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Samstag, 27 November 2021

Impfung gegen Spanische Grippe tötete 50 Mio. Menschen? Falsch!

In Artikeln und Sharepics wird behauptet, 50 Millionen Menschen starben 1918 an einer Impfung.

Eine der tödlichsten Pandemien liegt 102 Jahre zurück, und nun haben wir eine Pandemie, gegen die derzeit Impfstoffe entwickelt werden. Zeit also für dubiose Seiten, Panik gegen Impfungen mittels einer Falschbehauptung zu verbreiten: In Wahrheit sei die Impfung gegen die Spanische Grippe schuld an den 50 Millionen Toten.

Eines der Sharepics
Eines der Sharepics

Lest es nach, informiert euch“ wird gefordert… okay, das können wir!

Die Spanische Grippe

Die sogenannte „Mutter aller Pandemien“ zählt als die schwerste Pandemie der jüngeren Geschichte. Schätzungsweise infizierten sich 500 Millionen Menschen (ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung) mit dem Virus, rund 50 Millionen Menschen starben daran.

Das auslösende H1N1 Virus war damals noch unbekannt, die Maßnahmen beschränkten sich auf die Bekämpfung bakterieller Folgeinfektionen, Quarantäne, Hygiene, Desinfektionsmittel, Einschränkung von öffentlichen Versammlungen und Tragen von Schutzmasken (was von vielen Menschen falsch oder gar nicht praktiziert wurde).

Welche Impfungen gab es damals?

Auch wenn der erste Impfstoff bereits im 18. Jahrhundert entwickelt wurde, steckte die Impfforschung noch in den Kinderschuhen. Gegen ganze fünf Krankheiten gab es Impfungen: Pocken, Tollwut, Typhus, Cholera und Pest.

Impfstoffe bis 1945, Quelle: CDC
Impfstoffe bis 1945, Quelle: CDC

Erst ab 1945  wurden Impfstoffe gegen Influenza entwickelt. Erst 1930 wurde festgestellt, dass die Grippe durch ein Virus, nicht nurch ein Bakterium ausgelöst wird.

Gab es denn damals nicht trotzdem Impfungen dagegen?

Es wurde damals vermutet, dass die Spanische Grippe durch Bakterien ausgelöst wird, weswegen tatsächlich auch einige Ärzte daran machten, Impfstoffe auf Grundlage von Bakterien aus den Lungen von Infizierten zu entwickeln.

Der Medizinhistoriker und Spezialist für die Geschichte der Spanischen Grippe in Australien, Dr. Peter Hobbins, erklärte gegenüber AAP FactCheck, dass dies ein grundlegendes Problem war: Jene Impfstoffe wurden gegen die „falschen“ Organismen entwickelt und hatten somit keinen Schutzwert.

Diese Impfstoffe, die allerdings nicht weltweit und eher örtlich beschränkt eingesetzt wurden, bekämpften somit nicht das H1N1-Virus, hatten aber zumindest einen kleinen Nutzen: Bakterielle Folgeinfektionen wurden bekämpft, die Spanische Grippe verlief weniger schwer.

„Impfstoffe waren damals ziemlich grob und die Menschen haben sich nach Erhalt möglicherweise unwohl gefühlt, aber es ist völlig falsch anzunehmen, dass es aufgrund ihres Gebrauchs weltweit 50 Millionen Todesfälle gegeben hätte.“

so Dr. Hobbins.

Jene Impfung wurde beispielsweise am Naval Hospital in League Island, Pennsylvania am Krankenhaus-Personal und einer Patientengruppe getestet. Er bestand aus B. influenza und Stämmen von Pneumokokken, Streptokokken, Staphylokokken und Micrococcus catarrhalis (jetzt Moraxella catarrhalis).

Es wurde festgestellt, dass die behandelten kranken Patienten keine Lungenentzündung entwickelten, aber eine Infektion der Lungenschleimhaut. Die Erkrankung verlief anders, aber definitiv kürzer.

Die Anzahl der mit dem Impfstoff behandelten Patienten war jedoch zu gering, um Rückschlüsse ziehen zu können, weswegen die Anwendung eingestellt wurde; zumindest kam es aber bei keiner geimpften Person zu einer Verschlechterung des Zustandes.

Fazit

Es gab 1918 gar keine direkte Impfung gegen die Spanische Grippe. Zwar gab es örtlich beschränkte Experimente mit möglichen Impfungen, die sich aber gegen die Bakterien der Folgeinfektionen richteten und nur wenig gegen die Spanische Grippe ausrichteten, aber auch nicht schadeten.

Die Behauptung, dass durch Impfungen gegen die Spanische Grippe 50 Millionen Menschen starben, ist somit definitiv falsch.

Weitere Quellen: AAP, Reuters, dpa
Artikelbild: Shutterstock / Von Everett Collection

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