Facebook sperrt Satireprojekt

Facebook sperrt Satireprojekt

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Nur einen Tag nachdem wir von der Aussperrung eines der dortigen Administratoren berichteten, sperrte Facebook nun die gesamte Seite.

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Mehr noch: in der Erklärung zu der Sperrung droht Facebook dem Satireprojekt “Hooligans Gegen Satzbau” mit der dauerhaften Löschung.

Update 17. Juni 2015

Die Seite ist wieder da. Seit gestern Abend ist die Seite unter der Adresse https://www.facebook.com/NeudeutscherStumpfsinn wieder zu erreichen.

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Das ist ist jedoch vorher geschehen:

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Deine Seite ist nicht mehr veröffentlicht
Deine Seite ist auf Facebook derzeit nicht sichtbar. Offenbar entsprechen auf deiner Seite gepostete Inhalte nicht den Nutzungsbedingungen von Facebook. Daher wurde deine Seite auf unveröffentlicht gesetzt. Mit diesen Nutzungsbedingungen stellen wir sicher, dass Facebook auch weiterhin eine sichere und respektvolle Umgebung bleibt.

Wenn du der Ansicht bist, dass deine Seite versehentlich unveröffentlicht geblieben ist, kannst du Widerspruch einlegen. Beachte bitte, dass deine Seite dauerhaft gelöscht wird, wenn dein Einspruch abgelehnt wird.

Ursachen?

Das Satireprojekt “Hooligans Gegen Satzbau”hat es sich zur Aufgabe gemacht, inhaltlich und orthographisch extreme Aussagen, welche rechtspolitisch einzuordnen sind, zu korrigieren und auf der eigenen Facebookseite Tipps zu geben, wie man in Zukunft diese Schwächen in der eigenen Muttersprache beheben kann. Die Vorlagen dazu stammen aus öffentlichen Facebookkommentaren und wurden zumeist von Nutzern eingesendet.

Bereits vor einigen Tagen stellte sich heraus, dass Facebook mit der Satire dieser Seite nicht zurechtkam und einen Admin aufgrund angeblich Volksverhetzender Inhalte für 7 Tage sperrte.

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(Grafik mit freundlicher Genehmigung von “Hooligans Gegen Satzbau)

Immer wieder zwischendurch gab es Sondergrafiken, welche besonders schwere Verstöße gegen die Orthographie darstellten. So entstand das Bild vom “linken Komponistenpack” oder auch dem “Volksfahrräder”.

Hier versteht Facebook keinen Spaß

Und wahrscheinlich nicht nur Facebook, da diese Bilder gemeldet wurden und anschließend von Facebook als “volksverhetzend” eingestuft wurden. Dass es sich um ein Satireprojekt handelt, scheint dabei irrelevant zu sein.

Doch es war gerade Mark Zuckerberg, welcher im Januar dieses Jahres die Worte #‎JeSuisCharlie‬ auf Facebook nutzte und versprach, dass man auf Facebook frei reden darf. und letztendlich damit auch zeigt, dass Satire einen Platz auf Facebook hat.

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Daher geht dieser Hinweis nochmals an die Facebookverantwortlichen:

Was darf die Satire? (Tucholsky)

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ‚Simplicissimus‘ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (‚Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‘), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

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