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Sonntag, 5 Dezember 2021

Das Baby mit dem angeblichen Krebsgeschwür

Langsam aber doch, trudeln auch zu diesem Clickbait-Urgestein wieder die Anfragen herein.

Es handelt sich dabei um das Foto eines Babys, das eine rote Geschwulst auf der rechten Gesichtshälfte hat.

Unzählige Male wurde es für Clickbait-Aktionen missbraucht und als Kettenbrief durch die sozialen Netzwerke geschickt.

Es geht um dieses Foto (im Internet ist eine unverpixelte Version im Umlauf):

Screenshot by mimikama.at / Quelle: Fam. Ettore
Screenshot by mimikama.at / Quelle: Fam. Ettore

Die Geschichte dazu:

Je öfter man das Bild teile, umso mehr würde von Facebook an die Familie gespendet. Bullshit, denn das Foto stammt aus dem Jahre 2005 und dem Jungen geht es heute gut – und er ist seinen Blutschwamm los.

Die Geschichten rund um dieses Baby bleiben jedoch leider legendär. Unzählige Diskussionen, an welcher Krankheit der Junge nun leide, bis hin zur Todeserklärung, wurden geführt.

Der Faktencheck

Wir denken an das Jahr 2012 – das war das Jahr, in dem wir die Recherchen zu diesem Bild aufnahmen, aber beantworten zuallererst die Frage, ob das nun stimmt…

Natürlich stimmt es NICHT. Dieses Baby hat weder Krebs, noch spendet Facebook Geld für seine Behandlung.

Was wirklich dahinter steckt:

Wir sehen hier ein Babyfoto von Samuel. Er wurde in Vietnam geboren, war dort in einem Waisenhaus und wurde von einer amerikanischen Familie aus Kalifornien adoptiert.

Das Foto wurde von einem Angestellten des Waisenhauses aufgenommen, denn die Familie selbst ist nicht im Besitz des Originalfotos.

Es wurde 2007 zum ersten Mal im Internet veröffentlicht.

Samuel litt auch nie an Krebs, sondern diese Geschwulst war ein Blutschwamm, der mit mehreren gesichtschirurgischen Operationen entfernt wurde. 2014 erhielt Samuel noch Laser-Behandlungen.

Warte, 2014?

Richtig. Samuel ist mittlerweile 13 Jahre alt, erfreut sich bester Gesundheit und ist kein Baby mehr, für das angeblich Geld gesammelt wird.

Exklusiv-Interview mit Familie Ettore

2014 erhielten wir die Möglichkeit, mit der betroffenen Familie ein Interview zu führen.

Wer es also ganz genau wissen möchte. Hier nochmal das Interview, das bestätigt, dass dieser Junge weder Krebs hat, bei weitem kein Baby mehr ist und dass sie von Facebook keinen einzigen Cent erhielten:

Das Interview

(Das Interview erfolgte in englischer Sprache. An dieser Stelle dürfen wir hier die Übersetzung veröffentlichen)

Mimikama / ZDDK: Das Foto welches Ihren Sohn zeigt, ist uns seit längerer Zeit bekannt. Wissen Sie, wann dieses Foto erstmals veröffentlicht wurde?

Hope Ettore: Dieses Foto erschien zum ersten mal im Januar 2012 bei Facebook. Jedoch wissen wir, dass dieses Bild seit 2007 im Internet kursiert. Ich hab es auf Webseiten quer über die Welt verteilt gefunden und habe es auch erfolgreich von Seiten in Saudi-Arabien, Norwegen, Sri Lanka, USA, etc. entfernen lassen.

Mimikama / ZDDK: Wenn nicht Sie dieses Bild ins Netz gebracht haben, wissen Sie, woher das Bild stammte und wer es aufgenommen hat?

Hope Ettore: Der Veröffentlicher muss wohl irgendjemand aus dem Umfeld des Waisenhauses in Vietnam sein, denn wir (als seine Eltern) sind nicht einmal in Besitz des Fotos. Das Foto wurde noch im Waisenhaus aufgenommen.

Mimikama / ZDDK: Das Foto bekommt ja regelmäßig den Untertitel, dass dieses Baby Krebs hätte. Kurz und ausdrücklich für die Leser: Stimmt es, dass Samuel kein Krebsgeschwür hatte, sondern einen Blutschwamm?

Hope Ettore: Samuel hatte niemals Krebs. Diese Art von Tumor war ein Gefäßtumor welcher auch Blutschwamm (Hämangiom) genannt wird. Er musste sich mehrerer gesichtschirurgischer Operationen unterziehen und bekommt auch heute noch Laser-Behandlungen.

Mimikama / ZDDK: Dann gehen wir davon aus, dass Samuel sich nicht in Lebensgefahr befindet, so wie das Bild es suggeriert. Wie geht es denn Samuel heute bzw. wie alt ist Samuel?

Hope Ettore: Samuel ist nun NEUN Jahre alt und ihm geht es richtig gut. Er hat einen wundervollen Charakter und macht sich auch in der Schule gut. All seine Lehrer mögen ihn sehr und auch uns bringt er jeden Tag zum lachen.

Mimikama / ZDDK: Was sagen sie dazu, dass Facebook Nutzer dieses Foto mit Unwahrheiten verbreiten um an „Likes“ zu kommen?

Hope Ettore: Diese ganzen Erfahrungen waren äußerst stressig und schmerzvoll. Wenn man nicht die Kontrolle über eine Situation hat, in der das eigene Kind gefangen ist, belastet es einen sehr und man fühlt sich machtlos. Es war im Besonderen sehr ärgerlich, als wir dieses Bild auf Facebook-Seiten gesehen haben, die es missbraucht haben um „Likes“ und „Shares“ für ihre dummen (und oftmals niederträchtigen) Seiten zu bekommen. Außerdem sind immer einige der Kommentare, welche die Leute hinterlassen, einfach nur verletzend oder unhöflich.
Es war auch sehr ärgerlich, dass selbst nach monatelangem Bitten Facebook sich weigerte, irgendwie einzugreifen und das Foto zu löschen, obwohl wir genau wissen, dass sie die Möglichkeit dazu haben und auch durchaus dazu im Stande sind.

Mimikama / ZDDK: Diese unerfreuliche Situation tut uns sehr Leid. Wahrscheinlich bleibt auch Samuel davon nicht unberührt. Weiß denn Samuel, dass sein Bild auf Facebook zu sehen ist?

Hope Ettore: Als er gerade erst sieben Jahre alt war, also zu dem Zeitpunkt, als das Bild erstmals auftauchte (Anmerkung: bei Facebook), war es wahrhaftig ein schwerer Umstand für ihn zu verstehen, was da überhaupt vor sich ging. Er wusste zwar, dass er im TV und in den Zeitungen zu sehen war und worum es da auch ging, aber die Versuche, ihm zu erklären, warum diese Leute das machen, waren praktisch unmöglich, da die ganze Angelegenheit so sinnlos und bizarr erscheint.

Mimikama / ZDDK: Das ist durchaus verständlich und wir hoffen, dass wir mit diesen Sätzen auch an die Vernunft der Nutzer appellieren können. Als abschließendes Statement: Was möchten sie und / oder Samuel jenen Nutzern mitteilen, die dieses Foto auf Facebook veröffentlichen?

Hope Ettore: Wenn diese Personen nur mal einen Moment inne halten würden und ihren Verstand nutzen würden – ich meine damit wirklich nutzen: Glaubt Ihr WIRKLICH, dass Facebook kranken Kindern für „Likes“ und „Shares“ Geld gibt? Ergibt das wirklich einen Sinn?
Die Menschen denken oft: “Ach, wem solls weh tun?“ Aber ich kann Euch genau sagen, wem es weh tut: Es ist das Kind und die Familie, die unter diesem Wahn leidet. Hinter jedem Foto von einem kranken Kind steckt eine Geschichte und auch eine Familie die sehr betrübt darüber ist, dass sie machtlos dastehen und mit ansehen müssen, wie ihr Kind zur Unterhaltung anderer benutzt wird. Ich bin der Meinung, die Leute sollten sich mehr in „Verantwortung im sozialem Netzwerk“ üben und zumindest ein wenig recherchieren, bevor sie IRGENDWAS teilen. Ich selbst teile ÜBERHAUPT NICHTS, ohne vorher zu hinterfragen.

Es sind mittlerweile etwas mehr als zwei Jahre vergangen und dieses Foto geistert immer noch bei Facebook herum. Wir haben nach 6 zerrenden Monaten ohne Schlaf und durchgehendem Widerstand den Kampf aufgegeben. Wir haben einen Anwalt beauftragt um Facebook zu zwingen, die Bilder herauszunehmen, aber er hat abgeraten zu klagen, da der Prozess gegen Facebook vor Gericht uns finanziell ruinieren würde. Daher haben wir aufgegeben. Es ist schwer, dem ganzen einen Sinn zu geben.  Wir sind jedoch der Ansicht, dass es das Wichtigste ist, Samuel gesund und glücklich zu sehen und dass er kein Krebs hat. Er lebt in einer Familie, die ihn liebt und er entwickelt sich prächtig.

Vielen Dank, dass Sie uns helfen möchten. Mit freundlichen Grüßen, Hope Ettore und Familie

Hope Ettore samt Familie / Quelle: Familie Ettore
Hope Ettore samt Familie / Quelle: Familie Ettore

Thanks so much for helping us. Sincerely, Hope Ettore and Family

Sehr geehrte Familie Ettore, ZDDK / Mimikama.at bedankt sich herzlich für dieses exklusive Interview und wünscht Ihnen allen eine gesunde und glückliche Zukunft!

Ergebnis:

Wer das Interview gelesen hat, fühle sich bitte dazu angehalten dieses Foto nicht weiter zu verbreiten!

Wie Mrs. Ettore bereits sagte: Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte. Vor allem, wenn es um Fotos von kranken Kindern geht.

Sollte man also diesem Bild auf Facebook begegnen, NICHT teilen!


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