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Die Verschwörungslegende über Tausende von einem Geheimbund gefolterter Kinder nimmt gefährliche Ausmaße an.

Das steckt hinter der QAnon-Verschwörungslegende und -Bewegung – Das Wichtigste zu Beginn:  2017 veröffentlichte „QAnon“ im Forum 4Chan als vermeintlich hochrangiger Regierungsmitarbeiter angeblich geheime Informationen zu einem Geheimbund, der Tausende Kinder foltere. In der Corona-Krise erreicht diese Legende ein gefährliches Ausmaß.

Schneeballsystem Verschwörungsmythen

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Mythen und Verschwörungslegenden bestehen wohl so lange, so lange es Menschen gibt. Zeiten, in denen Unsicherheit sich in den Alltag einschleicht, verlangen nach Antworten, die viele wohl nicht in der Form erhalten, in der sie sich diese wünschen. Dies ist vermutlich eine der wichtigsten Bedingungen, Verschwörungslegenden nach und nach anzufüttern und sie wie ein Schneeballsystem bis hin zur Lawine voranzutreiben.

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Definition QAnon

Ausgehend für die Bezeichnung war ein Eintrag im Internet-Forum 4Chan eines Nutzers mit dem Nickname „Q“.

„Q“ sollte hier wohl den Sicherheitsstatus „Q Clearance“ andeuten: Die höchste Freigabestufe für geheime Informationen. Nutzer im Forum 4Chan tragen die Bezeichnung „Anonymous“, so wurde „Anon“ beigefügt und zeigt wiederum die Anonymität, unter der dieser Nutzer agiert.

Der Autor im Forum behauptete, hochrangiger Regierungsmitarbeiter zu sein und seine Informationen unter dem Deckmantel der Anonymität weiterzugeben.
Unvorstellbare Schilderungen folgten. Ein Geheimbund, der in den höchsten Kreisen angesiedelt sei, entführe tausende Kinder, halte diese in Kellern und Tunnelsystemen gefangen, foltere sie, nehme ihnen Blut ab, mit dem die Superdroge, das Anti-Aging-Wundermittel „Adrenochrome“, produziert werden soll. Die Kinder würden weiters als Sexsklaven gehandelt, an Organhändler oder Kannibalen verkauft.

Miro Dittrich beobachtet für die Amadeu-Antonio-Stiftung Extremismus im Internet. Er sagt dazu:

„Prinzipiell sind alle darin enthaltenen Erzählungen nichts Neues. Der blutabnehmende Ritualmord an Kindern durch die Elite: Das kennen wir schon aus antisemitischen Erzählungen aus dem 15. Jahrhundert.“

Die meisten Ausführungen sind sehr kryptisch und vage formuliert. So werden sie weiter interpretiert und wachsen zu den Legenden an, denen wir mittlerweile immer öfter im Internet und sozialen Medien begegnen.

Wer steckt hinter QAnon?

Unter den Verschwörern sollen sich die Partei der US-Demokraten, jüdische Zirkel und weitere Geheimbünde finden. Auch Hillary Clinton soll ihnen angehören.

In die Rolle des Widersachers gegen diese Verbindung schlüpft US-Präsident Donald Trump. Er kämpft gegen den sogenannten „Deep State“ (tiefen Staat) an, habe in geheimen Operationen bereits tausende Kinder aus den Fängen des Geheimbundes befreit. Weiters teilt er immer wieder Tweets von QAnon-Aktivisten. Immer mehr Trump-Anhänger bekennen sich mittlerweile zu QAnon.

Wer tatsächlich hinter QAnon steckt, lässt sich nicht sagen.

„Es gibt viele Gruppen, die behaupten, QAnon zu sein, das kann ja im Grunde jeder sein“, so Andre Wolf / Mimikama.

Bühne frei für QAnon dank Corona

Seit Anfang April, gleichzeitig mit den sich überschlagenden Berichten zur Corona-Krise, Maßnahmen, Lockdowns und Ausgehbeschränkungen, gewinnt das Thema immer mehr an Beachtung. Beiträge werden über WhatsApp und Facebook verbreitet, Videos auf YouTube immer häufiger.
Ein enormer Zuwachs an Telegram-Kanälen, denen teilweise Zehntausende Nutzer folgen, wird verzeichnet. – So auch der Kanal des Kochs Attila Hildmann.

Xavier Naidoo gilt seit der Veröffentlichung des Videos, in dem er weinend von den Geschehnissen zu erzählen versuchte, als einer der prominenten Vorreiter. Weitere schließen sich an. Zuletzt sprach Rapper Sido davon, er könne sich vorstellen, dass an den Berichten entführter Kinder etwas dran sein könne.

Dittrich gibt zu bedenken: „Wenn Prominente diese Geschichten verbreiten, ist das sehr gefährlich.“

Chatgruppen wie „Qanons Channel Deutschland“ rufen zu Aktionen auf. Unter anderem wurde hier ein Video-Livechat mit Grünen-Vorsitzendem Robert Habeck durch zahlreiche Fragen und Kommentaren zum Thema QAnon überrannt.

Die Abonnenten solcher Gruppen verteilen Inhalte weiter in sozialen Medien und sorgen so für eine breite Streuung der Verschwörungslegenden. Menschen, die sich von selbst nicht mit dem Thema beschäftigt hätten, kommen nun nicht mehr daran vorbei.

Menschen suchen nach Antworten

Miro Dittrich gibt ein einleuchtendes Beispiel: Für viele Menschen sei es einfacher, derartige Geschichten zu glauben, als sich einen unsichtbaren, für viele nicht greifbaren, „Feind Corona“ vorzustellen.

Durch die teilweise sehr unterschiedliche Informationsqualität zu dieser Pandemie wuchs das Misstrauen in Politik und Wirtschaft während der Corona-Krise noch an. Laut der „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung glaubt in Deutschland mittlerweile jeder Zweite, dass geheime Organisationen Einfluss auf die Politik hätten. Jeder Vierte geht davon aus, dass Politik und Medien zusammenarbeiten, sicherlich auch durch die ständige Konfrontation mit der Thematik „Lügenpresse“ bestärkt.

Zu viele Informationen prasseln auf die Menschen ein. Dittrich bezeichnet die von der Realität überforderten QAnon-Anhänger als „die letzten Anhänger einer geordneten Welt“.

Andre Wolf erklärt, wie Verschwörungslegenden in den Köpfen der Menschen Sinn machen können: „Die Anziehungskraft liegt in den einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Die Menschen suchen Halt, und auch ein böses Märchen gibt den Menschen zumindest Orientierung.“

Die Corona-Krise unterstützt somit das Anwachsen sämtlicher Verschwörungslegenden, sodass sich auch Normalbürger zu Gedanken wie „da kann schon was dran sein“ hinreißen lassen.

Gefährliche Bewegung

In Chats und Videos wird laut Andre Wolf dazu aufgefordert, Unruhe zu stiften und zu zivilem Ungehorsam aufgerufen. Brandgefährlich ist hier, dass die Schwelle zur Gewalt bei QAnon-Anhängern möglicherweise sehr niedrig sei.

„Wenn man in einer apokalyptischen Welt lebt, erzeugt das sehr großen Handlungsdruck“, so Miro Dittrich.

Zusammenhänge zu den Attentaten von Halle und Hanau konnten erkannt werden. Der Attentäter von Hanau hatte in einem YouTube-Video von einem Geheimbund, der Einfluss auf die US-Politik habe, erzählt, der Kinder misshandele.
Laut Dittrich stehen zwei Morde, ein versuchter Mord und zwei Entführungen in Verbindung mit QAnon-Anhängern. Einen Monat, bevor eine Frau den US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden töten wollte, habe sie ebenfalls QAnon-Themen gepostet.

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Ablehnung von Fakten und Richtigstellungen

Die Vorgehensweise und das Auftreten der QAnon-Gruppierungen erinnern an Sekten. So ist es ein schwieriges Unterfangen, jemanden, der hier einmal eingetaucht ist, wieder einzufangen, gibt Andre Wolf zu bedenken. Diskussionen und Richtigstellungen werden negiert. Was sich in den Köpfen der Menschen erst einmal manifestiert hat, lässt sich so einfach nicht mehr „weg erklären“.

Miro Dittrich rät dazu: „Auf jemanden einwirken kann man Studien zufolge, wenn es eine persönliche Beziehung gibt. Man kann dann versuchen, kritisch zu hinterfragen, ohne zu sagen, `Du bist ja ein Trottel.´“

Quelle: n-tv.de
Artikelbild: Shutterstock / Von HollyHarry
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