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Samstag, 27 November 2021

Faktencheck: Gibt es mehr als zwei Geschlechter?

„Es gibt nur zwei Geschlechter, Männer und Frauen! Basta!“ – Wirklich?

Viele lernten es so auch noch in der Schule: die beiden Geschlechter unterscheiden sich nicht nur durch ihre Geschlechtsorgane, sondern auch durch ihre Chromosomen: XX = weiblich, XY = männlich. So der allgemeine Wissenstand bis in die 1990er-Jahre.

Die aktuelle Diskussion

Die Forscherin Maya Forstater verlor ihren Job, nachdem sie sich auf Twitter wiederholt gegen transsexuelle Personen geäußert hat. Sie klagte gegen die Entlassung, doch der Richter entschied, dass die Ansichten von Frau Forstater „unvereinbar mit der Menschenwürde und den Grundrechten anderer“ sei.

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Weiter entschied das Gericht, dass Forstaters Ansichten nicht als „geschützer Glaube“ (also ähnlich wie religiöser Glaube) gelten, weswegen man nicht diskriminiert oder entlassen werden darf.

Die Diskussion um das Gerichtsurteil zog kurz darauf noch viel weitere Kreise, als „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling sich ebenfalls unter dem Hastag #IStandWithMaya dazu äußerte, was ihr viel Lob, aber noch viel mehr Unmut einbrachte, da sie die Ansichten Maya Forstaters teilt.

Grundkurs Biologie

Wie oben bereits erwähnt und sicherlich viele noch so in der Schule gelernt haben:
Wenn mann XX-Chromosomen hat, ist man eine Frau, wenn man XY-Chromosomen hat, ist man ein Mann. Daneben gibt es auch noch beispielsweise den Chromosomensatz XXY, den jeder fünfhunderste Mann in sich hat, aber das nur nebenbei.

Diese starke Vereinfachung ist großartig dazu geeignet, in Biologie die Grundlagen von Chromosomen zu lehren, hat allerdings einen fatalen Denkfehler, der sich bemerkbar macht, wenn man sich die Diskussionen über Transsexualität anschaut: Das biologische Geschlecht wird nicht alleine von den Chromosomen bestimmt!

Es ist in Wahrheit sogar viel komplizierter, da das Geschlecht nicht einmal „in Stein gemeißelt ist“, sondern sich tatsächlich im Laufe eines Lebens sogar ändern kann!
Doch fangen wir mal ganz von vorne an: Bei der Entwicklung eines Embryos!

Am Anfang war das Gen

Wenn sich eine befruchtete Eizelle entwickelt, haben wir zunächst einen Haufen Zellen, die aber in ihrer Gesamtheit noch geschlechtslos sind. Nach etwa fünf Wochen verklumpt sich eine Zellgruppe und bildet das sogenannte „bipotentiale Primordium„. Diese Zellen haben nun das Potential, sich ebtweder in Hoden, in Eierstöcke oder in keines von beidem zu formen.

Doch wodurch wird bestimmt, zu welchen Geschlechtsorganen sich die Zellen entwickeln?
Dies wurde erst 1990 durch die Untersuchung transsexueller Menschen herausgefunden: Das sogenannte SRY-Gen (sex-determing region Y) ist zumindest mitbestimmend, wenn nicht gar auslösend, ob ein Embroy sich männlich entwickelt.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn sind nicht (einfach ausgedrückt!) sämtliche SRY-Gene in den Zellen zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert, entwickelt sich das bipotentiale Primordium anders, beispielsweise in weibliche Keimdrüsen.

Noch mehr Gene spielen eine Rolle

Noch weitere Gene wie DMRT1 und FOXL2 reden mit: Durch diese Gene bestimmt sich das Geschlechtsverhalten (wichtig, bitte merken!) bis in das Erwachsenenalter hinein. Wenn diese Gene aus irgendeinem Grund nicht mehr funktionieren, können sich die Keimdrüsen verändern und die Eigenschaften des jeweiligen anderen Geschlechts aufweisen. Dies kann sogar soweit führen, dass sich bestimmte Bestandteile des biologischen Geschlechts komplett verändern.

Das Geschlechtsverhalten ist also keine Krankheit oder „Spleen“, sondern ist tatsächlich an das komplexe Verhalten einer Reihe von Genen geknüpft!

Ein kurzer Ausflug in die Biologie: Das Gehirn

An Penis und Vagina sollt ihr sie erkennen!„, mag sich mancher noch denken, und Zellforschung ist nicht für jedermann zu betreiben (und auch echt kompliziert, wenn man versucht, sich da reinzulesen). Ein anderer Aspekt wird aber gerne und immer wieder für das Geschlechterverhalten hergenommen:
Das sogenannte „männliche“ und „weibliche“ Gehirn!

Tatsächlich weisen die Gehirne von Männern und Frauen Unterschiede auf, doch komplizierter wird es, wenn man sich die einzelnen Hirnareale genauer anschaut!

Nehmen wir als bestes Beispiel mal den Bereich des Hirns, der sich SDN-POA (sexually dimorphic nucleus of the preoptic area = der sexuell dimorphe Kern des präoptischen Bereichs) nennt. Dieser Bereich im Gehirn ist ziemlich winzig, zeigt aber einen Unterschied auf:
Aus bisher noch ungeklärter Ursache ist dieser Bereich bei Männern meistens größer als bei Frauen.

Achtung, wir schrieben bewusst „meistens“, denn nun kommt die Besonderheit: Bei homosexuellen Männern ist dieser Bereich in etwa so groß und gleich vernetzt wie bei heterosexuellen Frauen!

Die simple Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen ist ungenau, da beide Gehirne Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts aufweisen können.

Transgender – die biologische Mischung aus Mann und Frau

Gerade durch die Beteiligung von trans Personen an den Forschungen konnten viele dieser Unterschiede in der Biologie und der Genetik erst aufgedeckt werden. so konnten mehrere Studien feststellen, dass die Gehirne von Trans-Personen Merkmale beider Geschlechter, teilweise sogar einzigartige Strukturen aufwiesen.

So sehen viele Trans-Personen zwar äußerlich oftmals rein nach Mann oder Frau aus, jedoch gibt es biologisch in der Struktur des Hirns und in den Genen eindeutige Unterschiede.

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Die Hormone

Wem es noch nicht kompliziert genug war: Die Hormone haben ebenfalls Einfluß auf das Geschlechtsverhalten!

Hormone kennen wir alle spätestens seit der Pubertät, und die Unterteilung ist eindeutig: Männer produzieren Testosterone, Frauen produzieren Östrogene. So zumindest der einfache Gedankengang.

Bis zur Pubertät ist die Gewichtung der Hormone Testosteron, Östrogen und Progesteron in etwa gleich. Ab dann wird mehr Testosteron oder mehr Östrogen produziert. Zumeist jedenfalls, denn die Gene und das Gehirn haben da das letzte Wort, nicht etwa Penis und Vagina!

Und so kommt es vor, dass genau diese Beiden dann den Geschlechtsorganen widersprechen: Jungs bekommen Brüste und interessieren sich oftmals gleichzeitig auch für andere Jungs, Mädchen haben zusätzlichen Haarwuchs, wirken „burschikoser“ und sind an anderen Mädchen interessiert.

Studien haben allerdings auch herausgefunden, dass die Ausschüttung von Testosteron nur zu 56 Prozent von den Genen beeinflusst wird. Es spielen also noch andere, noch nicht erforschte Faktoren eine Rolle. Schwieriger macht es, dass es keinen tatsächlichen „Durchschnittswert“ gibt, die Hormonwerte unterscheiden sich von Mensch zu Mensch sehr individuell!

Auch Hormone bestimmen kein eindeutiges Geschlecht, sondern sind oftmals sehr individuell.

Fazit

Wir haben hier nun drei Aspekte betrachtet: Die Gene, das Gehirn und die Hormone.
Als Fazit kann man dank zahlreicher wissenschaftlicher Studien eindeutig sagen:

Es gibt nicht nur zwei Geschlechter. Transsexualität ist ein echtes Geschlecht.

Eine Person nur anhand ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale als Mann oder Frau zu definieren, ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Zuviele Faktoren beeinflussen nicht nur das Geschlechtsverhalten, sondern auch die Entwicklung während der Lebenszeit, so kann sich das Geschlechtsverhalten auch tatsächlich „mittendrin“ ändern.

Es wird Zeit, dass wir Transsexuelle nicht als „Spinner“ abtun, sondern sie als das sehen, was sie sind: Menschen.

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Artikelbild: Aquarius Studio / Shutterstock

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