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Montag, 24 Januar 2022

Faktencheck: Angeblicher Haftbefehl gegen Ex-Papst Ratzinger

„Wenn es auf einem Bild steht, muss es wahr sein.“

So scheint immer noch die einhellige Meinung vieler Nutzer zu sein. Dieses Sharepic mit dem Ex-Papst Josef Ratzinger (Papst Benedikt XVI) taucht immer wieder mal auf diversen Seiten auf und wird zumeist ohne Vorbehalt als echt hingenommen:

Ratzinger auf dem Sharepic
Screenshot: mimikama.at

Auf dem Sharepic steht:

„Ehemaliger Papst und ehemaliger katholischer Großinquisitor. Hat unzählige Kinderschänder gedeckt. Hat wahrscheinlich selbst mindestens einen satanischen Ritualmord begangen (1987 in Holland). Gegen ihn liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Trat deswegen zurück und versteckt sich seitdem im Vatikan, um seiner Verhaftung zu entgehen.“

Das sind ganz schön viele Behauptungen, die wir uns jetzt einmal anschauen.

Das Bild

Dies ist am Einfachsten zu debunken: Es handelt sich hier um einen Photoshop-Job, der ehemalige Papst zeigte niemals die „Pommesgabel“-Geste mit den Händen. Das Originalbild, bei dem er einfach nur die Hände hebt, findet sich hier.

Der Ritualmord

Diese Behauptung beruht auf der Aussage der Niederländerin Toos Nijenhuis, die behauptet, im Alter von vier Jahren von einer satanischen Sekte rituell missbraucht worden zu sein. Auf Youtube findet sich beispielsweise ein 16 Minuten langer Ausschnitt eines Gesprächs mit ihr, aufgezeichnet wurde es von Kevin Annett (zu dem wir gleich noch kommen werden); zahlreiche einschlägige Seiten über Verschwörungstheorien griffen das Thema dankbar auf.

Der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen kann zumindest angezweifelt werden, da sich in dem insgesamt zweieinhalb Stunden langen Gespräch zahlreiche Logiklücken und Widersprüche finden. Beispielsweise kann sie sich anscheinend sehr detailliert an sämtliche Personen und Geschehnisse erinnern (erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie damals vier Jahre alt war), und wusste, dass im Raum unter ihr ein Hund gefoltert und getötet wurde, während sie selbst an einen Tisch gefesselt war.

An einer anderen Stelle des Videos geht die Niederländerin mit Kevin Annett in einen Wald und zeigt die Stelle, wo ein Kind angeblich rituell ermordet wurde. Doch weder der genaue Ort noch andere Hinweise werden genannt.

Das Problem bei der Aussage von Toos Nijenhuis ist: Sie ist in keinem Punkt beweisbar. Dies macht es auch für Menschen, die den Aussagen glauben, so einfach, sie zu verbreiten, da man keine Gegenbeweise antreten kann, wo es keine Beweise gibt. Frau Nijenhuis konnte keinerlei Narben oder andere alte Verletzungen vorzeigen, die ihre Behauptungen stützen, ihre Personenbeschreibungen sind nicht überprüfbar, der angebliche Ort, wo der Ritualmord stattgefunden haben soll, wird nie genannt.

Die Brücke zu Kevin Annett

Die Aussagen von Toos Nijenhuis wurden alleine gegenüber Kevin Annett getätigt, der kein Unbekannter ist (ja, wir kommen wirklich gleich zu ihm). Die Autorin Judy Byington, selbst eine glühende Verfechterin der Verschwörungstheorie um satanische Ritualmorde der Kirche, nahm das Thema auf und verfasste einen Artikel über sexuelle Misshandlungen von Kindern und über Ritualmorde, die sogar von einem Gericht bestätigt worden sein sollen. Byington selbst widerspricht sich aber ebenfalls immer wieder, wenn man ihr konkrete Fragen zu ihren eigenen Behauptungen stellt.

Bei dem bestätigenden Gericht wiederum handelt es sich um das „International Tribunal into Crimes of Church and State“ (ITCSS), dessen Internetpräsenz seit einigen Monaten nicht mehr existiert, aber hier noch einsehbar ist. Das ITCSS hat laut Aussage der alten Internetpräsenz seinen Sitz in der „Republic of Kanata“, wurde am 15. Juni 2010 gegründet und beschäftigt sich hauptsächlich mit Verbrechen der Kirche und des Staates.

Nun bemüht mal Google Maps und versucht, die „Republic of Kanata“ zu finden. Wir helfen euch bei der Suche:

Screenshot Google Maps
Screenshot Google Maps

Tatsächlich ist Kanata ein Vorort von Ottawa in Kanada. Aber eine Republik? Nein. Die „Republic of Kanata“ ist ein Fantasiestaat, erdacht und gegründet von Kevin D. Annett, der schon seit Jahren behauptet, dass der Papst „demnächst“ verhaftet wird – aufgrund eines Urteils des ITCSS, einem Tribunal, welches nur aus ihm alleine besteht, von dem auch der „internationale Haftbefehl“ stammen soll.

Judy und Kevin

Bei der weiteren Suche fällt auf, dass die Autorin Judy Byington und Kevin D. Annett ein besonderes Verhältnis haben:
Seit Jahren postet Judy den immer gleichen Artikel in verschiedenen Variationen auf einer Pseudo-Newsseite, dabei beruft sie sich immer nur auf die Aussagen von Kevin D. Annett und seinem Ein-Mann-Tribunal:

Hier nur ein kleiner Ausschnitt ihres Schaffens:

Screenshot Before it's News
Screenshot Before it’s News

Man kann somit zumindest vermuten, dass Judy Byington und Kevin D. Annett sich wohlgesonnen sind.

Fazit

Die Aussagen auf dem Sharepic beruhen alleine auf den Behauptungen von Kevin D. Annett, der in Reichsbürgermanier einen Fantasiestaat inklusive einem Fantasiegericht entwarf, dessen Richter, Anwalt und Geschworene alleine er selbst ist. Die Aussagen über den Ritualmord beruhen auf den Aussagen einer Niederländerin gegenüber Annett, deren Inhalt aber widersprüchlich und nicht überprüfbar sind.

Einen gültigen internationalen Haftbefehl gegen Josef Ratzinger gibt es aus diesem Grund natürlich auch nicht!

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