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Desinformation – Das Gift der Online-Kultur

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Die Gedankenwelt vieler Menschen wird durch immer mehr Desinformation, Halbwahrheiten und astreinen Falschbehauptungen vergiftet. Doch was kann dagegen unternommen werden?

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Das Leben wäre um so vieles einfacher, wenn jeder ein fotografisches Gedächtnis hätte – und die Zeit, Artikel auch wirklich zu lesen und die Quelle einschätzen zu können.
Doch so perfekt sind wir nicht, was dazu führt, dass Desinformation, die zumeist nur durch Überschriften oder Sharepics im Gedächtnis bleibt, auch offline verbreitet wird und das gesellschaftliche Klima weiter vergiftet.

Der Sturm auf das Capitol – ein schrilles Warnsignal

Als am 6. Januar eine Horde von US-Bürgern das Capitol stürmten, war das für manche Leute vielleicht unerwartet, doch für viele Experten nur eine weitere Eskalation der durch Desinformation vergifteten Online-Kultur. QAnon-Anhänger und Verschwörungsmythiker, die sich online schon seit langem gegenseitig aufstachelten, wollten ihre kruden Fantasien in die Tat umsetzen und die Ernennung Joe Bidens zum neuen US-Präsidenten verhindern.

Dr. Alexi Drew, Postdoctoral Research Associate am Policy Institute am King’s College in London und Expertin für die Rolle sozialer Medien bei der Eskalation von Konflikten, macht sich in einem Meinungsartikel des bcs Gedanken darüber, wie soziale Medien der weiteren Vergiftung des Debatten-Klimas Einhalt gebieten könnten – und scheut dabei auch nicht kontroverse Ansichten.

Das schmutzige Wort: Zensur

Wer ist verantwortlich für die Beseitigung und die Verhinderung von Hass, Hetze und Desinformation in sozialen Plattformen? Jener Schwarze Peter wird gerne den Plattformen selbst zugeschoben – diese müssen sich um die eigenen Inhalte kümmern.
Problem gelöst? Beileibe nicht!

Die sozialen Plattformen wiederum weisen dies von sich: Es gilt, die freie Meinungsäußerung zu wahren. Zudem lässt sich Hatespeech nicht einfach mit ein paar neuen Algorithmen und dem Ändern der Benutzeroberfläche beseitigen, denn es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches auch eine gesamtgesellschaftliche Lösung fordert.

Deswegen muss über ein Wort geredet werden, welches schon die ganze Zeit tunlichst vermieden wird, aber in dieser Debatte genannt werden muss: Zensur.

Bisher gibt es gar keine Zensur!

Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass in sozialen Medien „zensiert“ werde, so ist das nicht die Wahrheit, denn der Staat hat keinerlei Einfluss darauf, was auf Facebook oder Twitter gepostet werden darf und was nicht. Administratoren und Mitarbeiter jener privaten Unternehmen entscheiden, welche Inhalte rechtlich und moralisch gestattet sind.

Und doch wird auch sicher weiterhin von „Zensur“ geredet werden, da soziale Medien quasi öffentliche Räume sind, in denen jeder frei seine Meinung kommunizieren dürfe, egal in welcher Form. Und das ist im Prinzip ja auch richtig.

Die offenen Fragen

Bezüglich der Inhalte sozialer Medien sind die Nutzer die Schaffenden, die Admins und Moderatoren jene, die die Inhalte sortieren und einschätzen müssen. Was ist noch erlaubt, was ist schon strafbar?

Im Endeffekt müssen drei Fragen beantwortet werden, um die künftige Vorgehensweise gegen Desinformation in sozialen Medien festzulegen:

  • Wessen Aufgabe ist eigentlich die Moderation von Inhalten?
  • Was soll und was soll nicht moderiert werden?
  • Welche Ansätze zur Content-Moderation gibt es und wie gut funktionieren sie?

Fest steht nur, dass eine gemeinsame Strategie entworfen werden muss, welche aber auch ganz schnell wieder das hässliche Wort hervorbringen könnte: Zensur.

Verantwortungen und Rechte

Derzeit ist es also so, dass die sozialen Plattformen das alleinige Recht haben, die „Schiedsrichter der Wahrheit“ zu sein. Diese lassen jedoch sehr viel durchgehen, da sie als private Unternehmen ja ihr Geld verdienen möchten: kontroverse Themen bringen Klicks, da drückt man auch gerne mal das rechte Auge zu.

Nun könnte man diese Verantwortung beispielsweise mit dem Staat aufteilen, doch dann würde das Wort „Zensur“ wahrscheinlich knallrot über allen Köpfen leuchten, da das Vertrauen in Regierungen, politische Parteien, internationale Institutionen und sogar Experten auf einem historischen Tiefstand ist.

Eine andere Möglichkeit wäre eine sehr viel breit gefächerte Verantwortung für Inhalte unter Regierungen, Nichtregierungsorganisationen, Aktivisten, Akademikern und der Industrie in drei Arbeitsbereichen, die alle zur „Aufgabe“ der Inhaltsmoderation beitragen. Die Entscheidung, was moderiert werden soll, muss auf den Werten, Normen und Prinzipien derjenigen basieren, die moderiert werden sollen, und auf der Grundlage des Risikos bewertet werden, das jeder Inhalt für die Informationsgesundheit darstellen könnte, wenn man ihm erlaubt, auf diesen Plattformen zu wuchern.

Der aktuelle Stand

Auch aufgrund der politischen Ereignisse der letzten Monate mit Donald Trump als US-Präsidenten haben einige Plattformen bereits Maßnahmen eingeführt, um Desinformation weniger zu streuen.

So gehen die größten Plattformen derzeit folgendermaßen vor:

  • Facebook – Faktenüberprüfung und Kennzeichnung von Inhalten
  • Twitter – Abfrage, ob man einen Artikel gelesen hat, bevor man ihn retweetet
  • WhatsApp – Begrenzung der Nachrichtenweiterleitung auf fünf Chats
  • Wikipedia – Überwachung der letzten Änderungen, Watchlisting und Vandalismusabwehr
  • Reddit – Upvoting und Downvoting von Inhalten

Die Algorithmen – Segen und Fluch

Am Beispiel von Twitter sieht man recht gut, dass die verwendeten Algorithmen zur Eindämmung von Desinformation auch leicht als Waffe verwendet werden können. Oftmals werden dort informative Twitterkonten aus heiterem Himmel gesperrt oder gelöscht.

Dies liegt daran, dass Desinformanten den Twitter-Algorithmus nutzen:
Wenn ein Account oft genug gemeldet wird, so sperrt oder gar löscht Twitter ihn automatisch. Und längst organisieren sich Verschwörungsmythiker, QAnon-Anhänger und andere Desinformanten immer wieder auf anderen Plattformen, um Twitter-Accounts sperren zu lassen, die ihnen unliebsam sind – Sie nutzen die beklagte „Zensur“, um „Zensur“ zu betreiben.

Dieses gut gemeinte Mittel der Inhaltsmoderation durch die Verbindung von Community-Engagement und algorithmischer Überwachung hat dazu geführt, dass Interessengruppen, Aktivisten und Extremisten die Pflugschar wieder in ein Schwert verwandeln können.

Was nötig ist

Wir brauchen eine transparente und effektive Evaluierung der Richtlinien zur Inhaltsmoderation und ihrer Auswirkungen. Wir müssen lernen, was auf welcher Plattform funktioniert, und wir müssen in der Lage sein, Schlupflöcher, die einen Missbrauch ermöglichen, eher früher als später zu schließen. Schwachstellen in der Inhaltsmoderation dürfen nicht zu einer Dynamik führen, die genau zu dem Problem beiträgt, dem sie eigentlich entgegenwirken sollten.

Auch die Ziele der Moderation müssen ständig überprüft und bewertet werden. Eines der größten Risiken von Zensur, gleich welcher Art, besteht darin, dass sie ein endgültiger und unanfechtbarer Akt ist. Die Moderation von Inhalten sollte versuchen, das Risiko solcher Extreme abzumildern, indem sie einer ständigen Selbstprüfung unterliegt, ob das, was moderiert wird, solchen Beschränkungen unterliegen sollte.

Fazit

Es ist also noch ein weiter Weg, bis Desinformation im Internet so weit eingedämmt werden kann, dass die komplette Online-Kultur und darüber hinaus auch der gesellschaftliche Diskurs nicht mehr so sehr von Desinformation, Hass und Hetze vergiftet wird. Die Erstürmung des Capitols durch Vandalen, die fest an Verschwörungsmythen aus sozialen Netzwerken glaubten, war ein überfälliger Schuss vor dem Bug, dass sich was ändern muss.

Es starben schon Leute durch Desinformationen, die beispielsweise lieber homöopathische Zuckerkügelchen nahmen oder ihren Heilpraktiker gegen ihren Krebs aufsuchten.
Im Januar 2021 starben bei der Erstürmung des US-Capitols fünf Menschen.

Wir sollten daraus lernen.

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Verwendete Quelle: bcs/Dr Alexi Drew
Auch interessant:
Angeblich hat der Sturm auf das Capitol wohl gar nicht stattgefunden, die Szenen aus dem Capitol wurden im Studio gedreht. Dies wird zumindest unter QAnon-Anhängern behauptet.
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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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