Original-Patientenproben entwickelt wurde. Design und Validierung wurden durch die enge genetische Verwandtschaft mit dem SARS-CoV von 2003 ermöglicht und durch den Einsatz der synthetischen Nukleinsäuretechnologie unterstützt.“

Zudem hat Seibst wissentlich oder unwissentlich eine wichtige Stelle in dem Dokument nicht genannt: Nämlich dass es gar nicht vom 1. Januar ist, sondern erst am 21. Januar eingereicht und am 22. Januar angenommen wurde.

Das Papier ist nicht vom 1. Januar
Das Papier ist nicht vom 1. Januar

Ein weiterer Punkt: Zwar lag das neue Coronavirus nicht physikalisch vor, jedoch wurden den Wissenschaftlern noch vor der formalen Veröffentlichung die Genom-Sequenzen zur Verfügung gestellt, was ebenfalls in dem Papier steht:

„Ein effektives Assay-Design wurde durch die Bereitschaft von Wissenschaftlern aus China ermöglicht, Genominformationen vor der formalen Veröffentlichung auszutauschen, sowie durch die Verfügbarkeit von breitem Sequenzwissen aus ca. 15 Jahren Untersuchung von SARS-verwandten Viren in Tierreservoiren.“

Seibt pickte also selektiv nur die Stellen aus dem Papier heraus, die ihr passten, gab dem Workflow ein falsches Datum und nannte fälschlicherweise Drosten als Entwickler.

Das Coronavirus und die Koch’schen Postulate

Seibt behauptet, das neue Coronavirus wurde nie isoliert und erfülle nicht den „Goldstandard“ zur Erreger-Validierung, die sogenannten Koch’schen Postulate.

Bei den Koch’schen Postulaten handelt es sich um eine Reihe von Kriterien, anhand derer bestimmt wird, ob ein bestimmter Mikroorganismus die Ursache einer Krankheit ist. Entwickelt wurde sie von dem deutschen Arzt Robert Koch.

Die ursprünglichen Postulate lauten:

  1. Der Mikroorganismus muss in allen Organismen, die an der Krankheit leiden, im Überfluss vorhanden sein, sollte aber nicht in gesunden Organismen gefunden werden.
  2. Der Organismus muss von einem Wirt, der die Krankheit enthält, isoliert und in Reinkultur gezüchtet werden.
  3. Proben des Organismus, die aus Reinkultur entnommen werden, müssen dieselbe Krankheit verursachen, wenn sie im Labor einem gesunden, anfälligen Tier geimpft werden.
  4. Der Organismus muss aus dem geimpften Tier isoliert und als derselbe ursprüngliche Organismus identifiziert werden, der zuerst aus dem ursprünglich erkrankten Wirt isoliert wurde.

Heutzutage bilden diese Postulate immer noch eine wichtige Grundlage für die Feststellung der Ursache einer Infektionskrankheit, jene Kriterien haben aber auch ihre Einschränkung, was auch Robert Koch selbst erkannte.

So konnte beispielsweise Vibrio cholerae, der Erreger der Cholera, sowohl von kranken als auch von gesunden Menschen isoliert werden, was dem ersten Punkt der Postulate widerspricht. Auch gibt es viele Viren, die sich weder in Zellkulturen noch in Tieren vermehren, was Punkt 2 und 3 der Postulate widerspricht.

Aus diesem Grund wurden auch die Koch’schen Postulate von mehreren Wissenschaftlern in den letzten Jahrzehnten modifiziert, um die Kriterien für die Untersuchung von Viruserkrankungen anzupassen.

Nun aber zum wichtigen Punkt: Erfüllt denn das neue Coronavirus die ursprünglichen Postulate?

Die Antwort: Ja!


KORREKTUR 22.10.

Einzig bei Punkt 1 der ursprünglichen Koch’schen Postulate treffen die Voraussetzungen nicht zu, da SARS-CoV-2 auch bei gesunden Menschen nachgewiesen wurde.
Dies alleine ist allerdings kein Argument dafür, dass das neue Coronavirus die Postulate nicht erfüllt, da dies auf viele Viren zutrifft, weswegen ja, wie oben erwähnt, die Postulate, speziell auch wegen der Eigenarten von Viren, einer Modifizierung bedürfen.


In mehreren Studien isolierten Forscher das Coronavirus aus Patientenproben, vermehrten es in Zellkulturen und infizierten nichtmenschliche Primaten mit dem kultivierten Virus. Jene Primaten zeigten die gleichen Symptome wie Menschen inkl. Lungenschäden und Lungenentzündung. Das Virus konnte dann auch in den Primaten in seiner Reinform nachgewiesen werden.

So mögen also viele Viren, auch SARS-CoV-2, nicht die ursprünglichen Postulate erfüllen, was allerdings nicht den Forschungsergebnissen widerspricht, dass das neue Coronavirus eindeutig der Auslöser von COVID-19 ist. Die Behauptung ist somit falsch.

Drosten und die 45 Zyklen

Seibt behauptet, dass Christian Drosten von 45 Zyklen sprach, die eine PCR-Probe durchlaufen müsse, um erkennen zu können, ob jemand mit dem neuen Coronavirus infiziert sei.

Jedoch hält Drosten gar nichts von einer allgemeinen Festlegung des sogenannten Ct-Wertes, alleine schon deshalb, da die Größe der Proben beispielsweise von Labor zu Labor unterschiedlich sind: 30 Zyklen beispielsweise bringen in dem einen Labor ganz andere Ergebnisse als 30 Zyklen in einem anderen Labor. Dies betonte er auch in Interviews mit dem NDR.

60 Zyklen, wie Seibt beschreibt, benutzt übrigens kein einziges Labor, der Durchschnitt liegt bei rund 35.

Der Erfinder der PCR-Methode soll dem Nutzen widersprochen haben

Seibt behauptet, dass der Biochemiker und Nobelpreisträger Kary Mullis selbst sagte, seine Methode könne nicht bei Viruserkrankungen angewendet werden.

Die Behauptung fußt auf einen waschechten Verschwörungsmythos, nämlich den, dass das HI-Virus kein AIDS auslösen würde. Kary Mullis war ein Anhänger jenes Mythos, weswegen er auch stark kritisiert wurde.

In einem Artikel von 1996 darüber wird Mullis zwar zitiert mit den Worten „Die quantitative PCR ist ein Oxymoron“ und erwähnt, dass der PCR-Test nur Proteine nachweise, keine Virenanzahl feststellen könne (was ja auch stimmt), kommt die Behauptung, dass ein PCR-Test nicht zum Testen auf Viren geeignet sei, von dem Autor jenes Artikels, John Lauritsen.

Jene Behauptung wird also fälschlicherweise dem Erfinder der PCR-Methode zugesprochen.

„Drosten sagte 2014 selbst, die Methode sei zu empfindlich“

Zu dieser Behauptung veröffentlichten wir einen ausführlichen Artikel.
Drosten kritisierte damals die Anwendung der Methode bei MERS, die er zum damaligen Zeitpunkt als übertrieben ansah. Dies ist jedoch nicht bei der Anwendung auf COVID-19 Tests vergleichbar.

„CDC sagte, nur 6% starben direkt an dem Coronavirus“

Auch zu dieser Behauptung veröffentlichten wir einen ausführlichen Artikel.
Das CDC bestätigte zu keinem Zeitpunkt, dass nur 6% aller Todesfälle „wirklich“ an COVID-19 starben, sondern erklärt auf der Seite, dass in 6% aller Todesfälle keine weiteren Erkrankungen auf dem Totenschein angegeben oder bei den Patienten ersichtlich waren.

„Schweden hatte keinen Lockdown, und da wurde auch niemand krank“

Eine ziemlich starke Vereinfachung der Situation in Schweden.
Die schwedische Virologin Lena Einhorn erklärt dazu, dass es im ohnehin eher dünn besiedelten Schweden im Sommer quasi ein natürliches Social Distancing gab, da es zu dieser Zeit die Leute mehr aufs Land zieht.

Doch auch Schweden hat nicht nur Erkrankte, sondern Tote zu vermelden, mittlerweile werden lokale Lockdowns auch in Schweden nicht mehr ausgeschlossen.

Fazit

Die Behauptungen von Naomi Seibt sind im Einzelnen und im Gesamten nicht haltbar. Teilweise beruhen sie auf Verschwörungsmythen, teilweise auf pure Falschbehauptungen.


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